Samstag, 18. Februar 2017, 20:48 Uhr

Berlinale 2017: Goldener Bär für "Körper und Seele"

Nach mehr als vier Jahrzehnten geht der Goldene Bär wieder nach Ungarn. Zum Abschluss der 67. Berlinale darf aber auch ein deutscher Regisseur jubeln.

Es ist eine zarte Liebesgeschichte – und sie bahnt sich ausgerechnet am Rande des blutigen Gemetzels in einem Budapester Schlachthaus an. Ildikó Enyedis Drama „Körper und Seele“ („Teströl és lélekröl“) gewann am Samstagabend den Goldenen Bären der 67. Berlinale. Nach 42 Jahren ging der Hauptpreis der Berliner Filmfestspiele damit wieder nach Ungarn.

Grund zur Freude hatte auch der Berliner Regisseur Thomas Arslan. Sein Hauptdarsteller Georg Friedrich aus dem Roadmovie „Helle Nächte“ wurde mit dem Silbernen Bären als bester Schauspieler geehrt. Der 50-jährige Österreicher Friedrich („Wild“, „Böse Zellen“) spielt in dem Vater-Sohn-Drama einen geschiedenen Vater, der wieder Nähe zu seinem 14-jährigen Sohn aufbauen will. Friedrich kam lässig mit Basecap auf die Bühne und klebte vor seiner Dankesrede erstmal seinen Kaugummi auf die Tatze seines Bären.

Den Preis als beste Schauspielerin nahm mit Tränen in den Augen die 34-jährige Südkoreanerin Kim Min-hee entgegen. Sie verkörpert in „On the Beach at Night Alone“ („Bamui haebyun-eoseo honja“) von Hong Sang-soo eine erfolgreiche Filmschauspielerin, die nach einer Affäre mit ihrem verheirateten Regisseur in eine Sinnkrise gerät und sich ins Privatleben zurückzieht.

Mit den Filmen der besten Darsteller hatte sich das Berlinale-Publikum eher schwer getan. Die Liebesgeschichte „Körper und Seele“ lag in der Gunst der Zuschauer und Kritiker aber ganz vorne – ebenso wie Aki Kaurismäkis Flüchtlingsdrama „Die andere Seite der Hoffnung“.

Kaurismäki bekam aber immerhin den Preis für die beste Regie. Der etwas mitgenommen wirkende finnische Kult-Regisseur kam allerdings nicht auf die Bühne, sondern verbeugte sich an seinem Platz. „Wenn der Mann nicht zum Bären kommt, kommt der Bär zum Mann“, sagte Gala-Moderatorin Anke Engelke. Die zwei anderen deutschen Wettbewerbsbeiträge neben Arslans „Helle Nächte“, Volker Schlöndorffs „Rückkehr nach Montauk“ und Andres Veiels Dokumentation „Beuys“, gingen bei der Preisverleihung leer aus.

„Körper und Seele“ fesselt als emotional reiche, völlig unsentimentale Studie über zwei schüchterne, von Handicaps geplagte Menschen. Sie gehen scheu aufeinander zu, entdecken langsam ihre Gefühle und damit sich selbst. Mária (bezwingend gespielt von Alexandra Borbély) ist eine junge Frau, die sich von Ängsten und Zwängen geplagt so unauffällig wie möglich durch den Alltag navigiert. Der schon etwas ältere Endre (Géza Morcsányi) hat einen lahmen Arm und hat die Liebe eigentlich schon abgeschrieben.

Die Entscheidung der Jury unter Vorsitz von Paul Verhoeven („Elle“, „Basic Instinct“) für „Körper und Seele“ kann auch als Bestätigung des von Festivaldirektor Dieter Kosslick ausgerufenen Berlinale-Mottos gesehen werden: „Unterhaltung mit Haltung“. Dem entspricht der Film von der 61-jährigen Autorin und Regisseurin Enyedi geradezu perfekt.

Besonders die Traumsequenzen, in denen sich die Liebenden als Hirsche begegnen, bevor sie einander in der Realität finden, haben eine große Intensität. Doch bei aller Poesie verliert der Film nicht den Blick für die Realität einer korrupten und kleingeistigen Gesellschaft. Ungarn hatte den Gold-Bären zuletzt 1975 mit Márta Mészáros‘ „Die Adoption“ gewonnen.

Die 1989 mit ihrem international mehrfach ausgezeichneten Debüt „Mein 20. Jahrhundert“ bekannt gewordene Enyedi hat ein feines Gespür für visuelle Wirkung. Bei der Berlinale sagte sie zu ihrer verhaltenen Lovestory: „Ich möchte niemandem eine Botschaft aufdrängen. Aber ich denke, es ist doch sehr spannend und anregend, welche Leidenschaften in uns allen wohnen, und wie schwer es sein kann, diese zu erkunden und zu leben.“

Sehr verdient gewann der Franzose Alain Gomis den Großen Preis der Jury für „Félicité“. Sein im Kongo spielender Film erzählt von einer Bar-Sängerin, die verzweifelt versucht, Geld für die Operation ihres verunglückten Sohnes aufzutreiben – eine kluge Milieustudie mit einer kraftvollen Heldin. Die polnische Altmeisterin Agnieszka Holland holte mit ihrem schrägen Öko-Feminismus-Thriller „Pokot“ den Alfred-Bauer-Preis. (Elke Vogel und Peter Claus, dpa)