Sonntag, 19. Februar 2017, 16:50 Uhr

Bela B: Grandiose Liebeserklärung an den Western

Die interessantesten Projekte macht Bela B, auch bekannt als Steh-Schlagzeuger der Berliner Herrenkapelle Die Ärzte, auch gerne ohne seine Bandkumpanen. Für seinen neuesten Streich hat er sich den Trash-Westernhelden „Sartana“ zur Brust genommen und seine drei Leidenschaften Trashkino, Musik und Comics zu einer einzigen gemacht.

Bela B: Grandiose Liebeserklärung an den Western
Foto: Torben Köster

„Sartana – noch warm und schon Sand drauf“ ist ein Spaghetti-Western von 1970, den er mit einigen illustren Gästen als Live-Hörbuch auf die Bühne bringt (Tourdaten unten). Dabei sind Peta Devlin (früher Die Braut haut ins Auge), Stefan Kaminski (Sprecher u.a. für Kermit der Frosch und Geräuschemacher), Oliver Rohrbeck (Sprecher u.a. für Justus Jonas aus „Die drei ?“) sowie die Band Smokestack Lightnin’. Denn ganz passend veröffentlicht er dazu das Album „Bastard“, auf dem es auch wie im Wilden Westen zugeht.

Hierzu hat er das schöne Video „Einer bleibt liegen“ (siehe ganz unten) in Zusammenarbeit mit der Augsburger Puppenkiste veröffentlicht. Im Interview mit klatsch-tratsch.de-Reporterin Katja Schwemmers spricht der Wahl-Hamburger über Schnodder-Deutsch, das schwache Geschlecht und seine Fertigkeiten am Colt.

Bela B: Grandiose Liebeserklärung an den Western
Foto: Torben Köster

Bela, wie fing das mit deiner Vorliebe für Spaghetti-Western an?
In der offenen Kinoszene von Berlin! Allein in Westberlin gab es über 60 Off-Kinos; also Kinos jenseits des Mainstream. Die oft kleinen Kinos zeigten Retrospektiven, Filme abseitiger Genres, Double- und Triple-Features oder ganze Nächte lang Zeichentrickfilme. Als Farin Urlaub (Sänger von Die Ärzte, Anm. d. Red.) und ich zusammen in Charlottenburg gewohnt haben, sind wir oft zusammen bei solchen Nächten gewesen. In Gehweite gab es das „Filmkunst 66“, wo wir am häufigsten waren. Ich glaube, wir haben dort in einem Doppelprogramm die ersten beiden „Django“-Filme mit Franco Nero zusammen gesehen. Das muss so 1981 gewesen sein, in dem Jahr lernten Farin und ich uns auch kennen.

Deine „Ode an das Bahnhofskino“ ist eine Liebeserklärung an das Trash-Kino. Hast du wirklich in deiner Jugend Frauen dahingehend abgecheckt, ob sie dein Nerdtum aushalten, wie du im Textes des Liedes singst?
Ich hatte tatsächlich mit 18 eine Freundin – Britt hieß sie – mit der ich ins Kino ging, um drei Werwolf-Filme hintereinander zu sehen. Beim zweiten Film ist sie nach 20 Minuten aus dem Kino gerannt und schrie: „Ich halt das nicht aus!“ Ich bin sitzengeblieben. Ich hatte ja für drei Filme bezahlt. Deshalb widmete ich ihr die Zeilen: „Wo ist die Frau, die einen Werwolf-Marathon mit mir gemeinsam durchsteht?“

Wie bist du auf den Spaghetti-Westernhelden „Sartana“ gekommen?
Der Hörspiel-Regisseur Leo Koppelmann wollte mit mir ein szenisches Hörspiel für die Bühne machen. Erst dachten wir an Frankenstein, Dracula oder eine klassische Horrorgeschichte – eben typisch Bela B. Aber irgendwie sind wir dann auf Spaghetti-Western gekommen. Der Zufall wollte es, dass ich mir zwei Tage vorher den eher unbekannten Film „Sartana – Noch warm und schon Sand drauf“ angeschaut hatte.

Was ist das Tolle daran?
In Deutschland wurden 50 Prozent der Spaghetti-Western von Rainer Brandt synchronisiert. Er hat mit seiner Firma das Synchron-Buch zu „Sartana“ geschrieben, das voll ist mit Schnodderdeutsch-Zoten. Auch die Filme mit Bud Spencer und Terence Hill hat er synchronisiert. Die wurden am Ende nur noch für den deutschen Markt mit irgendwelchen Quatsch-Dialogen gedreht, weil man wusste, Rainer Brandt schreibt die besseren Dialoge dazu. Es ist natürlich eine Ehre, dass wir ihn als Erzähler für die „Sartana“-Hörspiel-Aufnahme gewinnen konnten.

Bela B: Grandiose Liebeserklärung an den Western
Foto: Constanze Habermann

Wird Brandt auch bei der anstehenden Tour mit dabei?
Wir werden ihm die Abende widmen und ihn hochleben lassen, das ist klar. Aber seine Stimme kommt vom Band. Dafür sind Peta Devlin, Oliver Rohrbeck und Stefan Kaminski sowie die Band Smokestack Lightnin’ mit dabei. Wir bringen das Hörspiel auf die Bühne und die Musik des Albums, die im weitesten Sinne Indie, Country und Americana ist. Der befreundete Comiczeichner Robert Schlunze liefert Illustrationen für die Leinwand, auf der auch kleine Filmchen zu sehen sein werden. Und ich habe mir eigens die Kunst des Coltdrehens angeeignet. Das Ganze nennen wir „Live-Hörspiel in Concert“ und ist eigentlich mehr Theaterspektakel denn Lesung.

Die Dialoge strotzen nicht immer vor politischer Korrektheit. Wie siehst du das als jemand, der sonst politisch korrekt ist?
Ich sehe mich gar nicht als so politisch korrekt. Ich denke natürlich auf der richtigen Seite zu stehen, wobei das aber wahrscheinlich ein AfD-Politiker auch von sich selbst behaupten würde. Politische Korrektheit ist immer wahnsinnig langweilig. Aber gerade in diesen Zeiten mache ich mir schon viele Gedanken darüber. Es hat einen Beigeschmack, wenn Sartana zu dem chinesischen Casino-Chef sagt: „Werfen Sie Ihr Geschlitztes mal da drauf.“ Oder ihn mit „Du Gelbei“ anspricht. Aber es war eine andere Zeit. Und es ist dem Humor dienlich.

Auf deinem Album „Bastard“ wird dafür mit einigen Western-Klischees aufgeräumt, wie beispielsweise im Lied „Das schwache Geschlecht“.
Im Spaghetti-Western ist die Rolle der Frau viel diffiziler. Sie strotzen dort vor Stärke und Selbstbewusstsein und dürfen auch immer Schurkin sein! Die Typen, die sie als Sexobjekt sehen, beißen meist ziemlich schnell ins Gras. Frau und Mann stehen sich auf Augenhöhe gegenüber und legen sich gegenseitig aufs Kreuz.

Findest du das anziehend?
Ja, natürlich. Starke Frauen bestimmen mein Leben. Insofern habe ich gar keinen Bock auf diese Klischee-Western wie „12 Uhr mittags“, wo sich Gary Cooper am Schluss für die blonde Lehrerin entscheidet und die dunkelhaarige Bardame natürlich leer ausgeht.

Gibt es denn ein klassisches Western-Duell bei „Sartana“?
Wir haben zwar einen „Showdown“ auf der Platte, aber im Spaghetti-Western finden Duelle gar nicht so oft statt. Moralisch geht es darin zwielichtiger zu, was so einen Film ja auch viel interessanter macht. Es wird eher von hinten gemordet. Gerade Sartana macht da keine Ausnahme.

Bela B: Grandiose Liebeserklärung an den Western
Foto. Der Hlörverlag

In einem Lied singst du von laktosefreier Milch. Wie passt das zusammen?
Es ist ja nicht nur die Musik zum Hörspiel, sondern auch ein Bela-B-Album, das für sich stehen soll. Ich wollte eine Verbindung ins Jetzt schaffen. Der Traum vom Großstadt-Cowboy zerbirst schon morgens bei den Pflichten eines Familienvaters. Dies ist nicht der wilde Westen, Django, und das Kind muss gefrühstückt haben, bevor es zur Schule geht …

Interview: Katja Schwemmers. Hörspiel: „Sartana – noch warm und schon Sand drauf“ (Der Hörverlag, bereits erschienen)

Die „Live-Hörspiel in Concert“-Tour:
3.3. Hannover, Theater am Aegi
4.3. Braunschweig, Großes Haus
5.3. Erfurt, Alte Oper
7.3. Stuttgart, Theaterhaus
24.3. Stade, Stadeum
25.3. Münster, Congress-Saal
26.3. Bochum, Schauspielhaus
28.3. Bremen, Musical Theater
29.3. Paderborn, Paderhalle
30.3. Köln, Klaus von Bismarck-Saal