Donnerstag, 23. Februar 2017, 19:20 Uhr

Filmkritik "A Cure for Wellness": Unheimliches mit Dane DeHaan

Ein erfolgsverwöhnter US-Regisseur jongliert in einem Schweizer Sanatorium mit Thomas Mann- und Kubrick-Motiven, während ein junger amerikanischer Schauspieler nachhaltig beeindruckt.

Filmkritik "A Cure for Wellness": Unheimliches mit Dane DeHaan
Foto: 20th Century Fox

Gore Verbinskis Name steht für eine der erfolgreichsten Kinoreihen: die legendären „Fluch der Karibik“-Filme mit Johnny Depp. Die ersten drei Teile der Piratensaga, entstanden unter der Ägide von Verbinski, spielten weltweit zusammen mehr als zweieinhalb Milliarden US-Dollar ein. Zuerst aber hatte der Regisseur vor 15 Jahren mit der Neuverfilmung eines japanischen Horrorwerks international auf sich aufmerksam gemacht: Sein „Ring“ mit Naomi Watts war ein weltweiter Hit, der ein Vielfaches seiner Produktionskosten einbrachte. 2017 nun stellt der Amerikaner mit „A Cure for Wellness“ erneut unter Beweis, dass er ein Händchen für Grusel-Stoffe hat.

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Verbinski, der auch am Drehbuch beteiligt war, nennt seinen Protagonisten, schlicht Mr. Lockhart. Der ist ein so hochstrebender wie ermatteter Investmentbanker. Aus einem düsteren, sämtlicher Farben beraubten New York wird er in ein sonniges Alpenparadies geschickt – ein vermeintliches Paradies, wie sich im Lauf des Films herausstellt.

Lockhart soll den Chef seiner Firma zurück in die Staaten holen. Es geht um eine schwierige Fusion, da darf der Boss nicht fehlen. Dieser aber möchte (oder darf) das idyllisch gelegene Sanatorium nicht verlassen. Als Lockhart merkt, wie wenig seine Überzeugungskunst bei der Leitung der Heilanstalt fruchtet, will er abreisen. Ein Wild-Unfall aber hindert ihn daran. Mit eingegipstem Bein findet er sich im Sanatorium wieder. Lockhart muss erkennen, dass man auch ihn nicht so schnell entlassen wird. Dem New Yorker Jungspund dämmert, dass es den höflichen Ärzten in ihren schneeweißen Unschuldskitteln weit weniger um die Genesung der Patienten geht als sie vorgeben.

Die deutsch-amerikanische Koproduktion „A Cure for Wellness“ mutet wie ein unentwegt sich drehendes Zitat-Karussell an. Immer wieder fühlt man sich an frühere Filme erinnert, muss mal an Martin Scorseses Psychothriller „Shutter Island“, mal an einen der Gruselklassiker schlechthin denken: Stanley Kubricks „The Shining“. Wenn Lockhart sich in den Gängen des alpenländischen Sanatoriums verliert, weckt das außerdem Erinnerungen an das in den Bergen von Colorado gelegene „Overlook“-Hotel mit einem Axt schwingenden Jack Nicholson.

Filmkritik "A Cure for Wellness": Unheimliches mit Dane DeHaan
Foto: 20th Century Fox

Am offensichtlichsten aber, neben kafkaesken „Schloss“-Momenten, sind die Verweise auf Thomas Manns „Zauberberg“. Wie Hans Castorp in dem vor 93 Jahren veröffentlichten Roman wird auch Lockhart viel länger im Schweizer Sanatorium bleiben als ursprünglich geplant. Wie im „Zauberberg“ so werden auch bei Verbinski die Toten des Sanatoriums heimlich entsorgt. Einmal gar hält ein vom deutschen Schauspieler Godehard Giese („Liebmann“) verkörperter Klinik-Mitarbeiter eine Ausgabe des „Zauberbergs“ in der Hand.

Wahrscheinlich wird dieser eigenartige Film keinen Preis für seine Geschichte, für sein Drehbuch bekommen. Dafür ist das, was hier passiert zu obskur und skurril; vor allem zum Finale hin dieses schier nicht enden wollenden Zweieinhalbstünders. Und doch fesselt einen Verbinski über die gesamte Länge seines Films – was nicht zuletzt an der exquisiten Bildgestaltung (Kamera: Bojan Bazelli) liegt. In den zurückliegenden zehn Jahren gab es im Kino wohl keinen Gruselfilm mit derart elegant komponierten und ausgesuchten Bildkompositionen, darunter atemberaubende Bergpanoramen. Hier zeigt Verbinski, welch virtuoser Filmemacher er ist.

Filmkritik "A Cure for Wellness": Unheimliches mit Dane DeHaan
Foto: 20th Century Fox

Partiell bemerkenswert sind auch die schauspielerischen Leistungen. Wobei vor allem das kräftezehrende und eindringliche Spiel von Dane DeHaan nachklingt, dessen Lockhart an einen Leonardo DiCaprio erinnert. Der 31-Jährige („The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro“) empfiehlt sich mit dieser Rolle als einer der interessantesten jüngeren Darsteller Hollywoods. DeHaans zwischen Arroganz und Verzweiflung changierenden, aus stahlblauen und blutunterlaufenden Augen kommenden Blick in „A Cure for Wellness“ schüttelt man so schnell nicht wieder ab. (Matthias von Viereck, dpa)

A Cure for Wellness, USA/Deutschland 2017, 146 Min., FSK ab 16, von Gore Verbinski, mit Dane DeHaan, Mia Goth, Jason Isaacs.