Sonntag, 26. Februar 2017, 13:15 Uhr

So geht der Impro-Tatort "Babbeldasch": Shootingstar Axel Ranisch klärt auf

Heute Abend läuft im Ersten der Tatort ‚Babbeldasch‚ – Krimi-Erstlingswerk von Jung-Regisseur Axel Ranisch, Shootingstar des deutschen Films. Der Fernsehfilm dürfte Geschichte schreiben, er ist der erste Improvisationskrimi der Reihe.

So geht der Impro-Tatort "Babbeldasch": Shootingstar Axel Ranisch klärt auf
Ulrike Folkerts mit Axel Ranisch. Foto: SWR/Martin Furch

Vorab wurde viel darüber berichtet, u.a. hieß es, dass das Kammerspiel mit Ulrike Folkerts und einigen Laiendarstellern gänzlich ohne Drehbuch ausgekommen sei. Der 33-jährige Regisseur, der sich lieber „Spielleiter“ nennt, stellt im Interview mit klatsch-tratsch.de einiges richtig.

Na, hast Du Fracksausen vor Deinem ersten großen Projekt in der Kultreihe „Tatort“?
Na klar hab ich Manschetten. Und was für welche. Dieser Tatort ist ein Experiment und wird polarisieren, weil er gegen die Sehgewohnheiten geht. Es spielen 25 Amateure, es wird auf Pfälzisch wild drauf los „gebabbelt“, es geht nicht um kriminalistische, bildästhetische oder schauspielerische Perfektion, sondern um herzliche, quirlige und authentische Lebendigkeit. Dafür muss man vor dem Gucken seine gewohnte Tatort-Brille absetzen.

„Drehen ohne Drehbuch“ wird ja immer kolportiert. Das ist aber nicht ganz korrekt: „Drehen ohne Textvorgabe“ ist wohl richtiger?
Jawoll. Die Handlung stand vor dem Dreh schon fest. Die haben wir, also mein Autor Sönke Andresen, mein Impro-Coach Peter Trabner und ich, in einem gemeinsamen Entwicklungsprozess mit dem Ensemble der „Hemshofschachtel“ entworfen und jedem einzelnen Ensemblemitglied eine Rolle auf den Leib geschrieben. Tatsächlich war die größte Herausforderung am „Buch“, für jedes der 25 Theatermitglieder einen Platz in der Handlung zu finden.

Wie muss man sich so ein „Bilderbuch“-Script vorstellen?
Das Buch hat etwa 26 Seiten und beschreibt knapp aber deutlich, was in jeder Szene passiert. Nur das Wie ist vollkommen unklar. Alle Dialoge werden dann am Set frei improvisiert.

Für die ARD drehen, heißt ja nicht unabhängig sein, wie bei Deinen ferneren Projekten. Wie ist das denn wenn einem so viele in die Produktion reinquatschen?
Tatsächlich gab es eine große Freiheit für dieses Projekt. Die Fiction-Chefin des SWR hatte die Idee zum Film. Sie wollte die in Ludwigshafen legendäre „Hemshofschachtel“ vor die Tatort-Kamera holen und sie wollte gerne mit mir einen Impro-Film drehen. Beides ging dann Hand in Hand. Meine wunderbare Redakteurin Karharina Dufner, die zuvor beim ZDF „Kleines Fernsehspiel“ arbeitete und bereits meine Filme „Ich fühl mich Disco“ und „Alki Alki“ redaktionell betreute, war kurz zuvor zum SWR gewechselt und kam so zum Projekt. Dadurch war es eigentlich ein richtiges Heimspiel.

So geht der Impro-Tatort "Babbeldasch": Shootingstar Axel Ranisch klärt auf
Gerade noch rechtzeitig findet Sarah Fettèr (Petra Mott) den Bäckermeister Manfred Oelenschläger (Gerd Rohrbacher), der offensichtlich nicht damit fertig werden kann, dass das tödliche Croissant aus seiner Bäckerei kam. Foto: SWR/Martin Furch

Ihr habt chronologisch gedreht. Ist da nicht durch eine Hin-und-Her-Reiserei organisatorisches Chaos vorprogrammiert?
Nein, nein, ganz im Gegenteil. Chaos entsteht ja eher beim unchronologischen Drehen. Ich finde es viel logischer mit der ersten Szene anzufangen und mit der letzten zu enden, als immer wild in der Handlung hin und her zu springen. Für die Improvisation ist das unabdingbar. Wir hatten eigentlich nur zwei Drehorte. Das Theater und das Polizeipräsidium. Dadurch war das sehr unkompliziert.

Wusste Ulrike Folkerts tatsächlich nicht wer der Mörder ist? Warum denn nicht?
Oh ja. Sie hatte keine Ahnung und das ganze Team hat dicht gehalten. Nunja, normalerweise weiß sie alles und muss so tun, als ob sie nichts weiß. Diesmal wurde sie ahnungslos ins Ensemble geschickt und musste ganz authentisch recherchieren. Da stellen sich plötzlich ganz andere, authentische Fragen für sie.

Sprechen ohne vorgegebene Texte ist ja nicht jedermanns Sache. Was war wenn die Darsteller zu sehr ausholten oder zu wenig sagten, als Dir vorschwebte?
Ha! Zu wenig hat keiner gesagt. Eher im Gegenteil. Beim improvisieren neigen alle gerne zum kopflosen Drauflosbabbeln. Wie im wirklichen Leben. Dem bin ich bei 30 (!) Schauspielern nicht immer Herr geworden. Aber das macht auch einen großen Teil der Lebendigkeit aus.

So geht der Impro-Tatort "Babbeldasch": Shootingstar Axel Ranisch klärt auf
Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) ist Peter Beckers (Peter Espeloer) Begleitung bei der Premiere des Amateurtheaters Babbeldasch. Beim Empfang vor der Vorstellung wird Theaterleiterin Sophie Fettèr (Malou Mott, links) auf sie aufmerksam. Foto: SWR/Martin Furch

Was ist der Vorteil eines Drehs ohne vorgegebene Texte?
Alle Figuren zeigen mehr Herz und Persönlichkeit, weil sie ihre eigenen Worte benutzen. Wir sind es gewohnt Filme zu sehen, in denen alles totgeprobt, kaputtgedacht und -geplant wurde. Die fühlen sich dann sauber und ordentlich an, aber nicht lebendig. Mich interessiert diese Art von Perfektionismus nicht. Ich brauche echte Menschen, die reden wie ihnen der Schnabel gewachsen ist.

Du hast den fünften Film aus der „Zorn“-Krimi-Reihe mit Stephan Luca bereits gedreht. Wird es noch mehr geben und was sind Deine nächsten Filmpläne als Regisseur und Schauspieler?
Aber klaro! Wir haben grade erst den 5. Teil abgedreht. der kommt wahrscheinlich im Mai. Dieses Jahr schreibe ich meinen ersten Roman und nächstes Jahr geht’s wieder an die Oper.

… und ein neuer „Tatort“ ist auch schon geplant?
Der ist sogar schon im Kasten. Am vergangenen Samstag haben wir den zweiten improvisierten Lena-Odenthal-Tatort abgedreht. Wieder ein vollkommen anderer Film. Diesmal Grusel und Spannung in einem morbiden, abgelegenem Hotel im Schwarzwald. Die Mordkomission Ludwigshafen hat eine Fortbildung verordnet bekommen, doch plötzlich findet sich ein Knochen im Essen: Homo sapiens?

So geht der Impro-Tatort "Babbeldasch": Shootingstar Axel Ranisch klärt auf
Axel Ranisch mit seiner Oma Ruth Bickelhaupt. Foto: AEDT/WENN.com

Deine 95-jährige Oma Ruth Bickelhaupt hast ja quasi Du entdeckt und die spielte inzwischen auch in Filmen anderer Regisseure mit. Wann steht sie wieder bei bzw. mit Dir vor der Kamera?
Im neuen Tatort ist auch sie dabei. Als skurrile Schauspiel-Diva Liselotte Viardot, die das Gruselhotel bewohnt.

Wir hörten, Du schwärmst sehr for den Countertenor Jochen Kowalski. Wie kann es dazu und was ist dran am ‚Hänsel und Gretel‘-Projekt’.
Hihi. Ich liebe Jochen. Er ist soooooo grandios. Jawoll, ich möchte leidenschaftlich gern eine verrückte, kleine Hänsel und Gretel Verfilmung mit ihm machen. Er wäre einfach die perfekte Knusperhexe. Bislang fehlt mir noch der Finanzier.

Du wieso als Wunderkind“ der Branche gefeiert, wie geht man mit dem Erfolgsdruck um?
Ich arbeite ja die ganze Zeit. Da bleibt nicht viel Raum, um sich über Elogen oder Kritiken große Gedanken zu machen. Ich halte es da ganz mit Fassbinder, der sagte, wenn der neue Film rauskommt, muss der nächste schon fertig sein. Nur so bleibt man wirklich unabhängig.

Was machst du am Sonntagabend – wenn Dein erster „Tatort“ läuft?
Ich sitze in der Philharmonie und höre Mahlers Dritte.