Dienstag, 07. März 2017, 17:36 Uhr

Plattenkritik Tokio Hotel: Neue Töne und schöne Grüße aus dem All

Einmal festhalten, bitte. Tokio Hotel sind wieder da, und das mit ganz neuen Tönen. Die Vier sagen: „Dream Machine“ ist eine Sammlung von Soundtracks zum eigenen Leben. Und im Idealfall soll es das auch für alle anderen sein, die zuhören.

Plattenkritik Tokio Hotel: Neue Töne und schöne Grüße aus dem All
Foto: Lado Alesi

Die Musik geht an, der rosa Luftballon steigt. Gen Himmel, ab ins Weltall. Man selbst schwebt an einer Schnur mit. Fühlt sich allein vom Zuhören irgendwie high. Gedanken, die bei dem aufkommen könnten, der das neue Album von Tokio Hotel zum ersten Mal hört, das gerade erschien. „Eigentlich ein schönes Bild.“ Bill Kaulitz grinst. Das treffe ganz gut zu. Immerhin trägt die Platte den Namen „Dream Machine“. Mit dem erscheinen die Vier in Deutschland erneut auf der Bildfläche. Ein Comeback ist es nicht, findet sein Bruder Tom Kaulitz. „Wir hatten nie das Gefühl, dass wir aufgehört haben.“

„Wir haben immer Musik gemacht“, sagt der Gitarrist. „Irgendwann hatten wir nur das Problem, dass unsere Person interessanter war.“ Diesen Twist wollten die Magdeburger wieder schaffen, wie schon mal beim Album vor fast drei Jahren („Kings of Suburbia“). Da sollte es ohne Boulevardpresse gehen. Fokus auf die Musik. Nur der Hype blieb dabei aus – vor dem die Kaulitz-Brüder damals nach Los Angeles flüchteten. Die anderen beiden wohnten weiter in der Heimat. Bassist Georg Listing feierte inzwischen 29. Geburtstag. Drummer Gustav Schäfer wurde Vater. Auch Teenie-Stars werden irgendwann erwachsen. So wie ihre Musik. Zumindest liegt sowas nahe.

So ganz losgelöst hat sich die Band allerdings nicht von früher. Bei der Produktion der neuen Platte sei sogar ein bisschen „Nostalgie“ dabei gewesen, sagen die Magdeburger. Während Tokio Hotel für ihre deutschen Fans eher auf alten Postern als auf großen Bühnen präsent waren, seien die Freunde zum musikalischen Ursprung zurückgekehrt. Ohne Produzent, ohne Vorgaben, dafür mit „unglaublich viel ungesundem Essen“ schlossen sie sich im Jahr 2015 ins Studio ein. „Und dann haben wir geschaut, wo die Reise hingeht“, sagt Listing.

„Es gab niemanden, der da mit gelabert hat“, sagen die Zwillinge. „Wir waren einfach extrem frei, mussten nichts einhalten und erfüllen.“ Wie früher. Herausgekommen sei deshalb ihr „Traumalbum“. Zumindest für die Band selbst. Ob das für alte Fans auch zutrifft, bleibt fraglich. Mit der Musik von früher hat es nämlich wenig zu tun. Statt durch den Monsun, geht es vielmehr durch die Galaxie.

Plattenkritik Tokio Hotel: Neue Töne und schöne Grüße aus dem All
Foto: Lado Alesi

Ein Hauch von Eighties ist immer dabei. Auf diese Zeit stehe er total, gesteht Bill Kaulitz. „Ich hab‘ immer das Gefühl, ich bin zu spät geboren.“ Dazu kommen elektronische Beats und Indie-Pop. Eine Mischung, die an sphärische Klänge erinnert. Oder an Weltall, mit rosa Luftballon. Der Sänger bezeichnet das als „große Soundwelten“, inspiriert von Festivals, Freiheit, Reisen und – natürlich – Träumen.

Im Grunde sei jedes Album ein bisschen wie der Soundtrack zum eigenen Leben gewesen. Auch „Dream Machine“. „Wir picken dann in dem Jahr, in dem wir Musik machen, unsere Lieblingssongs raus“, sagt Bill. Zehn Favoriten sind es diesmal geworden, alle auf Englisch gesungen. Nur im Song „Boy don’t cry“ versteckt sich ein deutsches Wort: „tanzen“.

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Im besten Fall sollte ein Lied davon dann auch der Soundtrack für ein anderes Leben sein. Im Angebot wären daneben Titel wie „Something new“ oder auch „Cotton Candy Sky“ – also ein Himmel wie aus Zuckerwatte. Hauptsache, man habe das Gefühl, dass man ihre Musik immer dabei habe. Ist das der größte Traum der Jungs?

Tokio Hotel hätten da noch einen anderen. Die Band will ganz weit weg. Nicht ins Weltall (keine Sorge), aber „noch mal nach Australien“, sagt der Sänger. „Haben wir noch nie gemacht. Das steht noch auf unserer Bucket List.“ Davor geht es aber erst mal auf Tournee. (Laura Lewandowski, dpa)