Donnerstag, 09. März 2017, 20:44 Uhr

Filmkritik "Wilde Maus": Tragikomödie von Josef Hader

Als Kabarettist ist Josef Hader bereits seit Jahren erfolgreich. Nun legt der Österreicher sein Regiedebüt vor: eine schwarzhumorige Gesellschaftssatire mit dem putzigen Titel „Wilde Maus“.

Filmkritik "Wilde Maus": Tragikomödie von Josef Hader
Foto: Wega Film/Majestic

Von heute auf morgen den Job zu verlieren, ist ein Alptraum. Besonders, wenn die Arbeit einem alles bedeutet und der Lebensinhalt ist. So ergeht es auch Georg in „Wilde Maus“, dem urkomischen und zugleich tragischen Regiedebüt des erfolgreichen Kabarettisten Josef Hader. Georg wird mit sofortiger Wirkung gekündigt – das ist das Ende für den Journalisten, der dank seiner Stelle im Feuilleton bisher auch selbst eine wichtige Größe im kulturellen Leben der Stadt war. Mit Mitte 50 bekommt er einfach keinen anderen Job mehr. Und dann nervt auch noch seine jüngere Frau: Sie will endlich ein Kind von ihm. Kein Wunder, dass Georg irgendwann durchdreht.

Zu Beginn aber ist Georg noch von all seinen Kollegen respektiert, einer jüngeren Redakteurin hält er gern belehrende Vorträge über seine Sicht auf die Dinge. Er ist ein saturierter Mitt-Fünfzigjähriger, der sich selbst als wichtiges Mitglied der Kulturelite der Stadt sieht – sogar die Kassendame in der Philharmonie kennt ihn mit Namen. Doch dann sitzt der Journalist schon in den ersten Filmminuten seinem Chef gegenüber und wird rausgeschmissen. „Es wird Leserproteste geben“, kündigt Georg kämpferisch an. Dem Chef aber ist das egal. Denn von dem Gehalt, was er Georg bezahle, könne er drei jüngere Redakteure finanzieren, sagt er.

Ob aus Schock oder Scham: Georg erzählt seiner Frau Johanna nichts von der Kündigung, sondern gibt vor, jeden Morgen weiterhin zur Arbeit zu gehen. Der fällt das auch nicht weiter auf. Schließlich hat die Therapeutin eigene Probleme. Sie hört ihre biologische Uhr ticken und will Georg zum Kind drängen. Der flieht jedoch lieber und treibt sich tagsüber beim Wiener Vergnügungspark, dem Prater, herum.

Es sind wunderbare Szenen, die der österreichische Kabarettist Hader – der hier nicht nur erstmals Regie führte, sondern auch selbst die Hauptrolle spielt – zwischen den Schießständen, Zuckerwatte-Auslagen und in der Park-Bimmelbahn einfängt. Schließlich passt die Stimmung auch zu Georgs Realität: Während um ihn herum das Leben normal weitergeht, befindet er sich in einer seltsamen Parallelwelt. Dort kennt ihn niemand, und niemand verurteilt ihn.

Filmkritik "Wilde Maus": Tragikomödie von Josef Hader
Foto: Wega Film/Majestic

Dabei lernt er dann auch Erich (Georg Friedrich) kennen. Einen einfachen Arbeiter, der ebenfalls seinen Job verliert und die Prater-Achterbahn „Wilde Maus“ übernehmen will. Während Georg ihn dabei unterstützt, sinnt er auf Rache an seinem ehemaligen Chef. Erst zerkratzt er ihm das teure Cabrio, wütet vor dessen Villa und besorgt sich dann eine Waffe, um den Verhassten umzubringen.

„Wilde Maus“ treibt so von einer grotesken Situation zur nächsten und steigert sich dabei wie in einer Spirale immer weiter. Doch so absurd manche Wendung sein mag und so sehr Hader einige Aspekte seiner Geschichte bewusst übertreibt: Dem Regisseur gelingt es stets, die Balance zwischen Tragik und Komik zu halten. Die Zuschauer können schließlich Georgs Beweggründe nachvollziehen, sich vielleicht sogar mit ihm identifizieren – und verstehen daher auch, warum er schließlich durchdreht und fast nackt durch die tief verschneite Berglandschaft rennt.

Filmkritik "Wilde Maus": Tragikomödie von Josef Hader
Foto: Wega Film/Majestic

Darüber hinaus erzählt Hader pointiert und mit schwarzem Humor von den Absurditäten unserer Gegenwart: Wie Paare ihre Beziehung gern zerreden und überanalysieren, wie Erfahrung und Können im Job weniger wert sind als die Jahresendbilanz eines Unternehmen. Es ist eine schmerzhafte Analyse der Arbeitswelt, in der Menschen austauschbar sind und mit Mitte 50 scheinbar auch gleich ganz vergessen werden können. „Wilde Maus“ wird so zu einer präzise beobachteten Gesellschaftssatire, bei der man immer wieder laut auflachen muss – einem das Lachen aber auch mal im Hals stecken bleibt. (Aliki Nassoufis, dpa)