Samstag, 11. März 2017, 17:09 Uhr

Interview: Tokio Hotel über Berlin, Drogen, Scheidung und die neue Tour

Mit 14 Koffern und ihren zwei Hunden Pumba und Pflaumensaft sind die Zwillingsbrüder Bill und Tom Kaulitz im Dezember von Los Angeles nach Berlin gereist. In der Hauptstadt proben Tokio Hotel für ihre am Sonntag in London startende Europatour.

Interview: Tokio Hotel über Berlin, Drogen, Scheidung und die neue Tour
Foto: Lado Alexi

Die Shows sollen anders werden als das, was man sonst von Band-Konzerten kennt, verspricht das Quartett aus Magdeburg. Das liegt auch am neuen Sound ihres fünften Albums „Dream Machine“, das klingt wie Synthiepoptraum der Netflix-Serie „Stranger Things“. klatsch-tratsch.de-Autorin Katja Schwemmers hat die Beiden in Berlin getroffen.

Bill, Tom, ihr seid seit Dezember in Berlin. Habt ihr das gefeiert?
Bill Kaulitz: Wir waren viel auf Partys unterwegs. Erst bei der Fashionweek, dann bei der Berlinale. Ich bin ein bisschen partydurch, denn ich habe ordentlich Gas gegeben. Aber wir sind ja in Berlin auch zum Proben für die anstehende Europatour. Wir müssen also eine Balance finden und dürfen nicht zu viel feiern.

Wenn ihr in Berlin auf eine Party geht, fallt ihr auf, oder?
Bill Kaulitz: Schon, aber wenn die Clubs richtig dunkel sind, so wie im Berghain, können wir total gut feiern. Da kann man sich gut verstecken. Berghain macht Spaß.

Schon mal Probleme beim Einlass ins Berghain gehabt?
Bill Kaulitz: Nein, wir hatten noch nie Probleme an der Tür. Ich habe aber gehört, dass selbst Kate Moss erst nicht reinkam und ihre Jacke ausziehen musste.

Ist das Feiern in Berlin anders als in eurer Wahlheimat Los Angeles?
Tom Kaulitz: Ja, schon. In Berlin ist es auf jeden Fall extremer. Das ist ja das Lustige: Alle denken, dass L.A. total die Party-Stadt ist. Kann es auch sein. Aber wenn man nur nach L.A. kommt zum Partymachen, funktioniert das überhaupt nicht, denn dort ist ab 2 Uhr offiziell Schluss. Dann gibt es keinen Alkohol mehr, dann machen die Clubs zu. Wenn du da nicht gut organisiert bist und gute Kontakte hast, ist Ende Gelände. Das ist in Berlin schon mal etwas anders. Selbst wenn man nicht aus Berlin kommt, kann man in der Stadt entspannt bis 9 Uhr morgens irgendwo Gas geben.

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Foto: Schultz-Coulon/WENN.com

Habt ihr denn gute Kontakte in L.A.?
Tom Kaulitz: Mittlerweile ja, es ist unser Zuhause. Wir haben herausgefunden, wie man auch dort bis morgens feiern kann. Das sind dann eher Privatpartys.

Bill Kaulitz: In Berlin ist alles rougher, und ich finde das total schön. In L.A. wist du erst einmal abgetastet und stehst in langen Schlangen.

Habt ihr auf einer dieser Partys mal einen Star getroffen, der euch geflasht hat?
Bill Kaulitz: Bei mir war das Britney Spears, ich finde sie großartig. Ich habe sie in der Playboy-Villa getroffen. Da gab es eine Party, weil Bruno Mars als erster Mann mit zwei Bunnys auf dem Cover des Playboys abgebildet war und dann auch aufgetreten ist. Bei Britney war ich das erste Mal ein bisschen aufgeregt, jemanden zu treffen.

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Foto: AEDT/WENN.com

Worüber unterhält man sich dann?
Bill Kaulitz: Ach, wir sind beide sehr schüchtern. Dann willst du sie auch nicht zulabern. Ich dachte immer nur: Um Himmels Willen, lass die Frau, die so viel durchgemacht hat, bloß in Ruhe! Ich kenne das ja auch von der anderen Seite.

Tom Kaulitz: Bei mir gibt es nur eine Frau, die mich aus dem Konzept bringen könnte, und das wäre Ariana Grande. Die ist voll meine Abteilung.

Merkt ihr einen Unterschied in L.A., seitdem Trump an der Macht ist?
Bill Kaulitz: Wir waren seit Dezember nicht mehr dort. Aber als Trump gewählt wurde, sind wir sofort mit Freunden in L.A. auf die Straße gegangen und haben demonstriert. Es waren Hunderttausende auf der Straße und alle hofften, man könnte seine Wahl noch kippen. Ich habe etliche Petitionen unterschrieben. Ich fühle mich auch durch solche Sachen wie die AfD immer persönlich angegriffen. Ich habe das Gefühl, dass damit alles, was ich verkörpere, worüber ich singe und wofür für mich das Leben steht, auf dem Spiel steht. Denn für mich ist Freiheit wichtig, und ich gönne sie allen Menschen. Ich will, dass sich jeder auslebt: in seiner Sexualität, in seinem Aussehen und mit allem, was ihn ausmacht. Trump wirft uns da Jahre zurück.

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Foto: Becher/WENN.com

Im September 2016 wurdet ihr 27 Jahre alt. Für Musiker ein gefährliches Alter – Jimi Hendrix, Kurt Cobain und Amy Winehouse starben mit 27.
Tom Kaulitz: Ich habe schon ein paar Mal gelesen, dass wir jetzt aufpassen müssen, dass wir nicht das Zeitliche segnen. Ich finde das ganz schön makaber!

Bill Kaulitz: Deswegen haben wir unseren Geburtstag extra nicht gefeiert. Wir sind mit unseren beiden Hunden in den Sequoia National Park gefahren, haben im Fluss gebadet und die riesigen Bäume umarmt.

Aber den tiefen Sumpf aus Drogen und Depressionen habt ihr eh nie durchlebt, oder?
Bill Kaulitz: Wir halten den ganz gut raus aus der Öffentlichkeit. (lacht) Viele sagen uns, wir wären so normal geblieben. Aber ich glaube, dass wir durch all das, was wir erlebt haben, alle eine totale Macke haben. Denn so etwas prägt natürlich. Es bleiben auch Narben.

Tom Kaulitz: Aber man versucht trotzdem, bestmöglich damit umzugehen.

Euer neues Album heißt „Dream Machine“. Los Angeles gilt als Stadt der Träume. Hat es damit zu tun?
Tom Kaulitz: Nein, gar nicht. Man nennt L.A. zwar die Stadt die Träume, aber es ist eigentlich die Stadt der zerbrochenen Träume. Nur für uns nicht. Wir haben einen ganz anderen Traum verfolgt. Wir sind nach L.A. gekommen, um ein bisschen abzutauchen vom Ruhm. Und das hat ganz gut geklappt. Dass das Album so heißen wird, stand schon fest, bevor wir den ersten Song geschrieben haben. Der Titel verkörpert für uns die Freiheit, das zu tun, was wir immer machen wollten. Es klingt vielleicht kitschig, aber es ist unser Traumalbum.

Mit dem Synthiepop-Album verabschiedet ihr euch endgültig von den eher rockigen Klängen eurer Teenagerjahre. Warum?
Tom Kaulitz: Es war nie unser Bestreben, das Gleiche zu machen wie vor sechs Jahren. Es gibt Künstler, die mal mit etwas erfolgreich waren und sie halten daran fest, weil sie denken, es wäre die Nummer Sicher, die Zielgruppe weiter damit zu bedienen. Aber für mich ist ein Album auch immer ein Ausschnitt aus dem aktuellen Leben – zumindest ist das mein Anspruch für Tokio Hotel. Auch früher schon. Wir waren damals für die Musik erfolgreich, die wir zu der Zeit machen wollten. Wir haben unsere eigene Welt geprägt, die aber auch nur für die paar Jahre zu uns passte.

Ihr wirkt ziemlich entspannt, was euren Erfolg angeht.
Tom Kaulitz: Uns würde es extrem schlecht gehen, wenn wir uns für den Erfolg verbiegen müssten. Da würde ich mich wie eine Prostituierte fühlen.

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Foto: Lado Alexi

Bill Kaulitz: Das Wichtigste für mich war immer schon, frei zu sein. Das, was ich damals gemacht habe, auch mit meiner Frisur und dem Make-up – das war alles immer ich. Ich habe die Songs gesungen, die ich wollte. Und die Lederjacke angezogen, die ich gut fand. Auch bei Gegenwind. Sonst fühle ich mich einfach nicht am Leben.

Einige der neuen Lieder sind geprägt von Herzschmerz. Ihr sollt ja Beide etwas Kummer mit der Liebe gehabt haben in letzter Zeit.
Bill Kaulitz: Bei mir dreht sich meine ganze Welt um Liebe. Wir sind als Menschen nicht dafür gemacht, allein zu sein. Und ich glaube, deswegen sind wir Vier auch hier in dieser Form. Überall um uns herum ist eigentlich den ganzen Tag Liebe. Die gibt es in so vielen Formen. Für mich wird das immer die größte Inspiration sein und der größte Schmerz. Dadurch, dass ich dafür so empfänglich bin, bin ich natürlich auch verletzbar. Aber das gehört zum Leben dazu.

Tom, du lebst sogar in Scheidung. Bist du nun finanziell oder mental ruiniert?
Tom Kaulitz: Nein, mir geht es gut. (lacht)

Hat eine Partnerschaft in eurem Leben überhaupt Platz?
Bill Kaulitz: Wenn wir eine Beziehung haben, ist das immer eine Beziehung mit uns beiden. Denn wir kommen nur im Doppelpack. Aber so lernt man uns auch kennen: immer nur zusammen. Wenn die Person einen von uns Beiden nicht lieben kann, passt es sowieso nicht.

Tom Kaulitz: Bill und ich haben schon eine sehr intensive Partnerschaft, so dass bei uns beiden eigentlich nicht viel Platz ist für eine Standardbeziehung.

Was muss denn die Frau haben, die euch begeistern kann?
Bill Kaulitz: Bei mir ist das eher so ein Connection-Ding, das ich gar nicht beschreiben kann. Wenn ich zurückblicke, gibt es da auch keinen roten Faden. Es trifft einen meist dann, wenn man nicht dran denkt. Ich glaube, nach etwas suchen, bringt auch nichts.

Tom Kaulitz: Ich hoffe, dass man irgendwann noch mal eine Frau trifft, die man so liebt wie seinen Hund. Wenn man einmal die bedingungslose Liebe von Pflaumensaft erlebt hat, dann wird es schwer mit den Frauen.

Bill Kaulitz: (zeigt auf die Hunde): Guck sie doch an: Das ist die große Liebe!

Ab 15. März seid ihr auf Deutschland-Tour. Was können die Fans erwarten?
Tom Kaulitz: Viel! Wir haben mit der letzten Tour eine kleine Arenen-Produktion in die Clubs gebracht. Den Anspruch haben wir auch diesmal. Die Masse an Produktion und Lichtshow werden wir nicht toppen können, aber wir versuchen etwas zu schaffen, was genauso geil ist. Mit viel Produktion, vielen Kostümen und viel Show.

Bill Kaulitz: Ich will immer, dass die Leute nach Hause gehen und etwas Unvergessliches oder Neues erlebt haben, worauf sie gerne zurückgucken. Das Konzert soll nicht nur in dem Moment berühren, sondern nachhaltig etwas mit jemandem machen. Vielleicht schafft man das nicht jedes Mal, aber wir geben unserer Bestes.

„Dream Machine World Tour 2017“

15.3. Hamburg, Docks
16.3. Frankfurt, Batschkapp
24.3. Köln, E-Werk
25.3. Stuttgart, Im Wizemann
31.3. München, TonHalle
1.4. Leipzig, Haus Auensee
4.4. Berlin, Huxley’s Neue Welt