Dienstag, 14. März 2017, 22:20 Uhr

Fans gucken Serien jetzt im Speed-Tempo: So funktioniert's

Zu viele Serien, zu wenig Zeit? Wer beim Überangebot im Fernsehen und bei Streaming-Diensten nicht mehr hinterherkommt, guckt Folgen einfach mit doppelter Geschwindigkeit. Kunstpausen bleiben beim „Speed watching“ auf der Strecke, aber Hartgesottene feiern den Zeitgewinn.

Fans gucken Serien jetzt im Speed-Tempo: So funktioniert's
Foto: Fotolia/rodjulian

Die neue Staffel von „Game of Thrones“ sowieso, Staffel zwei von „Stranger Things“ bestimmt auch. Außerdem natürlich „Fear the Walking Dead“ und vielleicht auch „You Are Wanted“. Bald sicher „Star Trek: Discovery“ und die fünfte Staffel von „Prison Break“. Und am Ende ist immer noch Luft für ein paar Runden „BoJack Horseman“, „Big Bang Theory“ oder zwei, drei „Simpsons“-Klassiker.

Die Frage ist nur: Wie soll man das alles schaffen? Wer soll all die Serien gucken, der nebenher arbeiten, einkaufen, essen und irgendwann auch schlafen muss? In der nicht endenden Folgenflut lautet die Antwort für einige hartgesottene Fans in den USA mittlerweile „Speed watching“ – Konsum von Serien mit doppeltem Abspieltempo. Denn: Wer doppelt so schnell guckt, schafft auch doppelt so viele Folgen.

Glaubt man Anleitungen von Könnern, wird das Gehirn dabei schrittweise an die doppelte Abspielgeschwindigkeit gewöhnt. Wer „Gilmore Girls“ oder „Westworld“ erst mit 1,2-fachem und dann 1,5-fachem Tempo guckt, schafft irgendwann auch das Zweifache oder sogar mehr. Dabei helfen Video-Player wie VLC und Erweiterungen für den Internet-Browser. „Das Leben ist kurz. Verschwende es nicht damit, Videos mit einfacher Geschwindigkeit zu gucken“, schreibt der Nutzer einer entsprechenden Erweiterung für Google Chrome.

Denn nicht Stunden, sondern ganze Tage und Wochen voller Serien-Stoff spülen die Produzenten von Kabelsendern wie HBO, CBS und Fox sowie Streaming-Diensten wie Netflix, Amazon und Hulu auf den Markt. Selbst Hardcore-Fans ringen mit der Flut an spannendem TV-Material. 455 Drehbuch-Serien erschienen einer Studie des Senders FX zufolge im Jahr 2016 allein in den USA – im Jahr 2010 gab es nicht einmal halb so viele. Der Moment des „Peak TV“, an dem ein dann übersättigter Serien-Markt schwächelt und die Zahl der Produktionen wieder sinkt, ist noch immer nicht erreicht.

Also hasten einige Zuschauer mit doppeltem Tempo durch das Angebot. Der Genuss, ein TV-Kunstwerk in Ruhe zu gucken und die von Regisseur und Drehbuchautor vorgesehenen Pausen, Längen oder Zeitlupen voll auszukosten, mag beim „Speed watching“ flöten gehen. Dafür werde das Leben aber „effizienter“, schrieb die „Washington Post“ vergangenen Sommer: Vier Folgen „Unbreakable Kimmy Schmidt“ passten jetzt in nur eine Stunde. „Es gibt mehr zu gucken als jemals zuvor.“

Erfunden haben will die ans „Speed reading“ (Bücher) und „Speed listening“ (Podcasts) angelehnte Methode der frühere Jura-Student Alexander Theoharis. Er sei vor ein paar Jahren versehentlich an eine Taste gekommen, die ein laufendes Video etwas beschleunigt habe, erzählte er der „Seattle Times“ 2014. Nun guckt er „Breaking Bad“ mit 1,6- und „The Office“ mit 2,4-facher Geschwindigkeit und Untertiteln. Er habe einfach wissen wollen, was in diesen Serien passiert, sich wegen der verlorenen Zeit im Studium aber oft schuldig gefühlt.

Für Lernvideos und Online-Vorlesungen mag die Methode praktisch sein. „Modern Family“ werde bei doppeltem Tempo sogar lustiger, schreibt die „Washington Post“, denn „die Witze kommen schneller und schlagen härter ein“. Man müsse auch keine Zeit mehr mit öden Füll-Inhalten verschwenden. Und wer hat schon Zeit, fünf Staffeln „The Wire“ in zweieinhalb Tagen zu gucken? Die Chrome-Erweiterung „Video Speed Controller“ wurde schon mehr als 235 000 Mal heruntergeladen.

Nur mag es sein, dass das Gehirn ein normales, dann langsam wirkendes Erzähltempo irgendwann nicht mehr erträgt. Der Genuss einer Serie im Normaltempo wäre ruiniert, möglicherweise auf ewig. Und, fragt das „New York Magazine“, wenn es so viel Arbeit ist, die eigene Lieblingsserie zu verfolgen, warum guckt man sie dann überhaupt? (Johannes Schmitt-Tegge, dpa)