Samstag, 01. April 2017, 17:09 Uhr

Brunhilde Pomsel: Die Sekretärin von Goebbels packt aus

Brunhilde Pomsel, das „unpolitische Mädchen“, die nach eigener Aussage immer nur eine „Randfigur“ war, kam einem der größten Verbrecher der Geschichte so nah, wie kein anderer noch Lebender. Die Frau war Joseph Goebbels persönliche Stenographin.

Brunhilde Pomsel: Die Sekretärin von Goebbels packt aus
Foto: Blackbox Film & Medienproduktion GmbH.

Von 1942 bis zum Mai 1945 arbeitete sie im Vorzimmer von Hitlers Propagandaminister. Noch in den letzten Kriegstagen, als die sowjetischen Truppen bereits in den Straßen Berlins standen, tippte sie im Bunker Schriftsätze und wurde im nationalsozialistischen Machtzentrum zur Zeugin des Untergangs. Jetzt erscheint ein ergreifender Dokumentarfilm über die 106 Jährige, die im Januar verstorben war. Am 6. April kommt der Dokumentarfilm in die Programmkinos.

Brunhilde Pomsel spricht darin erstmals umfassend über ihre Erlebnisse, Erfahrungen, ihre Ängste und Zweifel im engsten Zirkel um Hitlers Einpeitscher, Hetzer und Massenverführer. Die Erinnerungen an die schönste Zeit des Lebens, die Jugend, bleiben für immer untrennbar mit dem furchtbarsten Kapitel der Zivilisationsgeschichte verbunden.

Sie berichtet vom schillernden Berlin der 20er Jahre, der Zeit als Sekretärin in den Diensten eines jüdischen Rechtsanwaltes, der 1933 emigrierte; ihrem schnellen Wechsel zu einem deutschnationalen Frontkämpfer, für den sie seine Memoiren stenographiert; von ihrer Arbeit beim Berliner Rundfunk, die ihr ein befreundeter Nazi besorgte, ein Posten für den sich die „Unpolitische“ deklarieren musste. „Na klar bin ich in die Partei eingetreten. Warum nicht? Alle taten das.“ Schließlich dann die Dienstverpflichtung ins Propagandaministerium. „Nur eine ansteckende Krankheit hätte mich davor bewahren können. Und doch fühlte ich mich geschmeichelt, weil es eine Auszeichnung für mich, die schnellste Stenotypistin des Rundfunks war.“

Pomsel schildert den Charme des Propagandaministers, der in so krassem, fast infamen Gegensatz zu seinen Verbrechen und geifernden Reden stand, seine fast messianische Verehrung des Führers, seine im Ministerium gefürchteten Wutausbrüche, die erahnen ließen, wozu der Narziss Goebbels fähig war. Der „war ein gutaussehender Mann. Ungemein gepflegt, dolle Anzüge. (…) Er war unheimlich eitel. Er achtete penibel auf sein Aussehen.“

Brunhilde Pomsel: Die Sekretärin von Goebbels packt aus
Foto: Polyfilm

Die letzten Kriegstage arbeitet Pomsel zunächst noch in einem provisorischen Büro in Goebbels Stadtvilla, unweit des Brandenburger Tores. Als die Kämpfe heftiger werden und immer näher kommen, flüchtet auch sie in den Luftschutzkeller unter dem Propagandaministerium. Dort verbringt sie die letzten Stunden mit ihrem Chef und seiner Familie – bis zum Selbstmord von Joseph und Magda Goebbels – und bis zum Mord an deren Kindern, der sie bis heute nicht loslässt. Noch im Bunker wird Brunhilde Pomsel durch sowjetische Truppen aufgegriffen. Nach fünf jähriger Gefangenschaft setzt sie ihre Karriere beim deutschen Rundfunk fort.

Die Filmemacher Christian Krönes, Olaf S. Müller, Roland Schrotthofer und Florian Weigensamer erklärten dazu: „Wir wollen mit diesem Film die Geschichte der Mitläufer und Profiteure, der Duckmäuser und Wegseher erzählen. Denn diese Millionen Menschen, die nur auf ihr eigenes Schicksal geachtet haben, waren die wahren Träger dieser grausamsten Diktatur von allen. Dieser Film belegt, dass Krieg und Gewaltherrschaft nicht aus dem Nichts kommen, dass ein gesellschaftliches Klima sehr schnell kippen kann, dass das vermeintlich Böse nicht immer gleich erkennbar ist und dass man seine eigenen moralischen Positionen immer wieder hinterfragen muss.“

Brunhilde Pomsel: Die Sekretärin von Goebbels packt aus
Foto: Polyfilm

Weiter heißt es in einer Mitteilung des Verleihs: “ Wir haben im Studio gedreht. Wir holten sie in der Früh ab, was für sie sehr anstrengend war. Da kam aber wieder ihr Pflichtbewusstsein zutage – sie hatte uns zugesagt, also zog sie es auch durch, auch wenn es eine Belastung für sie war. Den Dreh erlebte sie auch als positive Erfahrung – nicht nur aufgrund der Aufmerksamkeit, die sich auf sie richtete, es war auch die Gelegenheit, noch einmal alles im eigenen Kopf durchzugehen. Sie hat sich sehr intensiv mit sich selbst auseinander gesetzt.“

Dennoch: An einer Stelle des Films sagt Pomsel, es gäbe heute viele, „die behaupten, sie hätten damals mehr getan für die armen verfolgten Juden.“ Doch dies sei eine Illusion gewesen: „Sie hätten es auch nicht getan (…) Wir waren ja alle in einem riesigen Konzentrationslager“. „Das alles“, so bilanziert der „Spiegel“, „bleibt unwidersprochen. Der Zuschauer muss sich seinen reim darauf machen“.

Brunhilde Pomsel: Die Sekretärin von Goebbels packt aus
Foto: Kurt Krieger/Filmfest München