Sonntag, 02. April 2017, 19:25 Uhr

Thomas Anders singt Deutsch: Das Interview zum neuen Album

Als Sänger von Modern Talking schrieb Thomas Anders ein Stück deutsche Popgeschichte. Der sympathische Pfälzer gehört zu den wenigen deutschen Stars, die auch international Bekanntheit erlangten. Was Ende der Achtziger im Doppel mit Dieter Bohlen begann, hat Anders über die Jahre längst  zu einer ganz eigenen Marke entwickelt.

Thomas Anders singt Deutsch: Das Interview zum neuen Album
Foto: Ben Wolf

Die Bilanz kann sich sehen lassen: 125 Millionen verkaufte Tonträger, über 420 Gold- und Platin-Schallplatten und weltweit gut 250.000 Konzertbesucher pro Jahr. Mit „Pures Leben“ veröffentlicht er nun sein erstes deutschsprachiges Album überhaupt. Beim Gespräch mit klatsch-tratsch.de in Hamburg erzählte er uns, wieso er jetzt klingt wie Helene Fischer.

Herr Anders, Sie tragen ja jetzt auch ein Bärtchen!
Schon immer. Wahrscheinlich fällt es jetzt mehr auf, weil er ergrauter ist und ein bisschen länger. Ich rasiere mich nur so alle fünf Tage.

Ist das schon ein Hipsterbart?
Hipster ist doch schon wieder vorbei. Hipster macht auch nur Sinn, wenn du jung bist. Mich würde so ein Bart alt aussehen lassen. Und ich bin ja kein Modelltyp, ich muss als Künstler ein bisschen Sexyness verkaufen.

Dessen sind Sie sich schon bewusst, oder?
Klar. In meinem Alter kann man nur versuchen, sexy zu sein.

Sind denn Männer Ihres Alters manchmal neidisch auf Ihr Äußeres?
Ich habe noch keinen gefragt. An seiner Pflege kann aber doch jeder Mann etwas ändern. Ich fühle mich ganz wohl, so wie ich aussehe.

Als Kind sollen Sie sich ja nie dreckig gemacht haben.
Das habe ich wirklich selten. Ich war nie ein Junge, der sich im Schlamm suhlt. Das ist aber nichts, was mir meine Eltern beibringen mussten. Das hat etwas mit dem Charakter zu tun. Ich liebe auch heute noch guten Stil, respektvolles Benehmen und schöne Ästhetik. Und ich mag Luxus in einer gewissen Form. Ich glaube, das ist einfach eine selbstbewusste Haltung.

Welcher Typ entspricht denn Ihrem Ästhetikbild?
Auf jeden Fall George Clooney. Er sieht gepflegt aus und nicht aufgesetzt. Da guckt man doch gerne hin. Wenn man im Sommer in Deutschland durch eine Fußgängerzone geht, was ich selten tue, guckt man schon weniger gern hin.

Sie kommen gerade zurück von einigen Auftritten in den USA…
Ich war im letzten Jahr in New York. Ich war in Toronto, Houston, San José, Washington, Seattle und Boston. In Los Angeles waren 10.000 Leute bei meinem Konzert.

Verrückt! Was für ein Gefühl war das?
Auf der Bühne fühle ich mich ja immer wohl. Aber es war einfach toll. Besonders nach der Vorgeschichte. Als mein Booker mir erstmals von der Konzert-Anfrage aus Los Angeles erzählte, meinte ich nur: „Da war jemand besoffen. Warum soll ich nach Los Angeles?“ Aber es hieß: „Nein, der Typ, der gefragt hat, will das Konzert unbedingt machen.“ Und ich so: „In welchem Club denn?“ Und mein Booker antwortete: „Nix Club, im Starlight Bowl! 5000 Besucher mit der Option für ein Zusatzkonzert.“ Wie gesagt, ich dachte, der Veranstalter muss total auf Drogen sein. Ich konnte mir das überhaupt nicht vorstellen. Wir haben den Vertrag gemacht. Sechs Wochen später stand bereits fest, dass auch das zweite Konzert stattfinden würde. Am Ende kamen 10.000 Leute. Und das zwei Jahre hintereinander.

Thomas Anders singt Deutsch: Das Interview zum neuen Album
Foto: Ben Wolf

„Pures Leben“ heißt Ihr neues Album, mit dem Sie auch zu Ihren Wurzeln zurückgehen. Warum singen Sie jetzt deutschsprachige Songs – so wie vor Modern Talking?
Ich könnte jetzt antworten: „Warum nicht?“ Aber der Grund ist eigentlich, dass ich auf eine Jahrzehnte lange Karriere zurückblicken kann und immer noch wahnsinnig gerne ausprobiere – ob das nun 2006 das Orchester-Album „Songs Forever“ war, eine Weihnachtsplatte oder ein gemeinsames Album mit Uwe Fahrenkrog-Petersen. In den letzten Jahren habe ich mich immer öfter dabei ertappt, wie ich deutschsprachige Musik höre und an ihr Gefallen finde. Gregor Meyle finde ich gut. Und Revolverheld zum Beispiel.

Was hat sich für Sie verändert?
Wenn vor 20 Jahren etwas Deutsches im Radio lief, zuckte ich schon mal zusammen, weil es gar nicht so in dieses Gefüge von Musik passte, die ich hören wollte. Aber jetzt gibt es so tolle Songs wie „80 Millionen“ von Max Giesinger. Da sieht man einfach, wie sich die deutsche Sprache emanzipiert hat. Sie ist frecher und moderner geworden. Man interpretiert sie jetzt auch anders.

Und da springen Sie jetzt auf den Zug mit auf?
Ich habe mir schon vor über drei Jahren gedacht, dass ich es doch jetzt mal wagen könnte, Deutsch zu singen. Vor zwei Jahren fingen wir dann an, an Musik zu arbeiten. Wir haben viel ausprobiert, Titel aufgenommen und wieder verworfen. Dabei habe ich dann auch festgestellt, dass ich nicht der Typ Singer-Songwriter bin. Trotzdem musste ich lernen, deutsche Worte anders zu betonen.

Thomas Anders singt Deutsch: Das Interview zum neuen Album
Foto: Ben Wolf

Zum Beispiel?
Auf der Single „Der beste Tag meines Lebens“ gibt es das Wort genießen. Ich mach’s aber kurz und singe genieß’n. Man spricht nicht mehr wie vor 30 Jahren jeden Buchstaben aus. Da ist eine Lockerheit und Coolness, die die junge Generation reingebracht hat. Man singt heute auch kaum noch ein „nicht“, sonders es ist meistens ein „nich’“. Die deutsche Sprache wird im Grunde schlampig angewandt. (lacht)

Musikalisch erinnert Ihre Musik nun eher an Andrea Berg oder Helene Fischer.
Im Grunde ist es nichts anderes als Modern Talking auf Deutsch. Warum sollte ich auch den Sound ändern, mit dem ich mich wohlfühle? Ich brauche Melodien! Und ich brauche andere Melodie-Bögen als meinetwegen Singer-Songwriter. Um es vorsichtig zu sagen: Viele der Interpreten in dem deutschsprachigen Genre sind nicht die besten Sänger. Texte und Melodien sind auf das Spektrum des jeweiligen Interpreten zugeschnitten oder er hat diese gleich selbst geschrieben. Wenn ich in einem Song keinen Melodie-Bogen habe, ist der Song schon nichts für mich.

Sie wollen singen!
Weil ich es kann! Wenn ich eines kann, dann ist es Singen.

Ihr neues Album klingt rundum positiv. Sind Sie immer optimistisch?
Das ist einfach meine Einstellung. Für mich ist das Glas immer halb voll. Das macht meine Frau manchmal wahnsinnig. Da ist das halbe Geschirr vom Tisch gefallen, und dann sage ich: „Aber guck mal, diese Vase hat überlebt!“ Natürlich gibt es auch Momente, in denen ich sage: „Das läuft jetzt gerade nicht so toll.“

Thomas Anders singt Deutsch: Das Interview zum neuen Album
Foto: Ben Wolf

Würden Sie sich als Lebenskünstler bezeichnen, der es versteht, das Glück auch zu genießen?
Schon. Denn eigentlich geht es nicht darum, immer nur positiv drauf zu sein, sondern in bestimmten Momenten das Positive zu erkennen! Meiner Meinung nach haben das viele verlernt. In der Geschwindigkeit, in der wir heute leben, tritt das in den Hintergrund. Wir suchen immer nur das große Glück, übersehen aber auf dem Weg dahin die kleinen Dinge. Wenn wir als Menschen das Orchester für ein Musikstück sind, für die große Komposition, die am Ende des Lebens zur Aufführung kommt, dann ist man danach aber auch tot. Das Proben dafür ist das Leben!

Was hat Sie denn zuletzt beglückt?
Ach, das klingt total banal. Gestern war ich bei mir Zuhause im Garten, und es kommt die Sonne plötzlich raus, was im Februar jetzt auch nicht so normal ist. Und da sehe ich zum ersten Mal in diesem Jahr die Knospen kommen. Meine Frau hat so einen riesigen Kamelienstrauch mit Hunderten von Blüten, der direkt vor meinem Fenster an meinem Schreibtisch positioniert ist. Wenn der anfängt zu blühen, macht mich das glücklich. Oder wenn mich jemand auf der Straße anspricht und sagt: „Schön Sie zu sehen, Herr Anders!“ Das freut mich auch.

Ist das auch die Weisheit des Älterwerdens?
So etwas kann man nicht lernen. Ich war schon immer sehr positiv denkend, aber mit dem Alter bekommt das noch viel mehr Tiefe. Ich kann auch mit einer Leichtigkeit Tiefe empfinden. Oder die Leichtigkeit macht es mir leichter, etwas Tieferes zu empfinden.

Welche Momente im Leben haben Sie demütig gemacht?
Etliche. Meine Mutter ist vor acht Monaten verstorben. Wann immer es geht, kümmere ich mich um meinen Vater. Der ist 86. Da muss man dann hin und wieder schon zum Arzt oder auch mal ins Krankenhaus. Ich hatte noch nie eine Operation, war bestenfalls jemanden im Krankenhaus besuchen. Aber dort wird man ganz schnell demütig und merkt, dass man auf der Sonnenseite steht, wenn man die Kranken sieht.

Und beruflich?
Beruflich erinnere ich mich an eine Tournee durch Russland. Die Mauer war gerade gefallen, aber die Perestroika war noch nicht umgesetzt. Ich wohnte in den besten Hotels der Stadt, und trotzdem lief hinter meinem Bett eine Kakerlaken-Straße entlang. Dann bist du rasch in der Realität angekommen. Am liebsten wäre ich abgereist, aber ich sagte mir damals: „Herrje, diese warmherzigen und lebensbejahenden Menschen hier haben ihr Leben lang so gelebt, und du bist nur für ein paar Wochen raus aus deiner Blase.“ Da kommt man schon ins Grübeln. Solche Erfahrungen hängen mir bis heute positiv nach. Ich habe dadurch gemerkt, dass ich mehr aushalten kann, als ich von mir selbst geglaubt habe.

Und wenn ich Sie nach drei lebensverändernden Momenten frage?
Die Geburt meines Sohnes vor 15 Jahren. Das hat alles geändert. Es hat mich verantwortungsbewusster gemacht. Damit einher geht auch, dass eine gewisse Sorglosigkeit verloren ging. Ich war bei der Geburt dabei. Und nein, ich bin nicht ohnmächtig geworden oder habe geweint. Aber es ist insofern interessant, als dass man sich als Vater sofort auf das Kind fokussiert. Das hat die Natur so eingerichtet. Verändert hat mich auf jeden Fall auch das Kennenlernen meiner jetzigen Frau. Weil eine Person in meinem Leben Platz gefunden hat, von der ich sage, dass ich mit ihr alt werden möchte. Ich weiß gar nicht, ob es noch etwas Drittes gibt.

Da würde ich jetzt schon erwarten, dass Sie das Kennenlernen von Dieter Bohlen ins Spiel bringen.
Das hat mein Leben verändert, aber nicht mich. Denn mit Sicherheit wäre ich kein anderer Mensch, hätte ich ihn nicht kennengelernt und diese Karriere mit Modern Talking nicht gemacht. Ich hätte vielleicht andere Sichtweisen, weil ich dadurch sehr viel erleben und sehr viel Erfolg haben durfte. Aber mein Kopf und das, was ich bin, wäre genauso jetzt.

Interview: Katja Schwemmers. Album: Thomas Anders „Pures Leben“ (kommt am 7. April raus!)