Sonntag, 09. April 2017, 13:16 Uhr

Konzertbericht: Xavier Naidoo live Im Wohnzimmer

Hochkarätige Konzerte gibt es nicht nur in großen Sälen von Metropolen. Kunst macht auch in kleinen Orten Halt. Manchmal reicht für ein richtiges Konzert sogar ein Wohnzimmer.

Die 60 Jahre alte Angela wohnt nicht in Berlin oder München, sondern in einer verschlafenen Gemeinde an der Bahnstrecke Hamburg-Sylt. An ihrer Station stoppen nur Züge, die wirklich an jeder Milchkanne Halt machen. Xavier Naidoo findet dennoch den Weg dorthin, um für die Chefarztsekretärin zu singen. Gemeinsam mit seinem Überraschungsgast, dem Musiker Laith Al-Deen, gibt er ein sogenanntes Wohnzimmerkonzert. Angela hatte die intime Veranstaltung wenige Wochen zuvor bei einem Gewinnspiel gewonnen.

Am Donnerstag hatte der Soulsänger Xavier Naidoo noch als Moderator des Echo 2017 auf der großen Bühne gestanden. Am Samstag dann singt er für knapp 40 Fans in einem Wohnzimmer. 38 Quadratmeter groß ist der Raum, der gleichzeitig Bühne und Zuschauersaal ist. Selbst Angelas Dekoration bleibt während des Konzerts am angestammten Platz, es muss höchstens mal ein Stück zur Seite geschoben werden. Alles ist so kuschelig wie zuvor – nur der Wohnzimmertisch muss raus, damit die Künstler Platz haben.

Bei diesem Konzert ist alles live, nichts kommt vom Band. Drei Musiker quetschen sich mit Piano, Percussion und Gitarre zwischen einen gemütlichen Wandkamin und die beiden Sänger. Auf der gegenüberliegenden Seite stehen ein Sofa und ein Ledersessel, dazu eine Handvoll Sitzwürfel – mehr Platz gibt es nicht. Die meisten Gäste müssen daher draußen bleiben. Sie stehen vor der offenen Terrassentür oder drängeln sich im Garten vor einem offenen Fenster.

Xavier Naidoo trifft sich schon am Samstagvormittag mit Angela, um sie und ihre Familie kennenzulernen. Die 60-Jährige lebt mit Ehemann Jochen (63), Tochter Tanja (40) und Enkelin Melina (17) in einem Drei-Generationen-Haus. „Xavier verbrachte den ganzen Tag mit der Familie“, erzählt Team-Sprecherin Christiane Wolf.

Sein Team verwandelt inzwischen das Haus in einen Konzertsaal. Auf dem Küchentisch stehen Schminktöpfchen und Puderquasten. Und die Band ist froh, weil der Soundcheck zeigt, dass die Akustik trotz der schweren Deckenbalken gut ist.

Beim Gig singen dann Naidoo und Al-Deen abwechselnd im Duett und solo. Es sei „eine große Ehre, bei euch singen zu dürfen“, sagt Naidoo bei der Ankündigung seines Songs „Bitte hör nicht auf zu träumen“. Später holen er und Al-Deen noch Angela zu sich auf die Bühne. Zu dritt interpretieren sie den Gospelsong „Kumbaya My Lord“.

Nach einer knappen Stunde und mehreren Zugaben verabschieden sich die Künstler von ihrem Publikum. „Man hat richtig gemerkt, dass es euch Spaß macht“, sagt Angela. „Und ihr habt das alles auf uns übertragen.“ (Wolfgang Runge, dpa)