Donnerstag, 20. April 2017, 20:29 Uhr

Marian Gold von Alphaville: „Ich habe zu viel Geld, um alles auszugeben!“

Alphaville haben Welthits geschrieben. Selbst US-Rapper Jay-Z gab der deutschen Synthiepop-Band 2009 den Segen, indem er ihre Single „Forever Young“ coverte. Und auch Gruppen wie One Direction, The Killers und Imagine Dragons haben den Song schon interpretiert. Von dem 1982 formierten Trio ist Sänger Marian Gold heute das einzig verbliebene Gründungsmitglied.

Marian Gold von Alphaville: „Ich habe zu viel Geld, um alles auszugeben!“
Foto: Rui M Leal/ WENN.com

Mit „Strange Attractor“ hat der 62-jährige Wahl-Berliner gerade das siebte Studioalbum mit Alphaville veröffentlicht. Wie er sich in den Anfängen in der Hauptstadt warme Gedanken machte, welche Verluste er jüngst hinnehmen musste, und wie er als Popstar seine Großfamilie unterhält, erzählte er klatsch-tratsch.de-Autorin Katja Schwemmers.

„Forever Young“ ist der größte Hit von Alphaville. Wie kommen Sie mit dem Älterwerden klar?
Überhaupt nicht. Wie soll man denn damit klar kommen? Älterwerden ist scheiße. Mich nervt, dass man schneller müde wird, nicht mehr so fit ist und vergesslicher wird –Einschränkungen jeglicher Art. Allerdings ist es auch nicht zu ändern, also warum sollte ich mir einen Kopf machen? Vom Tod ist man eigentlich immer gleich weit entfernt. Denn man weiß ja nicht, wann er zuschlägt.

Tun Sie etwas gegen das Älterwerden?
Die einzig gute Medizin heißt: nicht so viel jammern. Das ist mein Motto.

Auf dem neuen Alphaville-Album besingen Sie das „Sexyland“. Wo genau ist das?
Das findet man nicht mehr, denn das gibt es nicht mehr. Das war mal ein Porno-Schuppen in der Martin-Luther-Straße in Berlin. Da wurden Filme gezeigt, es gab Wichskabinen und künstliche Penisse. Als ich Ende der Siebziger nach Berlin kam, hingen überall Poster, die Reklame für das „Big Sexyland“ machten. Darauf war ein Mädel abgebildet, das mich damals sehr beeindruckt hat. In dem Lied erzähle ich im Prinzip von meinem Leben damals und wie ich dieses Mädchen das erste Mal auf dem Poster sah.

Das beschäftigt Sie nach so vielen Jahren immer noch?
Es ist zwar schon ewig her, aber 1979/1980 war für mich eine sehr intensive Zeit. Ich war ein kleiner dreckiger Punk und wohnungslos. Es war Winter, es war kalt. Wenn ich nirgendwo unterkam, habe ich mir ein U-Bahn-Ticket gekauft und bin nachts die längste Strecke abgefahren – bis zu sechs Mal hin und her. Auf der jeweiligen Endstation hing das Plakat. Ich musste immer aussteigen und warten, bis der Zug wieder zurückfuhr. Dann saß ich auf der Bank, fror und sah vor mir die nackte Frau auf diesem tollen Plakat mit diesem perfekten Körper. Das hat sich eingemeißelt in meiner Erinnerung.

Haben Sie sie jemals getroffen?
Nein, ich habe aber mittlerweile herausgekriegt, wie sie heißt. Mit dem Song haben Alphaville ihr ein Denkmal gesetzt. Ihr Plakat hing mindestens 15 Jahre in der Stadt.

Und im „Big Sexyland“ waren Sie auch öfter?
Das konnte ich mir gar nicht leisten!

Dabei sollte es bis zu Ihrem weltweiten Durchbruch gar nicht mehr lang dauern.
Ja, manchmal steht man kurz vor einer Veränderung, die das ganze Leben auf den Kopf stellt, und man weiß es gar nicht.

Marian Gold von Alphaville: „Ich habe zu viel Geld, um alles auszugeben!“
Foto: Universal Music

Wie wichtig war Berlin für Sie als Künstler?
Unheimlich wichtig. Ich bin ohne Kohle nach Berlin gekommen, aber mit dem festen Glauben, mein Ding durchzuziehen. Ich habe damals sogar den Kontakt zu meinen Eltern abgebrochen. In der Zeit, wo der eiserne Vorhang und die Mauer noch existierten, war Berlin ein außergewöhnlicher, inspirierender Ort – den gab es nicht noch einmal auf der Welt. Ich bin immer wieder erstaunt, dass in der Zeit nicht mehr entstanden ist als ein paar bemerkenswerte Bands wie die Einstürzenden Neubauten und eben auch Alphaville.

Als Sie 1984 mit „Big In Japan“ den Durchbruch schafften, wurde angenommen, Sie wollten im fernen Osten groß rauskommen.
Dabei ging es in dem Stück um Drogen mit dem Bahnhof Zoo als imaginäre Kulisse. Ich schrieb das Stück über ein Pärchen, das vom Heroin loskommen will. Beide stellen sich vor, wie großartig es wäre, sich ohne Drogen zu lieben: kein Stehlen, keine Freier, keine Eiszeit in den Pupillen mehr, stattdessen einfach nur reale Emotionen.

Und deshalb der Song-Titel?
Ende der Siebziger war ich regelmäßig im SO36 in Kreuzberg, weil ich hoffte, David Bowie dort zu treffen. Denn es hatte Gerüchte gegeben, er wäre auf Entziehungskur in Berlin. Ich kaufte bei einem Independent-Höker eine Platte von einer britischen Band namens Big In Japan. Ich dachte, wenn „Big In Japan“ bedeutet, dass du in einer Umgebung ein Nichts bist, woanders aber ein ganz Großer sein kannst, würde das Statement perfekt zu der Geschichte des liebenden Pärchens passen. Es war das zweite Stück, das ich überhaupt in meinem Leben geschrieben hatte. Ich wollte es erst gar nicht mit aufs Alphaville-Debüt packen, meine Mitstreiter mussten mich erst davon überzeugen.

David Bowie war Ihr Idol. Hat Sie sein Tod sehr getroffen?
Natürlich. Er war seit Anfang der Siebziger mein ständiger Begleiter. Ich kenne fast jedes Stück und jeden Text von ihm auswendig. Ich hab zwar nie versucht, so zu singen wie er, aber manchmal kommt das wohl unbewusst durch. Doch bei aller Trauer, die ich empfunden habe, als ich die Nachricht von seinem Tod bekam: Ich kann das nicht ansatzweise vergleichen mit dem Verlust unseres Keyboarders Martin List im Jahr 2014. Da ist ein langjähriger Wegbegleiter gestorben, mit dem ich nicht nur in künstlerischer Hinsicht, sondern auch auf jegliche andere Art sehr verbunden war. Auf dem Album ist mit „Beyond The Laughing Sky“ der letzte Song, den Martin und ich zusammen geschrieben haben. Sein Tod ist eine Tragödie, die mich immer noch sehr bewegt.

Mit „A Handful Of Darkness“ haben Sie auch ein Lied über missbrauchte Kriegskinder und Kriegswaisen auf der Platte, was ungewöhnlich für eine Synthiepopband ist. Glauben Sie, dass Musik die Welt verändern kann?
Musik kann die Welt schöner machen, aber nicht verändern. Ich glaube nicht, dass Kunst überhaupt etwas verändern kann. Kunst kann aber Impulse geben, politisch zu handeln. Dann ist man vielleicht Politiker, Aktivist, Weltverbesserer oder auch Terrorist, aber man handelt nicht als Künstler. Das ist wie mit der Filmmusik: Ohne diese Musik sind die Bilder eines Films vielleicht gar nicht so beeindruckend. Dennoch endet der Film auf dieselbe Weise, auch ohne Musik. Der Film ist die Realität, die Musik ist einfach nichts anderes als der Soundtrack. Sie verändert nicht das Resultat. Musik sollte aber eine Reaktion sein auf das, was passiert. Denn wenn sie unabhängig von Ereignissen und Zeitgeist funktioniert, interessiert sie mich eigentlich nicht.

Marian Gold von Alphaville: „Ich habe zu viel Geld, um alles auszugeben!“
Foto: Universal Music

Hat sich Ihr Selbstverständnis als Künstler verändert? Am Anfang Ihrer Karriere legten Sie viel Wert auf Coolness.
Cool will ich immer noch sein! Cool bedeutet ja auch, aus einer gewissen Distanziertheit heraus die Dinge künstlerisch abzuhandeln. Und Distanz finde ich gut.

Sie sind also nicht der Popstar zum Anfassen?
Ich bin weder zum Anfassen, noch ein Popstar. Ich sehe mich als Künstler. Ein Popstar ist jemand, der eine Nummer-1-Single in den Charts hat – habe ich aber gerade nicht. Angefasst werde ich auch nicht gern von Fremden. Es gab Zeiten, wo so etwas vorgekommen ist, das war dann nicht mehr lustig. Aber man kann es sich in Gedränge manchmal nicht aussuchen. Deswegen liebe ich Bühnen. Das sind die sichersten Orte auf der ganzen Welt.

Seit dem Terrorattentat im Pariser Bataclan auch nicht mehr wirklich.
Mag sein, aber wann passiert so etwas schon mal? Die Leute werden an anderen Orten wesentlich öfter erschossen.

Haben Sie Ihre „Bravo“-Artikel von früher eigentlich aufbewahrt?
Nein, es gibt Leute, die haben Archive, da muss ich mir nicht auch noch eins anlegen. Ich bin auch nicht auf der Suche nach dieser Art von Vergangenheit. Ich habe aber meine eigenen Aufzeichnungen aufbewahrt wie Tagebücher und Fotoalben. Das gibt mir mehr als in alten Artikeln über mich zu lesen. Ich schreibe hin und wieder auch meine nächtlichen Träume auf. Die sind immer eine Fundstelle für Inspiration. In der neuen Single „Giants“ heißt es nicht ohne Grund: „I hate to sleep, but I love to dream.“ Das ist das Prinzip, auf dem das ganze Album funktioniert: Um das zu kriegen, was du willst, musst du etwas machen, was du nicht willst.

Sie schlafen nicht gerne?
Nein, es ist doch viel aufregender, wach zu sein! Was nicht heißt, dass ich nicht müde werde. Ich schlafe, weil ich es muss. Und ich bin jemand, der gerne träumt. Insofern ist Schlaf Mittel zum Zweck. Es lohnt sich, denn ich träume viel. Es sind meist bizarre verdrehte Geschichten, die man sich nicht ausdenken kann, was ja das Tolle am Träumen ist. Früher konnte ich mir Träume nur viel besser merken als heute.

Was wäre denn ein realer Traum?
Mein größter Wunsch ist, dass meine Kinder alle gesund bleiben.

Treten Ihre Kinder in die Fußstapfen des Vaters?
Meine Kinder haben alle andere Pläne als Musik. Sie finden das zwar cool, dass ihr Papa Musiker ist, aber ihre Interessen liegen ganz woanders.

Sie haben sieben Kinder von vier Frauen. Haben Sie Ihr ganzes Geld in die Familie gesteckt?
Nein, mein ganzes Geld nicht – so wenig Geld habe ich jetzt auch nicht. Ich habe so viel Geld, dass ich es gar nicht alles ausgeben kann! Es hat natürlich geholfen, dass ein Musiker wie Jay-Z „Forever Young“ gecovert hat. Aber Geld war nie der Grund, warum ich Musik gemacht habe. Das wäre ja auch ein ziemlich irrsinniger Gedanke. Meine Beweggründe waren etwas ehrenwerter.