Sonntag, 23. April 2017, 19:51 Uhr

TV-Kritik Tatort "Wehrlos": Perverse Sexspielchen bei der Polizei

Die Polizei, dein Freund und Helfer. Doch was ist, wenn Beamte sich gegenseitig demütigen, erpressen und sogar ermorden? Die Wiener „Tatort“-Kommissare müssen ihre eigenen Kollegen ins Visier nehmen.

TV-Kritik Tatort "Wehrlos": Perverse Sexspielchen bei der Polizei
Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und ihr Kollege Moritz Eisner (Harald Krassnitzer). Foto: ARD Degeto/ORF/Hubert Mican

Eigentlich scheint alles klar: Ein Ehemann erschlägt seine Frau bei einem heftigen Streit und richtet sich danach selbst. Doch so einfach ist es eben doch nicht. Schnell kommen den Wiener „Tatort“-Kommissaren Zweifel. Denn der Tote ist auch Chef der Polizeischule. Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) ermitteln plötzlich in den eigenen Reihen und stoßen auf erschreckende Abgründe, perverse Sexspielchen, Mobbing und Psychoterror. Vor allem die Frauen haben in „Wehrlos“ an diesem Sonntag (20.15 Uhr) im Ersten kein leichtes Los. Von der Polizeischülerin bis zur Pathologin kämpfen sie gegen Sexismus.

Dabei steht für Fellner am Anfang die Suche nach Zweisamkeit. Mit einem Profil auf einem Online-Dating-Portal will die Alleinstehende ihrem Liebesglück auf die Sprünge helfen. Ein Vorhaben, das ihr später noch viel Häme einbringen soll. Der Fall bringt die trockene Alkoholikerin im Lauf der Folge zusehends an ihre Grenzen und darüber hinaus. Auf Unterstützung von Eisner kann sie nicht wirklich bauen. „Ich glaube, ich könnte so trocken sein wie die Sahelzone und du würdest mir immer noch vorwerfen, dass ich sauf‘.“

Das Verhältnis zu ihrem Kollegen ist diesmal noch konfliktreicher als üblich. Lautstarke Streitereien am Tatort inklusive. „Und ich dachte, wir sind Freunde“, wirft Fellner ihrem Partner einmal an den Kopf. „Was sollen diese ganzen depperten Anspielungen?“, fragt Eisner.

Bei den Ermittlungen bringt die Obduktion der Leiche früh eine Wende. Die Kugel im Chef der Polizeischule stammte nicht aus seiner eigenen Waffe. Zugriff zu der speziellen Munition hat allerdings nur die Polizei selbst. Ein Täter von außen kann so ausgeschlossen werden.

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Bibi Fellner (Adele Neuhauser) sucht den Ausbilder der Polizeischule Thomas Nowak (Simon Hatzl) und die Polizeianwärterin Katja Humbold (Julia Richter) auf. Foto: ARD Degeto/ORF/Hubert Mican

Die Kommissare machen daraufhin aus der Not eine Tugend und beenden ihre Zusammenarbeit zum Schein. So kann sich Majorin Fellner in eine andere Abteilung einschleusen. Denn in den Fokus der Ermittler gerät der leitende Beamte der Sicherheitsakademie Thomas Nowak (Simon Hatzl). Der Polizist, der seine Frauenfeindlichkeit mit Stolz vor sich herträgt, versucht, vor allem Fellner das Leben zur Hölle zu machen. Dabei gerät er hinter den Kulissen selbst in Bedrängnis.

Drehbuchautor Uli Brée, der mit dem süffisanten Blick in die Wiener Bussi-Bussi-Gesellschaft in der Serie „Vorstadtweiber“ zumindest in Österreich ein Quotenlieferant war, inszenierte einen „Tatort“ zwischen Geschlechterklischees und Beziehungsproblemen. Sein Regiedebüt bei dem Krimi gab Christopher Schier.

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Der Ausbilder der Polizeischule Thomas Nowak (Simon Hatzl). Foto: ARD Degeto/ORF/Hubert Mican

Privates Glück scheint das erste Mal seit langer Zeit nur Eisner zu haben. Mit Samy Graf (Ruth Brauer-Kvam), die er bei Brées letztem „Tatort“-Fall „Sternschnuppe“ Anfang 2016 kennenlernte, verbringt er amouröse Stunden. Seine Art kommt aber im Büro trotz seiner verhältnismäßig guten Laune nicht immer an. „Moritz, bitte erspar‘ mir deine Jesus-Patschen-Dramatik“, sagt Oberst Ernst Rauter (Hubert Kramar).

Doch was hat Ermittler Stefan Pohl (Alexander Strobele) mit dem Mord zu tun? Der sympathische Polizist scheint nach 45 Jahren makelloser Karriere nur seine schwere Krankheit verheimlichen zu wollen. Oder weiß er am Ende mehr als er zugeben will? Einen amüsanten Seitenstrang gibt es mit dem altbekannten Langzeitganoven „Inkasso-Heinzi“ (Simon Schwarz), in dessen Establishment einige Fäden zusammenlaufen.

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Moritz Eisner (Harald Krassnitzer, re.) und Susi Freund (Michou Friesz) beobachten den Gerichtsmediziner Florian Maurer (Sebastian Wendelin). Foto: ARD Degeto/ORF/Hubert Mican

Für Krassnitzer ist es ein besonderer Fall. Zum 40. Mal ermittelt er nun bereits im TV-Krimi als mürrischer Kommissar. Im Jahr 1999 flimmerte Eisner in „Nie wieder Oper“ erstmals über den Bildschirm. Seine Figur sei im Laufe der Jahre gereift, sagt er. „Sie reagiert manchmal gelassener, kann aber immer noch sehr emotional sein.“ Der Ermittler sei noch immer ein Mysterium für ihn. Die Wandlung vom Draufgänger zum teilweise sanften und ratlosen Ermittler habe vor allem mit seiner Kollegin zu tun.

Seit 16 Folgen dreht Krassnitzer bereits mit Neuhauser. Ein Ende des Duos ist nicht in Sicht. Sie drehen bereits den nächsten Österreich-Krimi „Die Faust“. (Sandra Walder)