Dienstag, 02. Mai 2017, 19:40 Uhr

Filmkritik "Einsamkeit und Sex und Mitleid": Irre Figuren, irre Gags

Helmut Kraussers Bestseller „Einsamkeit und Sex und Mitleid“ wird in der Regie des Kino-Debütanten Lars Montag zu einer Satire von Format. Mit bitterer Komik entlarvt der pointierte Film die vermeintliche Weltläufigkeit deutscher Großstädter als schnöden Selbstbetrug.

Filmkritik "Einsamkeit und Sex und Mitleid": Irre Figuren, irre Gags
Foto: X-Verleih

Pedro Almodóvar lässt grüßen: In einem wilden Episodenreigen werden in der Verfilmung des Bestsellers „Einsamkeit und Sex und Mitleid“ Geschichten von Menschen erzählt, die beständig am Rande des Nervenzusammenbruchs leben. Sie sind Supermarktleiter, Ex-Lehrer, Callboy, Polizist, Künstlerin oder Ärztin und drei Teenager in der Pubertät. Sie alle eint die verzweifelte Suche nach dem Glück. Und, dass niemand weiß, was Glück ist.

Das Ensemble wahnwitziger Charaktere sorgt mit beißendem Witz und wohl dosiertem Gefühl für ein Vergnügen mit Hintersinn. Dabei geht es um Alltägliches: Da verzweifelt etwa einer, weil seine Lieblingswurst aus dem Sortiment des Supermarkts genommen wurde. Ein anderer wird fast irre, weil ihn die sexuellen Ansprüche seiner Partnerin überfordern. Der Nächste leidet an den Anforderungen einer obskuren Sekte, der er sich anvertraut hat.

Helmut Kraussers 2009 herausgekommener Bestseller beleuchtet die Neurosen deutscher Großstädter mit scharfen Miniaturen. Dabei lacht man als Leser nie über die Figuren, sondern immer mit ihnen. Diese Qualität zeichnet auch die Verfilmung durch Regisseur Lars Montag aus, der bisher durch das Fernsehen, vor allem einige „Tatort“ -Inszenierungen, bekannt wurde.

Die Qualität der wie in einem Feuerwerk abgeschossenen Gags reicht von albern bis anspruchsvoll, surreal bis satirisch. Die Pointen landen gelegentlich unter der Gürtellinie, meist aber mitten im Herz der Zuschauer. Denn die stellen immer wieder fest, dass sie selbst es sind, denen da der satirische Spiegel vorgehalten ist. Wer ehrlich ist, muss sich nämlich eingestehen, wie viele Marotten, Neurosen und Idiotie das eigene Leben beherrschen.

Filmkritik "Einsamkeit und Sex und Mitleid": Irre Figuren, irre Gags
Foto: X-Verleih

Das Schauspiel-Ensemble brilliert nicht mit großem Namen, sondern mit großem Können. Angeführt wird es von Jan Henrik Stahlberg. Der 2004 als Hauptdarsteller in dem Kinofilm „Muxmäuschenstill“ erstmals einem größeren Publikum aufgefallene Darsteller verkörpert einen Ordnungshüter, der seinen Rassismus ungehemmt auslebt. Neben ihm setzen Akteure wie Friederike Kempter („Tschick„), Bernhard Schütz („Finsterworld„) und Maria Hofstätter („Wilde Maus“) Glanzlichter. Formal fesselt der Film mit einer raffinierten Melange aus klassischem Erzählkino und surrealistischen Spotlights.

Zum Finale driftet die Szenenfolge des ganz gewöhnlichen Wahnsinns zwischen Dating-Portalen im Internet, Sex-Spielchen auf missbrauchten Behinderten-Toiletten und völlig wirkungslosen Anti-Aggressionskursen unerwartet ins Dramatische ab. Der Witz wird abgrundtief schwarz. Alle behauptete Weltläufigkeit der Protagonisten wird als muffige Engstirnigkeit entlarvt. Für Momente bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Das macht den Film weit über den Kinobesuch hinaus wirksam. (Peter Claus, dpa)

Filmkritik "Einsamkeit und Sex und Mitleid": Irre Figuren, irre Gags
Foto: X-Verleih

Einsamkeit und Sex und Mitleid, Deutschland 2017, 119 Min., FSK ab 16, mit Jan Henrik Stahlberg, Friederike Kempter, Bernhard Schütz, von Lars Montag