Mittwoch, 03. Mai 2017, 22:15 Uhr

Filmkritik "Sieben Minuten nach Mitternacht": Alpträume und Trost

Wie geht man damit um, wenn ein geliebter Mensch stirbt? Das Jugendbuch „Sieben Minuten nach Mitternacht“ erzählt von einem Jungen, dessen Mutter schwer krank ist. Nun wurde es verfilmt, als bewegendes Fantasy-Drama mit Felicity Jones und Sigourney Weaver.

Filmkritik "Sieben Minuten nach Mitternacht": Alpträume und Trost
Foto: Studiocanal

„Sieben Minuten nach Mitternacht“ steht das Monster vor dem Haus und rüttelt an der Tür. Ein riesiger, knorriger Baum, der zum Leben erwacht, bedrohlich und auf seltsame Art auch wieder beruhigend. Doch was er von Conor verlangt, ist entsetzlich. Er zwingt ihn, sich mit seinen Alpträumen auseinanderzusetzen, mit den schlimmsten existenziellen Ängsten, die ein Kind wohl haben kann. Der spanische Regisseur Juan Antonio Bayona hat einen aufwühlenden Film über das Sterben gedreht und über die Schwierigkeiten, einen geliebten Menschen gehen zu lassen.

Der Film ist ein herausragendes und bildgewaltiges Fantasydrama, das zu Tränen rührt und gleichzeitig eine tröstliche Botschaft vermittelt. Es beruht auf einem Jugendroman von Patrick Ness nach einer Idee von Siobhan Dowd, das zum Kinostart mit Filmbildern neu erscheint. Die kunstvollen schwarz-weißen Illustrationen von Jim Kay wurden im Film aufgegriffen – etwa in Form von dicken Tintenklecksen, die sich ins Papier saugen und zu bizarren Formen verlaufen.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Conor, eindrucksvoll gespielt von Lewis MacDougall. Seine Mutter (Felicity Jones) ist sehr krank. Deshalb soll er kurzfristig bei seiner strengen, unnahbaren Großmutter (Sigourney Weaver) wohnen. Eine Horrorvorstellung für den 13-Jährigen, der von schrecklichen Träumen heimgesucht wird. Nachts um 00.07 Uhr taucht darin ein riesiges Baummonster vor seinem Schlafzimmerfenster auf und erzählt dem verschreckten Jungen seltsame Geschichten, von Prinzen, Königen und Helden, die ganz und gar nicht heldenhaft sind. Bald gerät Conor in den Bann dieser merkwürdigen Erzählungen.

Bayona setzt seine Zuschauer einem Wechselbad der Gefühle aus. Hier der wilde Schmerz und die rasende Verzweiflung über den nahen Tod, dort die Geborgenheit und die kindliche Hoffnung, dass vielleicht doch alles gut wird. Kein ganz einfacher Stoff, für Jugendliche aber dennoch unbedingt empfehlenswert.

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Foto: Studiocanal

Der Film bereitet ein schwieriges Thema sensibel und einfühlsam auf, auch wenn es hin und wieder ein klein bisschen pathetisch wird. Bayona beschwört die Macht der Fantasie, die helfen kann, den inneren Frieden wiederzufinden und mit der Trauer klarzukommen. Das Drama macht auch deutlich, was das Schwierigste für die Sterbenden selbst ist: Die geliebten Menschen zurückzulassen in dem Wissen, dass man ihnen unsäglichen Kummer bereitet. „Ich wünschte, ich hätte hundert Jahre“, sagt Conors Mutter ihrem Sohn. „Hundert Jahre, nur für dich.“

Bei den spanischen Filmpreisen wurde Bayona, der 2018 das Dinosaurier-Spektakel „Jurassic World 2“ ins Kino bringen soll, für „Sieben Minuten nach Mitternacht“ mit neun Goyas gewürdigt, unter anderem als bester Regisseur. Eine verdiente Auszeichnung, auch wegen des großartigen Ensembles, allen voran Conor-Darsteller MacDougall, der mit seinen berühmten Kollegen locker mithalten kann.

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Foto: Studiocanal

Lohnenswert ist der Film im übrigen auch im englischen Original, in dem der Baum von Liam Neeson gesprochen wird, der Conor mit rauer Stimme zu einer wichtigen Erkenntnis bringen will: „Geschichten sind wichtig“, sagt das Monster. „Sie können wichtiger sein als alles andere. Wenn sie die Wahrheit in sich tragen.“ (Cordula Dieckmann, dpa)

Sieben Minuten nach Mitternacht, USA/Spanien 2016, 108 Min., FSK ab 12, von Juan Antonio Bayona nach einem Roman von Patrick Ness, mit Lewis MacDougall, Felicity Jones, Sigourney Weaver

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