Samstag, 06. Mai 2017, 17:30 Uhr

Tom Schilling: „Meine erste Liebe dürfte ich nicht mehr treffen“

Der Berliner Schauspieler Tom Schilling (35, „Oh Boy“) hat eine fabelhafte Platte rausgebracht. Fabelhaft deshalb, weil „Vilnius“ ungewöhnlich anders klingt und mit dem Weichspüler-Pop anderer deutscher Schauspieler nichts gemeinsam hat. Es sind dunkle, dramatische Lieder mit poetischem Anspruch, die er derzeit mit der Band The Jazz Kids auch live auf Tour in Deutschland präsentiert.

Beim klatsch-tratsch.de-Interview erzählt der dreifache Familienvater, warum er tief in seinem Herzen ein enttäuschter Romantiker ist.

Tom Schilling: „Meine erste Liebe dürfte ich nicht mehr treffen“
Foto: Alexandra Kinga Fekete

Herr Schilling, in Ihren Liedern geht es viel um die Liebe.
Ja, es ist eine Platte über Frauen. Über mich und meine Kindheit. Aber besonders über Frauen.

Wie würden Sie Ihr Frauenbild beschreiben?
Es ist ein sehr ambivalentes. Es ist natürlich primär geprägt durch meine Mutter und die erste Liebe. Aber vielleicht steckte es auch schon in meiner DNA. Ich habe mich immer schon stark zu Frauen hingezogen gefühlt. Ich erinnere mich an einen Campingurlaub und wie sehr ich es als kleiner Junge genossen habe, bei den älteren Mädchen auf dem Schoss zu sitzen. Die fanden mich süß. Ich trug so einen kleinen Haarschwanz, wie ihn Jungs der DDR damals hatten. Ich habe Frauen immer schon überhöht und auch deshalb gehörig unter ihnen gelitten.

Warum sind Ihre Liebeslieder so morbide, wo Sie doch liebestechnisch gut versorgt sind.
Das Eine schließt das Andere ja nicht aus. Jedenfalls nicht für mich.

Über Ihre Single „Kein Liebeslied“ sagen Sie, dass es ein Lied für die enttäuschten Romantiker ist.
Sind wir nicht alle irgendwie Romantiker? Natürlich bleiben einem dann Enttäuschungen nicht erspart. Deswegen finde ich ein Anti-Liebeslied oder eine Hass-Hymne, so wie ich sie geschrieben habe, gar nicht so außergewöhnlich. Die Popmusik schreit doch geradezu nach mehr solcher Lieder. Genau genommen fing es schon 1983 mit „This Is Not A Love Song“ von Public Image Ltd. damit an.

Erzählen Sie von Ihrer ersten Liebe.
Sie war toll, aber leider nicht erfüllt. Deshalb ist die Platte so sehnsuchtsvoll. Ich dürfte meine erste Liebe heute wahrscheinlich nicht mehr treffen, denn in der Erinnerung ist es doch schöner. Es sind die Premieren im Leben, die als einschneidende Momente im Gedächtnis bleiben. Kinderkriegen ist auch so eine. Wie oft macht man Sachen zum ersten Mal? Von solchen Premieren gibt es nicht mehr viele, wenn man älter wird, aber man kann ein bisschen süchtig nach ihnen werden. Deswegen finden wir unsere Jugend so toll, weil man so unschuldig war und dem ersten Mal ein Zauber innewohnt.

Auf was für Premieren freuen Sie sich noch?
Ich habe zum ersten Mal eine Platte aufgenommen. Auch wenn es für andere nicht so wichtig ist: Mir ist das extrem wichtig, wichtiger noch als ein guter Film, und es ist das Beste, was ich seit langem gemacht habe. Was will ich noch machen? Ich will heiraten! Nächstes Jahr vielleicht.

Sie sind bekennender Rammstein-Fan. Hat die Band Sie für Ihre Liebeslieder inspiriert?
Auf jeden Fall hat mich die Sprache von Till Lindemann sehr geprägt. Als ich mit 14 angefangen habe, ernsthaft Musik zu hören, mochte ich Nick Cave und die zwei Ost-Bands Rammstein und The Inchtabokatables. Rammstein beackern zwar ganz andere Themen als ich, aber die Sprache, die Till benutzt, ist eine sehr ausgewählte, alte Sprache der deutschen Romantik. Sein Vater ist Dichter. Man merkt schon, dass er von der Sprache kommt. Und die mag ich. Es war mir erst gar nicht so bewusst, dass ich stilistisch so ähnlich wie Till schreibe. Aber wir haben offensichtlich beide ein Faible für die deutsche Romantik.

Tom Schilling: „Meine erste Liebe dürfte ich nicht mehr treffen“
Foto: Alexandra Kinga Fekete

Haben Sie ihm mal ein paar Ihrer Texte geschickt?
Um Gottes Willen, das würde ich niemals tun! Das sind meine Musikhelden, ich will gar nicht, dass die überhaupt wissen, dass ich Musik mache. Dazu habe ich viel zu viel Respekt und Demut vor dem, was sie geschaffen haben. Das wäre ja in etwa so, als würde Till zu mir kommen und sagen: „Ich will auch mal in einem Film mitspielen.“ Wobei ich sogar glaube, dass Till sehr viel Talent fürs Schauspielern mitbringt.

Warum covern Sie das Lied „Kinder (Sind so kleine Hände)“ von Bettina Wegner aus dem Jahr 1976?
Weil Kinder – meine eigene Kindheit, wie ich zu dem geworden bin, was ich bin und wie meine Kinder werden – für mich ein zentrales Thema der Platte sind. Ich finde das Lied wahnsinnig traurig. Wenn ich einen Drogenabhängigen am Kottbusser Tor in Berlin sehe, dann denke ich nie: Oh Gott, was für eine schlimme Droge das aus dem Menschen gemacht hat. Sondern eher, was das Leben, die Eltern und die äußeren Einflüsse aus diesem Menschen gemacht haben, dass er sich in Drogen geflüchtet hat. Dann stelle ich mir die Person als Kind vor und frage mich, was da alles passiert sein muss. Es ist zwar illusorisch, aber es wäre wünschenswert, würden wir es schaffen, unsere Kinder großzuziehen ohne ihnen unsere Verletzungen und Trauer weiterzugeben.

Sie selbst sind schon mit 24 das erste Mal Vater geworden. Was hat das mit Ihnen gemacht?
Ohne Kinder wäre ich vermutlich ein bisschen verantwortungsloser mir selbst gegenüber gewesen. Ich musste schon früh das Partyleben hinter mir lassen und habe wahrscheinlich ein bisschen gesünder gelebt als Gleichaltrige ohne Kinder.

Tom Schilling: „Meine erste Liebe dürfte ich nicht mehr treffen“
Foto: Alexandra Kinga Fekete

Dass Sie meist im Anzug rumlaufen, sollen Sie sich bei Nick Cave abgeschaut haben. Sie sind 2013 vom Deutschen-Modeinstitut sogar als Krawattenmann des Jahres ausgezeichnet worden. Sind Sie eitel?
Ja, bestimmt. Obwohl ich mittlerweile auch etwa verwahrlose. Ich laufe ziemlich oft in Jogginghose und Bomberjacke rum. Gewisse Sachen kann man einfach nicht so gut im Anzug erledigen. Kinderwagenschieben zum Beispiel, während man das andere Kind auf dem Arm trägt. Da bin ich total verschwitzt, wenn ich irgendwo ankomme. Also renne ich lieber in luftigen Klamotten rum. Aber eitel bin ich trotzdem.

Wo gehen Sie gerne shoppen?
Ich hasse es, Klamotten zu kaufen. Ich gehe weder Einkaufen noch zum Friseur. Das sind Dinge, die man als Schauspieler nicht machen muss. Um die Haare kümmert sich der Maskenbilder des nächsten Films. Und ich kaufe lieber ein paar Sachen beim Film ab, die ich da bereits getragen habe.

Tragen Sie gerne Kostüme?
Ja, total. Ein gutes Kostüm macht für einen Schauspieler die halbe Arbeit. Da muss man fast nichts mehr spielen. Gute Kostümbildner sind der Schlüssel meines Erfolgs. (lacht)

Was wäre das Größte, was Sie mit dieser Platte erreichen könnten?
Dass ich sie mir in zehn oder 20 Jahren noch gut anhören kann und es Leute gibt, die das Album in 20 Jahren noch kaufen. Das müssen gar nicht viele sein. Aber das würde bedeuten, dass die Platte nicht gealtert ist und zeitlos. So zeitlos wie das Albumcover.

Tom Schilling: „Meine erste Liebe dürfte ich nicht mehr treffen“
Foto: Alexandra Kinga Fekete

Das Albumcover schmückt das „Seestück“ des Künstlers Gerhard Richter. Wie haben Sie ihn überzeugt? Oder war das gar der Promi-Bonus?
Vielleicht, vielleicht auch nicht. Da Gerhard Richter mich aber nicht nötig hat, wäre die Antwort eher nein. Ich habe ihm einen Brief geschrieben, an dem ich lange gefeilt habe. Sein Bild passt so gut zu der Platte, den Einsatz habe ich gerne gezeigt. Ich habe mir die Leute, mit denen ich zusammengearbeitet habe, eh so ausgesucht, dass es für sie keine Rolle spielen dürfte, ob ich ein bekannter Schauspieler bin oder nicht.

Sind bestimmte Lieder von Ihren Filmen inspiriert?
Schon. Den russischen Akkordeon-Spieler Rasteryaev, der nun den Titel eines Liedes ziert, habe ich im russischen MTV entdeckt, als wir „Unsere Mutter, unsere Väter“ in Osteuropa gedreht haben. Der ist dort eine ziemlich große Nummer, und ich habe mich total in ihn verliebt und das im Song mit einem anderen Thema kombiniert. „Draußen am See“ schrieb ich bei den Dreharbeiten zu „Woyzeck“. In dem Film geht es wie im Lied im Prinzip auch um einen Mann, der seine Liebe tötet. Ich interessiere mich als Schauspieler für solche Geschichten und kann das dann nicht mehr auseinanderhalten, was genau mich auf das Thema eines Songs gebracht hat. Nick Cave ist für mich genauso Referenz wie Georg Büchner, der Dichter Matthias Claudius oder eben Till Lindemann.

Sie trennen Schauspiel und Musik also nicht?
Wenn ich den Film „Oh Boy“ nicht gemacht hätte, gäbe es diese Platte ja gar nicht! Der Regisseur Jan-Ole Gerster hat die Musiker, die mit mir das Album gemacht haben, in der Bar des Deutschen Theaters in Berlin entdeckt. Sie komponierten dann in kürzester Zeit den Jazz-Score für seinen Film. Dadurch habe ich sie kennengelernt. Es war eine schicksalshafte Fügung.

Und es hat gleich geklappt?
Anfangs war das gemeinsame Musikmachen gar nicht ergebnisorientiert. Denn ich hatte bereits einen Versuch in einer anderen Konstellation hinter mir, wo ich am Ende das Gefühl hatte, nicht mehr der Urheber zu sein – so sehr hatte die Person die Musik an sich gerissen. Daraus wäre dann wirklich eine peinliche Schauspielerplatte mit kitschigen Songs geworden und genau das Gegenteil von dem, was ich jetzt mit der Band mache. Viele von den Jazz Kids kommen tatsächlich aus dem Jazz – die kannten die Musik gar nicht, die ich spielen wollte. Ich musste sehr genau Referenzen aufzeigen und sie in die Spur bringen. Ich habe mich zum ersten Mal mit der Musik richtig aufgehoben gefühlt.

Von „Oh Boy“-Regisseur Jan-Ole Gerster sollen Sie auch Ihre erste Gitarre bekommen haben.
Die hat er mir weit vor dem Film „Oh Boy“ geschenkt – damals war ich Anfang 20. Wir kennen uns sehr lange. Ich habe schon in seinem Bewerbungsfilm für die Universität mitgespielt. Dann hat er sehr lange studiert. „Oh Boy“ war sein Abschlussfilm.

Als Schauspieler sah man Sie zuletzt als Romeo-Agent in dem TV-Mehrteiler „Der gleiche Himmel“. Seitdem beherrschen Sie alle Tricks der Verführung, sagen Sie. Wickeln Sie damit jetzt auch Ihr Musikpublikum um den Finger?
Das mit den Verführungstricks habe ich immer nur in den Interviews zum Film erzählt. Aber natürlich habe ich mich mit den Mechanismen befasst, um aber festzustellen, dass ich sie niemals bewusst einsetzen würde, weil mir nichts fremder wäre als zu manipulieren. Deshalb würde ich auch mit dem Publikum nicht auf die Art umgehen. Es gibt ja genug Künstler, die wissen, wie man die Klaviatur des Verführens spielt. Aber das bin nicht ich. Vielleicht werden die Konzerte deshalb für mich etwas anstrengender, weil ich keine Maske aufsetze, den Ziggy Stardust gebe, dann von der Bühne gehe und wieder jemand anderes bin. Ich bin auch auf der Bühne ich.

Aber ein bisschen Show machen Sie und die Jazz Kids schon, oder?
Das will ich doch hoffen! Wir sind zwar nicht Deichkind, und es wird bei uns keine Mega-Party mit der Wodka-Pistole sein. Aber es gibt auch andere Künstler: Leonard Cohen hat die Leute unterhalten, in dem er einfach auf der Bühne stand und ehrlich war. Auch bei uns werden die Zuschauer sich nicht um den Abend und Eintritt betrogen fühlen.

Interview: Katja Schwemmers

Aktuelle Tourdaten:

07. Mai 2017 München, Strøm
08. Mai 2017 Heidelberg, Karlstorbahnhof
09. Mai 2017 Frankfurt am Main, Brotfabrik
10. Mai 2017 Köln, Stadtgarten
11. Mai 2017 Hamburg, Nochtspeicher
12. Mai 2017 Berlin, Columbiatheater