Montag, 08. Mai 2017, 20:48 Uhr

In der Kritik: Die verlorenen Söhne Mannheims

Wie weit darf Kunst gehen? Nach Ansicht von Kritikern sind die Söhne Mannheims um Sänger Xavier Naidoo mit einem Lied zu weit gegangen. Ein Krisentreffen mit der Stadtspitze soll den Streit eindämmen.

In der Kritik: Die verlorenen Söhne Mannheims
Xavier Naidoo und die Söhne Mannheims sind wegen des Songs „Marionetten“ massiv in der Kritik. Foto: Uwe Anspach

Im heftigen Streit um das Lied „Marionetten“ der Söhne Mannheims soll es für die Popgruppe um Sänger Xavier Naidoo ein Befreiungsschlag sein. Nach tagelanger scharfer Kritik von Medien und Politikern trifft sich die Gruppe hinter verschlossenen Türen mit Mannheims Oberbürgermeister Peter Kurz. Mit Nachdruck hatte der SPD-Politiker eine Klarstellung für „antistaatliche Aussagen“ in den Texten gefordert. Vor dem für Montagabend geplanten Gespräch gab es aber zunächst keine deutliche Annäherung – ein Hinweis, dass die Affäre für die bisher erfolgsverwöhnte Band nicht vorbei sein dürfte.

In „Marionetten“ betreibt Autor und Sänger Naidoo massive Politikerschelte. Unter anderem heißt es: „Teile eures Volks nennen euch schon Hoch- beziehungsweise Volksverräter.“ Seit der Veröffentlichung hagelt es Protest. Politiker geißeln den Song als mindestens rechtspopulistisch, und örtliche Medien regten gar an, der Gruppe die Nutzung des Stadtnamens „Mannheim“ zu verbieten.

Dass Bandmitgliedern die Brisanz klar gewesen sein dürfte, zeigt eine Aussage von Sänger Rolf Stahlhofen. „Anfangs wollte ich ‚Marionetten‘ nicht singen. Aber dann sitzt du im Studio und denkst: Das macht schon Sinn so“, sagte er vor dem Streit dem „Mannheimer Morgen“. Auch Satiriker Jan Böhmermann hatte das Lied unlängst aufs Korn genommen.

In der Vergangenheit hatte es wiederholt Diskussionen um Texte von Naidoo gegeben. Kritiker warfen ihm unter anderem Populismus vor. Der für den Eurovision Song Contest (ESC) verantwortliche Norddeutsche Rundfunk (NDR) hatte den Sänger 2015 nach scharfer Kritik doch nicht für den Wettbewerb nominiert.

Mannheim und Naidoo, das war lange eine gewinnbringende Verbindung. Für die badische Stadt mit Industrie-Image und hohem Ausländeranteil diente der charismatische Soulsänger mit südafrikanischen Wurzeln als idealer Werbeträger für eine weltoffene Kommune. Davon zeugt auch die landesweit bekannte Popakademie. Umgekehrt kokettiert Naidoo oft mit seiner Herkunft aus der Arbeiterstadt am Rhein. „Meine Stadt ist meine Frau, der ich alles anvertrau“, heißt es in einem Lied.

Jetzt ist das Tischtuch vorerst zerschnitten – wegen eines Lieds, das auch in der Gruppe nicht als Höhepunkt des Schaffens gesehen wird. Wenn es der Song bloß wert wäre, stöhnte einer der Musiker hinter vorgehaltener Hand. Und nun: ein Treffen mit dem Oberbürgermeister unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Aus den Söhnen Mannheims – so scheint es – sind die verlorenen Söhne Mannheims geworden.

Die Band indes fühlt sich unverhältnismäßig hart attackiert. „Ich verstehe das Lied als Appell zum Nachdenken darüber, dass Politik oft missbraucht wird. Und da wollen wir – mit zugegeben überzeichneten Worten – aufrufen, etwas dagegen zu tun“, sagte Sänger Henning Wehland, als vor einer Woche erste Kritik laut wurde. Band-Kollege Stahlhofen betonte damals: „Das Lied … ist ein Aufruf zum Dialog.“

Oft ist in dem Streit zu hören, dass schon andere Bands kritische Songs gesungen haben – und dass diese meist viel drastischer sind. Dieses Argument unterschlage aber eines, sagen andere: Die Söhne Mannheims seien nicht vergleichbar mit Gruppen wie Böhse Onkelz und Frei.Wild oder mit Gangsta-Rappern. Die „Söhne“ haben stets eine Sonderrolle beansprucht – und diese durchaus ausgefüllt. Im schnelllebigen Musikbetrieb gilt eine Großband mit Mitgliedern verschiedener Kulturen und offen gelebtem Glauben als eher selten.

Die Band eilte nach ihrer Gründung 1995 zu vielen Erfolgen. 2008 stürmte sie mit „Das hat die Welt noch nicht gesehen“ an die Spitze der Hitparade. Früh engagierte sie sich auch gesellschaftlich, bei Amnesty International oder dem Projekt Aufwind für Mannheimer Kinder. Die Stadt werde trotz des aktuellen Streits sicher nicht vergessen, was die Band geleistet habe, sagte ein Behördensprecher am Montag.

Die Kritik ist aber wohl auch deswegen so massiv, weil der Song von einer Band kommt, zu deren Repertoire eher Mutmach-Lieder wie „Volle Kraft voraus“ gehören. „Bei den Söhnen Mannheims ist man über einen solchen Song, der spaltet, irgendwie enttäuscht“, sagte ein Konzertbesucher beim Tournee-Auftakt vor einer Woche in Mannheim. Bei der laufenden Tour singt die Band das umstrittene Lied übrigens nicht. Dies habe, heißt es aus der Band, rein musikalische Gründe. (Wolfgang Jung, dpa)