Mittwoch, 24. Mai 2017, 21:45 Uhr

Filmkritik "Berlin Syndrom" mit Max Riemelt: Gruselort Kreuzberg

Im beklemmenden Thriller „Berlin Syndrom“ spielt Max Riemelt einen Lehrer, der für eine junge Touristin zum Horror wird und sie gefangen hält. Als ultimativ Bösen will er seine Rolle aber nicht verstanden wissen.

Filmkritik "Berlin Syndrom" mit Max Riemelt: Gruselort Kreuzberg
Foto: MFA

Das hippe Kreuzberg als Gruselort: Eine australische Rucksacktouristin landet mitten in Berlin und fühlt sich dort richtig wohl. Aus purem Zufall lernt sie an einer Ampel den Englischlehrer Andi (Max Riemelt) kennen. Die beiden flirten, witzeln und verbringen eine Nacht miteinander. Die Bekanntschaft wird sich für die junge Frau aber schrecklich entwickeln. Andi wird zu ihrem Alptraum. Clare (Teresa Palmer, „The Choice“) ist ein wenig introvertiert und neugierig zugleich. Die sympathische Australierin streift durch Kreuzberg und lässt sich treiben. Sie ist fasziniert von der Architektur und der DDR-Geschichte im angrenzenden Ostteil der Stadt. Immer wieder zückt sie ihre Kamera. Andi zeigt ihr Schrebergärten, der Lehrer ist nett, charmant, zurückhaltend, freundlich. Ein Mann, dem man vertraut.

Schnell kommt der Thriller zum eigentlichen Dreh- und Angelpunkt: Andis Hinterhofwohnung. Hier lebt er abgeschottet von allem – hier lebt sein zweites Ich, seine Ordnung. Die Fenster können nicht geöffnet werden. Niemand ist sonst in dem leerstehenden Haus. Als Clare nach der gemeinsamen Nacht gehen will, bemerkt sie: Die Tür ist verschlossen. Nach und nach begreift die junge Frau – das ist kein Versehen, das ist gewollt. Andi will sie nicht mehr gehen lassen. Ihre Hilferufe gehen ins Leere.

In dieser Extremsituation entwickelt die Regisseurin Cate Shortland ihre weibliche Protagonistin in viele Richtungen. Clare weint, kämpft, fürchtet sich. Der Thriller ist auch deshalb gelungen, weil das Ausmaß des Grausamen in Andi nicht einzuschätzen ist. Wie weit wird er gehen?

 Michelle und Barack Obama
Foto: MFA

Er schießt Fotos von der gefesselten Frau auf dem Bett, braust sie in der Dusche ab. Kontrolliert alles, bricht ihren Willen. Doch im Film gibt es immer wieder Sequenzen, die Hoffnung machen, dass Clare fliehen oder sich Hilfe holen kann. Sie schafft es nach und nach, sich kleine Freiräume zu erkämpfen.

Zwischen seinem Treiben in der Wohnung – Clare entdeckt, dass sie nicht die erste Frau mit diesem Schicksal ist – lebt Andi seinen Alltag als Lehrer und besucht seinen Vater (Matthias Habich) in dessen Haus.

Als reinen Bösewicht will Max Riemelt („Die Welle“, „Sense 8“) seine Rolle nicht verstanden wissen. Im dpa-Interview sagte der 33-Jährige über den Protagonisten: „Er ist kein Abziehbild, kein stereotyper Psychopath. Sondern er ist ein Mensch, der auch charmante und interessante Facetten hat, die den Kontrast viel härter machen. Man mag ihn einfach und wird dann umso härter enttäuscht, wenn man dann sieht, was dahinter steckt.“

Filmkritik "Berlin Syndrom" mit Max Riemelt: Gruselort Kreuzberg
Foto: MFA

Der Film war bereits bei der diesjährigen Berlinale zu sehen. Für Berlin-Fans gibt es in dem Thriller abseits der Handlung auch viele schöne Hauptstadt-Eindrücke rund um das Kottbusser Tor. Die Regisseurin schafft es, das Leben und Treiben einzufangen, ohne dass es aufgesetzt wirkt. (Anna Ringle, dpa)