Sonntag, 11. Juni 2017, 16:20 Uhr

Katy Perry im Interview: "Ich bin verletzlich"

An diesem Wochenende ist Katy Perry auf ihrem YouTube-Kanal in bester Big-Brother-Manier rund um die Uhr im Live-Stream zu beobachten. Man kann der Popsängerin dabei zusehen, wie sie mit Star-Koch Gordon Ramsay kocht, mit Sia und Dita von Teese speist, mit Mitgliedern unterschiedlicher Communities über Immigration diskutiert, gestylt wird, Yoga betreibt, einen Seelenstriptease beim Therapeuten hinlegt oder einfach nur schläft.

Katy Perry im Interview: "Ich bin verletzlich"
Foto: WENN.com

Einige Fans zeigen sich irritiert über die neue Offenheit der Perry und bezeichnen es gar als ihren Miley-Cyrus-Moment. Andere finden es mutig und einfach nur bewundernswert. Grund für diese ungewöhnliche Aktion ist ihr neues, fünftes Album „Witness“ (zu deutsch: Zeuge), mit dem die 32-jährige Pastorentochter aus Kalifornien ihr wahres Ich entblößen will. Klatsch-Tratsch.de-Reporterin Katja Schwemmers verriet Katy Perry letzte Woche beim Interview in Berlin, was es damit auf sich hat.

Katy, welche Idee steckt hinter „Witness“?
Für mich bedeutet es zwei Dinge: Es ist einerseits eine Platte der Befreiung. Ich musste mich häuten und alte Haut abstreifen. Es steckt also eine Entwicklung dahinter. „Witness“ bedeutet aber auch, dass ich andere Menschen bewusster wahrnehme und sehe. Und auch ich, Kathryn, will gehört und gesehen werden. Denn ich bin mehr als nur die Sängerin Katy Perry.

Es war jüngst zu lesen, dass du mit dem neuen Album so viel wie möglich von deinem wahren Ich zeigen willst. Müssen wir dich jetzt Katheryn Hudson nennen?
Nein, soweit geht es nicht. Ich habe den Charakter Katy Perry aufgebaut – und sie hat sehr viel Spaß gemacht. Aber diesmal ist das Ziel, sich nicht hinter Schutzschilden zu verstecken, Katheryn mehr Raum zu geben und so viel Menschlichkeit wie möglich zu zeigen.

Hast du das Gefühl, dass deine Musik jetzt mehr Bedeutung hat als früher?
Alle Lieder, die ich schreibe, bedeuten mir etwas. Denn sie basieren auf meiner Story, meinem Leben, meiner Reise. Der Ansatz ist also immer sehr persönlich. Und wenn ich Glück habe, und ich hatte oft Glück, können sich damit dann auch andere Menschen identifizieren. Musik ist für mich magisch. Sie kann den Schmerz nehmen, heilen, aufmuntern, mich sexy fühlen lassen, bestärken und durch harte Zeiten begleiten, so dass ich am Ende nur noch tanzen will.

Katy Perry im Interview: "Ich bin verletzlich"
Foto: WENN.com

Aber die Vorab-Single „Chained To The Rhythm“ war schon ein politischer Song, oder?
Ich habe mit dem Stück Fragen in den Raum gestellt. Leben wir alle unter einer Glocke? Sollte ich meine Glocke verlassen? Sollte ich Gespräche führen mit Leuten, auch wenn sie vielleicht nicht immer ganz einfach sind. Ist das besser als sich nur zurückzulehnen in der Komfortzone meines gepamperten Lebens? Und ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es besser ist.

Warum ist es dir wichtig, deine Komfortzone zu verlassen?
Weil ich immer daran interessiert bin, mich weiterzubilden. Das bedeutet auch, dass das, was ich vor vier Jahren über bestimmte Dinge dachte, nicht unbedingt das ist, wie ich heute darüber denke. Die Gedanken in meinem Kopf verändern sich kontinuierlich.

Du hast Hillary Clinton bei der US-Präsidentschaftswahl unterstützt. Wie frustriert warst du, als die Demokratin Trump unterlag?
Ich war echt erschüttert, ich hatte damit nicht gerechnet. Ich bin dennoch sehr stolz auf das, was Hillary geschafft hat. Denn sie hat den schlafenden Riesen geweckt. Als Folge davon sind wir nun alle aufmerksamer und interessierter an dem, was in der Welt vor sich geht. Und ich glaube, dass unsere Menschlichkeit uns heute mehr denn je dazu veranlasst, Gutes zu tun. Ich konzentriere mich also auf die positiven Auswirkungen, die das Ganze nach sich zieht, und hoffe, dass ich Leute darin bestärken kann, sich selbstbewusst und befreit zu fühlen.

Hast du beim Women’s March mitgemacht?
Ja. Es ist wundervoll, wenn Tausende Frauen zusammenkommen. Wir sollten uns noch viel mehr gegenseitig unterstützen. Aber ich wäre ebenso zu einem Men’s March gegangen. Ich habe Hillary ja auch nicht nur unterstützt, weil sie eine Frau ist. Männer, die Gleichberechtigung kennen und leben, verdienen genauso unseren Respekt. Ich treffe solche Männer zum Glück öfter.

Katy Perry im Interview: "Ich bin verletzlich"
Foto: Dave Hogan for One Love Manchester/WENN.com

Gilt das mit der gegenseitigen Unterstützung auch für Taylor Swift, mit der du immer noch im Clinch liegst?
Natürlich! Ich führe keinen Streit mit niemandem. Ich will nichts als Liebe verbreiten. Von mir aus können wir die Friedenspfeife rauchen.

Du trägst jetzt kurze Haare. Was macht dein Friseur?
Den habe ich trotzdem noch. Aber ich krieg das alleine fast besser hin, deshalb kümmere ich mich derzeit am liebsten selbst um meine Haare. Das bedeutet weniger Stress für mich und meinen Friseur.

Dein neuer Look und die Single „Bon Appétit“ haben auch negative Reaktionen provoziert. Hast du damit gerechnet?
Alles provoziert doch heutzutage negative Reaktionen! Wir leben in einer Zeit, in der es schnell unbequem werden kann, eine Meinung zu haben und sie laut auszusprechen. Es ist viel einfacher den Mund zu halten, sich auf sein Ding zu konzentrieren und das Verhalten an Eigeninteressen auszurichten. Aber das ist nicht der Grund, warum ich hier bin. Ich liebe, was ich mache, will für Menschen da sein und kann ihnen hoffentlich eine Stimme geben.

Bist du ein spiritueller Mensch?
Oh ja, ich fühle mich sehr zur Spiritualität hingezogen. Ich schöpfe viel Kraft aus der Meditation und von Gott. Meine Karriere hat in den Gospelchören der Kirchen angefangen. Das war eine schöne Zeit – beseelt, spirituell und sehr pur. Und ich möchte behaupten, dass diese Seite auch auf dem neuen Album durchkommt. Es steckt sehr viel Liebe und Schmerz in den Songs. Ich hatte da in letzter Zeit einiges zu verarbeiten.

In dem Song „Pendulum“ singst du wieder mit einem Gospelchor.
Das Lied erzählt von den Erkenntnissen des Lebens: Leute kommen und gehen, sie lieben dich, sie lieben dich nicht. Das Leben schlägt wie ein Pendel mal in die eine, dann in die andere Richtung. Aber egal, wie es gerade steht, du musst dir immer treu bleiben. Dann kommt das Glück von ganz alleine zurück zu dir.

Stimmt es, dass deine Familie eher arm war, als du aufgewachsen bist?
Das stimmt. Aber ich hatte das Glück, im schönen Amerika zur Welt zu kommen, das sehr viele Annehmlichkeiten bereit hält, allein durch die Tatsache, dass man in dem Land geboren ist. Wenn man so will, war ich also von Haus aus privilegiert. Wir hatten trotzdem nie Geld, jedenfalls nicht so viel wie andere Leute. Ich erinnere mich an Essensmarken, die meine Eltern bekamen, damit sie meine zwei Geschwister und mich satt bekamen.

Was machte das Leben so schwer?
Meine Eltern sind reisende Pastoren. Sie arbeiten beide für die Kirche. Wir waren abhängig von der Kirche und dem, was sie uns gaben – und das war ziemlich unbeständig. Manchmal mussten wir erfinderisch werden. Aber meine Eltern waren immer gut darin, das zu überspielen. Sie gaben ihr Bestes – so wie viele Eltern es überall auf der Welt tun. Diese Eltern sollten auch barmherzig gegenüber sich selbst sein, weil sie immer das Meiste aus einer Situation für die Familie rausholen, egal, was man ihnen in die Hand gibt.

Im letzten Jahr hast du den UNICEF-Award aus den Händen von Hillary Clinton erhalten. Was gibt dir die Arbeit als UNICEF-Botschafterin?
Es geht weniger darum, was es mir gibt. Es geht darum, die Aufmerksamkeit, die ich bekomme, auf Leute zu lenken, die sie nicht bekommen und zu sagen: „Darüber müssen wir reden!“ Auf meinen Reisen nach Madagaskar oder Vietnam traf ich Kinder, die nicht mal ihre Grundrechte wahrnehmen können. Sie haben kein Essen auf dem Tisch, kein sauberes Trinkwasser, keine Chance auf Bildung, nicht mal ein Dach über dem Kopf. Diese Kinder leben in furchtbaren Umständen. Darüber in der Öffentlichkeit zu sprechen, ist natürlich unbequem. Und doch muss es passieren.

Hast du Angst vor Misserfolg? Wärst du überhaupt vorbereitet dafür?
Ich bin verletzlich. Aber ich weiß auch, dass ich nicht kontrollieren kann, wie Menschen auf meine Musik reagieren. Keine Karriere verläuft nur in Höhen. Es ist eine Reise, und ich bin bereit dafür. So lange ich authentisch bin, werde ich glücklich sein. Und das bin ich gerade.

Welche Halbwertzeit hat man als Popstar?
Wenn ich mir eine Karriere wie die von Bob Dylan anschaue, die sich über so viele Dekaden erstreckt, dann denke ich: Das ist mein oberstes Ziel, 30 Jahre oder mehr dabei zu sein und damit länger, als es mir irgendjemand im Internet zugetraut hätte. Die ersten zehn Jahre habe ich immerhin schon geschafft.

Hast du dich mit deiner XL-Karriere selbst überrascht?
Oh ja, absolut. Ich habe meine kühnsten Träume darin ersäuft. Wenn ich an meine Super-Bowl-Performance denke… In dem Moment habe ich gar nicht realisiert, wie überlebensgroß der Auftritt war. Erst wenn man einen Schritt zurücktritt und das mit Abstand betrachtet, staunt man über sich selbst. Ja, ich habe es wohl weit gebracht, aber ich habe auch noch einen langen Weg zu gehen.

Du hast im Film „Zoolander 2“ mitgewirkt. Gibt es Pläne, dein komödiantisches Talent auf der Leinwand auszubauen?
Es gibt Anfragen. Ich möchte das auch liebend gerne tun, aber meine Leidenschaft für die Musik hat mir bisher einen Strich durch die Rechnung gemacht. Musik lässt mich verschiedenste Emotionen ausleben. Ich liebe Filme, aber ich bin auch ein Kontrollfreak. Bei der großen Maschinerie, die eine Filmproduktion mit sich bringt, würde vieles außerhalb meines Kontrollbereichs ablaufen. Bei der Musik weiß ich zwar auch nie, ob die Menschen das mögen, was ich rausbringe. Aber da bin ich der Boss.

Macht es dich nicht wahnsinnig, ständig weg von Zuhause zu sein?
Ich lebe dort, wo es mich hinverschlägt – und derzeit nur aus dem Koffer. Ich bin zwar gerne bei meiner Familie, ich vermisse meinen Hund, wenn ich auf Reisen bin. Aber es erfüllt mich auch, Menschen zu treffen und mir ihre Geschichten anzuhören. Es ist alles ein großes Abenteuer. Und wie sagte der von mir sehr verehrte Sänger Morrissey mal zu mir? „Ich liebe, wo auch immer ich lebe.“ Das trifft auch auf mich zu.

Wie sieht es denn da mit deinem Privatleben aus?
Ich bin wieder Single und schwer beschäftigt. Aber wenn der Richtige kommt, wäre ich absolut offen für eine neue Beziehung.