Dienstag, 13. Juni 2017, 23:20 Uhr

Filmkritik "Das Belko Experiment": Mörderisches Spiel im Büro

Während eines heimtückischen Sozialexperiments, ist eine Gruppe von 80 Amerikanern in ihrem Büro-Komplex in Bogata, Kolumbien, eingeschlossen. Sie werden von einer unbekannten Stimme aus dem firmeninternen Kommunikationssystem angewiesen, an einem mörderischen Spiel von Töten-oder-Getötet-werden teilzunehmen.

Filmkritik "Das Belko Experiment": Mörderisches Spiel im Büro
Foto: Kinostar/Orion

Büroarbeit als Überlebenskampf: Drehbuch-Autor James Gunn wachte einst mit einer extremen szenischen Ausdeutung dieses Satzes auf. Dann schrieb er „Das Belko Experiment“, bei dem Arbeitskollegen gezwungen sind, einander umzubringen.

In manchem Büro kämpft jeder gegen jeden. Das weiß man ja. James Gunns Film „Das Belko Experiment“ spielt diese Binsenweisheit mit viel Kunstblut im Kino durch. 80 Angestellte der US-Firma Belko Industries finden sich eines Morgens in ihrem Bürogebäude im Umland des kolumbianischen Bogotá eingesperrt, ohne Kontakt zur Außenwelt, ohne Klimaanlage. Eine Durchsage verkündet: Wenn nicht in zwei Stunden 30 Kollegen tot sind, sterben 60. Hach Gottchen!

Die vom Arbeitgeber mit Sprengstoff-Implantaten im Genick versehene Belegschaft (u.a. Melonie Diaz) spaltet sich auf einer kurzfristig anberaumten Betriebsversammlung in zwei Lager: Mike (John Gallagher jr.) ist gegen das Töten, ebenso wie seine Freundin Leandra (Adria Arjona). Betriebsleiter Barry (Tony Goldwyn) hingegen versammelt einige Erfüllungsgehilfen (u.a. John C. McGinley) und ersinnt einen Sozialplan für die kontrollierte Opferung.

Mit der Waffe in der Hand nennt er seinen Plan alternativlos.

Filmkritik "Das Belko Experiment": Mörderisches Spiel im Büro
Foto: Kinostar/Orion

Kurz darauf heißt es: Jeder gegen jeden. Das klingt nach Splatter. Ist es auch. Nach einer angemessen langsamen Anbahnung – Mike sieht auf dem Weg zur Arbeit die üblichen Todes-Vorzeichen, im Radio läuft auf Spanisch „I will survive“ und man gewinnt die Büronachbarn lieb – folgt ein temporeicher Vollzug. Die schematischen, aber schön unterschiedlichen Figuren diskutieren über menschliche Natur und moralische Integrität. Debatten, bei denen das Horrorgenre stets das letzte Wort behält.

Autor James Gunn hat sich nach eigenen Angaben von Stanley Milgrams berühmtem Versuch von 1961 inspirieren lassen. Bei diesem Verhaltens-Experiment zeigte sich, wie schockierend diensteifrig eine Gruppe „Lehrer“ ihren „Schülern“ bei falschen Testergebnissen immer höhere „Stromstöße“ versetzten – die Stromstöße waren allerdings nicht echt, sondern nur durch die eingeweihten „Schüler“ vorgetäuscht.

Filmkritik "Das Belko Experiment": Mörderisches Spiel im Büro
Foto: Kinostar/Orion

Es gibt auch grobe Situationskomik. Da geht die Tür der blutbesudelten Toilette zu und drauf steht: Bitte sauber für den Nächsten hinterlassen. Mike schwingt den Klebeband-Abroller als Nahkampf-Waffe und plötzlich geht ein Imagefilm los, in dem es heißt, Belko helfe seinen Kunden, „den vielfältigen Anforderungen des modernen Büroalltags gerecht zu werden“.

Drehbuch-Autor Gunn hat vor „Das Belko Experiment“ und „Guardians of the Galaxy“ (2014) schon 2006 die Alien-Horrorkomödie „Slither – Voll auf den Schleim gegangen“ geschrieben und gedreht, die sich durch trashigen Genrehumor auszeichnet. Etwa aus jener Zeit stammt das „Belko“-Skript, erklärt er. Er habe einen Trailer davon geträumt und dann sofort wie im Wahn das Buch dazu geschrieben. Das sei dann zehn Jahre in der Schublade verschwunden, bis der Präsident der US-Filmproduktion MGM, John Glickman, angerufen habe.

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Foto: Kinostar/Orion

Ob es unbedingt hätte herausgeholt werden müssen, darüber kann man streiten. Die Schockmomente sitzen, sind aber vorhersehbar. Kennt man moderne Klassiker des Angestellten-Horrors wie den kongenialen „Severance – ein blutiger Betriebsausflug“ (2006), sollte man nichts bahnbrechend Neues erwarten. Auch erzwungene Schaukämpfe vor sadistischem Publikum sind bekannt aus Filmen wie „Battle Royale“, „Saw“ oder „Die Tribute von Panem“.

Von all dem abgesehen ist „Das Belko Experiment“ aber kein schlechter Film. Wer einen starken Magen hat und sich gern solide Genreware ansieht, ist gut beraten. (Fabian May, dpa)