Samstag, 17. Juni 2017, 19:57 Uhr

Lorde in unserem Interview: „Ich war die Riesin meiner Schule!“

Lorde ist das It-Girl des anspruchsvollen Pop. Für Teenager ist die neuseeländische Sängerin ein (tolles) Vorbild, aber auch Erwachsene finden Gefallen an der 20-Jährigen, weil sie klug und irgendwie unaufdringlicher ist als beispielsweise die befreundete Kollegin Taylor Swift. Zu ihren bekanntesten Fans gehörte sogar David Bowie, als Lorde mit dem etwas anderen Ohrwurm „Royals“ die Welt eroberte – damals war sie gerade süße 16 Jahre alt.

Lorde in unserem Interview: „Ich war die Riesin meiner Schule!“
Foto: Universal Music

Zwei Grammy-Awards stehen seither in ihrer Vitrine. Nun erscheint das zweite Album „Melodrama“. Ein Anschlusserfolg? Absolut. Lorde haut darauf nicht nur ein Dutzend tolle Songs raus, sie bringt sich auch noch als legitime Nachfolgerin von Popsirene Kate Bush ins Gespräch. Beim Interview mit klatsch-tratsch.de-Reporterin Katja Schwemmers fallen sofort ihre außergewöhnlichen, weit auseinander stehenden Augen auf. Und auch sonst ist die heute 20-Jährige eine interessante Erscheinung.

Lorde, du trägst eine schwarze Bondage-Lackhose zum schwarzen Hemd. In Modesachen spielst du gerne mal mit den Geschlechterrollen, oder?
Klar! Jungs-Klamotten sind großartig. Ich trage sie schon seit Kindheitstagen supergern. Nur mixe ich sie mittlerweile mit anderen Sachen.

Zum Beispiel?
Momentan habe ich ein Faible für viktorianische Mode aus der Ära Eduards VII. – mit vielen Schnürungen und Spitze. Das sind Kleider, die teilweise 100 Jahre alt sind. Es ist toll: Ich werfe mir ein altes Kostüm über und werde dann quasi zu der Person. Das passt auch gut zum neuen Album, denn da ist auch ordentlich Theater involviert – passend zum Titel „Melodrama“.

Du hast dich gegen Photoshop bei deinen Bildern ausgesprochen. Wie stehst du zum „No Make-up“-Trend à la Alicia Keys?
Ich trage heute Lippenstift. Aber ich versuche schon, echt zu bleiben. Es verschafft mir sogar einen Kick, wenn Leute sehen, wie ich wirklich bin. Das ist sowieso das Coole daran, eine Künstlerin zu sein: Du kannst zeigen, wer du bist, das Innerste nach außen kehren. Und auf Make-up zu verzichten ist ein Weg, das zu tun. Und wenn ich doch mal viel Schminke tragen muss, bin ich froh, wenn es wieder runterkommt. Ich fühle mich oben ohne viel wohler.

Warst du schon in der Schulzeit so im Reinen mit deinem Äußeren?
Oh, nein! Ich war allein schon durch meine Körpergröße auffällig. Ich war eine Riesin, die alle anderen Schüler überragte. Damit muss man erst mal klarkommen.

Eine deutsche Musikzeitschrift hat dich in Anlehnung an David Bowie als „Thin White Lorde“ bezeichnet. Bowie bezeichnete dich bei einem gemeinsamen Treffen als „Zukunft der Musik“. Bei den Brit Awards 2016 wurde dir dann die Ehre zu teil, als Tribute an ihn mit seiner Band „Life On Mars“ darzubieten.
Das war vermutlich der beängstigendste Moment meiner bisherigen Karriere! Ich erinnere mich noch gut, wie ich zitterig auf der Seitenbühne stand, auf meinen Einsatz wartete und durchgedreht bin bei der Vorstellung, dass ich nur ein Wort des Songtextes falsch singe. Mantra-artig habe ich vor mich hergebetet: „Ich tue das für David…“ Auf der Bühne konnte ich mich dann wirklich in die Performance fallen lassen. Zu zeigen, was er mir bedeutet hat, wenn auch leider nur noch auf diese Weise, war sehr besonders.

Lorde in unserem Interview: „Ich war die Riesin meiner Schule!“
Foto: Universal Music

Du hast in der Vergangenheit oft ausgeteilt an Kollegen wie Justin Bieber oder Selena Gomez. Oder war das ein Missverständnis?
Nein, es war zum damaligen Zeitpunkt einfach nur meine Meinung. Aber das ist ziemlich interessant in der Popmusik. Jedem Künstler wird ein Charakter zugeteilt, quasi eine vereinfachte Version seiner selbst. Entweder bist du das böse Mädchen oder die Prinzessin, der Rockstar oder die Goth-Queen. Das soll Menschen wohl helfen, einen Zugang zu den Protagonisten der Musikwelt zu finden.

Und das ärgert dich?
Beim letzten Album hatte ich Probleme zu verstehen, warum Leute so ein eingefahrenes Bild von mir hatten. Denn die Wahrheit ist natürlich, dass ich wie jeder Mensch verschiedene Facetten habe: Mal bin ich zornig, mal merkwürdig, mal lustig und mal ernsthaft. Um mit meinem Image zu brechen, habe ich mir diesmal für das Video zu „Green Light“ extra ein pinkes Kleid angezogen. Ich wollte mit den Leuten spielen. Es gab dann tatsächlich Stimmen, die behaupteten: „Oh, sie ist auf die dunkle Seite gewechselt und macht jetzt auf Prinzessin. Sie ist nicht mehr cool.“ Ich glaube, ich werde jetzt öfter mal überraschen.

Im vergangenen Jahr musstest du die Trennung von deiner ersten Liebe, dem Fotografen James Lowe, verarbeiten. Was macht Lorde bei Liebeskummer?
Tagelang Netflix schauen. „The Office“ zum Beispiel. Ich habe so viel ferngesehen wie nie zuvor in meinem Leben. Und dann kam die Phase, in der ich viel mit meinen Freunden in Auckland gefeiert habe. Ich war immer die Letzte an der Bar. Mein Herz war gebrochen. Aber im Nachhinein betrachtet war die Erfahrung der Trennung eine gute.

Wie meinst du das?
Ich habe meinen Freund mit 16 kennengelernt. Es ist das erste Mal, dass ich im Erwachsenenalter auf mich allein gestellt bin. Ich habe mich dadurch selbst noch mal neu kennengelernt. Dafür bin ich dankbar. Es hat mir für die Musik einen neuen Blickwinkel gegeben. „Melodrama“ ist zwar kein Trennungsalbum, aber ein Album über das Alleinsein.

In dem Lied „Liability“ singst du davon, dass du zu viel für eine andere Person bist. Hat dir dein Ex-Freund dieses Gefühl gegeben?
Wortwörtlich hat das so niemand zu mir gesagt. Aber es gibt Momente, in denen ich mich selbst bemitleide, weil mir irgendwann klar wurde, dass es echt schwierig ist, mit mir befreundet zu sein. Ich habe diesen merkwürdigen Job. Wer sich in meiner Nähe aufhält, wird im Internet gestalked oder findet sich auf Fotos wieder, wo wir zusammen im Park spazieren gehen. Es kann eine Belastung sein, mit mir zusammen zu sein. Manchmal ziehen sich dann Menschen zurück, was bei mir zu besagten Mitleidsmomenten für mich selbst führt. Aber ich denke, dass viele Frauen sich mit der Aussage identifizieren können, weil wir oft das Gefühl haben, eine Zumutung für unsere Umwelt zu sein.

Lorde in unserem Interview: „Ich war die Riesin meiner Schule!“
Foto: Universal Music

Und deine Antwort darauf?
Da ist eine Menge Selbstliebe in dem Lied. Wenn jeder dir erzählt, dass du zu viel bist, solltest du anfangen, deine eigene Gesellschaft wertzuschätzen. Das ist mein Tipp.

Es ist auch jede Menge (Melo-)Drama in deinen Songs. Woher kommt das?
Ich bin auf jeden Fall sehr emotional. Ich fühle jegliche Emotion extrem. Mit 20 fühlt sich noch alles an wie die größte Sache der Welt. So wild, funkelnd und fast wie im Film. Ich bin, was das Drama betrifft, aber vermutlich noch am Harmlosesten von all meinen Freunden.

Hast du immer noch dieselben Freunde von früher?
Absolut! Es ist lustig: Meine Freunde sind so alt wie ich. Während ich mir ein Haus in Auckland gekauft habe und alleine lebe, sind sie in WGs in der Uni untergebracht. Doch obwohl sich unsere Leben sehr unterscheiden, sind die Erfahrungen, die wir machen, ganz ähnlich.

Wie ist dein Verhältnis zu deiner Mutter, einer preisgekrönten Dichterin in Neuseeland?
Bestens. Sie reist oft mit mir. Meine Mutter hat definitiv den größten Anteil daran, dass ich heute selbst Texte schreibe. Seit frühester Kindheit bin ich ein Bücherwurm. Sie hat mich immer an Werke herangeführt, die ich noch nicht kannte. Sie ist die perfekte Vorleserin und unglaublich gewandt im Umgang mit Worten.

Könntest du dir vorstellen, Neuseeland zu verlassen und in die USA zu ziehen?
Nein, ich liebe meine Heimat zu sehr. Ich fühle mich dort so verbunden mit der Natur, und das inspiriert mich und hilft mir, mich nicht ganz so wichtig zu nehmen.

Das neue Album: Lorde „Melodrama“ (Universal) ist jetzt zu haben.

Tourdaten:
11.10. München, Zenith
14.10. Köln, Palladium
15.10. Berlin, Tempodrom