Donnerstag, 22. Juni 2017, 16:26 Uhr

Jean-Michel Jarre im Interview: Ein Konzert auf dem Mond?

Was für eine Ehre! Jean-Michel Jarre wurde am Mittwoch (20. Juni) von Astrophysiker Stephen Hawking höchstpersönlich ausgezeichnet. Wie Elektronikpionier Jarre, der vor gut 40 Jahren mit „Oxygène“ die erfolgreichste französische Platte aller Zeiten herausbrachte, darüber denkt und was ihn am Weltraum fasziniert, erzählte er klatsch-tratsch.de-Reporterin Katja Schwemmers von Paris aus am Telefon.

Jean-Michel Jarre im Interview: Ein Konzert auf dem Mond?
Foto: Lia Toby/WENN.com

Glückwunsch, Jean-Michel zur„Stephen Hawking Medaille“ für deinen außerordentlichen Beitrag zur Wissenschaftskommunikation ausgezeichnet.
Danke! Es ist eine unfassbare Ehre für mich den Preis aus den Händen von Stephen Hawking zu erhalten. Denn wie wir alle wissen, ist er der Einstein des 21. Jahrhunderts.

Hawking hat schon für die Zeichentrickserie „Die Simpsons“ mit seinem Sprachcomputer seiner Figur eine Stimme verliehen. Ist es für Sie nicht verlockend, ihn für einen Song anzuwerben?
Absolut! Seine Stimme eignet sich hervorragend dazu. Ich habe diesbezüglich ein Projekt mit ihm in der Pipeline. Ich will nicht zu viel verraten, aber es ist eine sehr aufregende Begegnung.

Neben der Medaille erhieltest du eine Omega Speedmaster Uhr aus 18-karätigem Gold. Kannst du die gebrauchen?
Ich stehe eigentlich überhaupt nicht auf goldene Uhren, aber diese ist sehr besonders: Sie ist eine Replik der Uhr, die Neil Armstrong trug, als er seinen Fuß auf den Mond setzte. Insofern ist sie ein durchaus begehrenswertes Objekt für mich.

Hast du dich jemals selbst wie ein Wissenschaftler gefühlt?
Nein, aber Wissenschaft und Musik liegen nah beieinander. Ohne die Wissenschaft würde elektronische Musik gar nicht existieren. Musik basiert auf Mathematik – oder wie der französische Schriftsteller Paul Claudel einmal sagte: „Die Musik ist der Geist der Geometrie.“ Das ist eine wunderbare Vorstellung für mich. Auch wenn ich selbst kein Wissenschaftler bin, wurde ich immer mit dem Bereich in Verbindung gebracht – speziell mit dem Weltall. Vor 30 Jahren habe ich in Houston ein Konzert unter Mitwirkung der NASA gegeben.

Das war damals der erste Musikevent überhaupt, in den die NASA involviert war.
Richtig. Eigentlich hätte der Astronaut Ronald McNair das Saxophon live aus der Raumfähre spielen sollen. Aber es war die Challenger-Mission – das Ganze endete in einer Tragödie, und er kam ums Leben. Also wurden mein Konzert und das Album „Rendez-vous“ zum Tribute an die verstorbenen Astronauten. Im „Guinness-Buch der Rekorde“ ist das Konzert mit über anderthalb Millionen Zuschauern immer noch gelistet als das mit dem größten Publikum in Amerika. Das ist aber nicht mein einziger Bezug zur Raumfahrt und Astronomie.

Sondern?
Zwei Jahre später stritten sich zwei zugeschaltete Weltraumpiloten von der MIR live während meines Konzerts in Moskau. Außerdem gibt es auch einen Asteroiden mit meinem Namen. Zudem pflegte ich eine enge Beziehung zu dem britischen Physiker Arthur C. Clarke, Autor des Science-Fiction-Films „2001: Odyssee im Weltraum“. Er war in mein Konzert in Okinawa, Japan miteingebunden. Und wer weiß, vielleicht spiele ich irgendwann ja doch noch auf dem Mond? Ich wäre jedenfalls sofort dabei! (lacht)

Erst einmal spielst du aber zwei Konzerte in Deutschland. Als du im Herbst vergangenen Jahres durch Deutschland getourt bist, warst du in bestuhlten Arenen unterwegs. Diesmal ist das Ganze open-air und unbestuhlt. Macht das einen Unterschied?
Das hoffe ich doch. Meine Show ist gemacht für ein stehendes Publikum – das war eigentlich immer schon so. Die Setlist wird ein Mix aus den „Electronica“-Alben und meinen Klassikern „Oxygéne“ und „Équinoxe“ sein, aber für das Jahr 2017 reproduziert. Es hat etwas von einem reinen EDM-Techno-Konzert, bei dem der Zuschauer auch eine intensive visuelle Erfahrung macht. Es ist vermutlich meine ambitionierteste Tour überhaupt, denn die Visuals sind diesmal sehr aufwendig. „Man muss es gesehen haben, um es zu glauben“, schrieb das Nachrichtenmagazin „Newsweek“ über mein Konzert in New York. Es ist sehr anders als das, was man sonst heutzutage zu sehen bekommt.

Deine schlimmste Anekdote, wenn du an Deutschland denkst?
Die habe ich tatsächlich. Ende der Siebziger arbeitete ich in Bonn mit dem Regisseur Peter Fleischmann an dem Soundtrack zu seinem Film „Die Hamburger Krankheit“. Wir werkelten die ganze Nacht durch im Studio. Morgens lud er mich dann zum Frühstück in ein Café ein. Er bestellte zum Bier ein paar Würste, die er in Senf tauchte. Er tat dies so selbstverständlich wie wir Franzosen Croissants in den Kaffee tauchen. Ich muss ehrlich gestehen, dass der Anblick am frühen Morgen ein ziemliches Trauma bei mir auslöste. (lacht)

Electronica World Tour 2017:
11.7. Berlin, Zitadelle Spandau
12.7. Bonn, Kunstrasen Gronau