Freitag, 23. Juni 2017, 22:51 Uhr

Miss Marple mit Facebook: Warum True Crime total im Trend ist

Ob die Serie „The Keepers“ über den Mord an einer Nonne oder der Klassiker „Aktenzeichen XY… ungelöst“ – True Crime boomt. Nicht nur im Fernsehen.

Miss Marple mit Facebook Warum True Crime total im Trend ist
Ein Foto der Nonne Catherine Cesnik (Sister Cathy), die ermordet wurde. Foto: Netflix

Gemma Hoskins und Abbie Schaub hatten vor fast 50 Jahren eine Lehrerin, die sie nie vergessen haben: Sister Cathy. Die Nonne unterrichtete 1969 an einer Mädchenschule in Baltimore an der Ostküste der USA, bevor sie verschwand und zwei Monate später ermordet aufgefunden wurde. Gemma und Abbie sind heute ältere Damen mit einer Mission. Sie wollen aufklären, warum Sister Cathy starb. Wie Miss Marple, aber mit Facebook.

Der Fall ist sehr düster: Es geht um Mord, Missbrauch und die katholische Kirche. Wusste die Nonne zuviel? Was sagen die Opfer heute? Darum dreht sich die im Mai veröffentlichte Netflix-Serie „The Keepers“ – für die „New York Times“ ein faszinierendes wie niederschmetterndes TV-Erlebnis. Der Streamingdienst hat schon bei den Dokus „Making a Murderer“ und „Amanda Knox“ von wahren Verbrechen erzählt.

True Crime boomt als Stoff für Serien, Filme und Magazine. Als Genre ist es alt. Der Klassiker „Kaltblütig“ von Truman Capote erschien 1966, darin geht es um den Mord an einer Farmerfamilie in Kansas. Der deutsche Dauerbrenner „Aktenzeichen XY… ungelöst“ startete vor 50 Jahren, im Oktober 1967.

Die neuen Formate? Im Internetzeitalter und bei der Flut an Serien wird immer nach Stoffen gesucht. Kriminalfälle bieten sich da an. Der Zuschauer fiebert und leidet mit. Auch bei Podcasts ist True Crime ein wichtiger Trend – für diejenigen, die solche Geschichten lieber hören als sehen. Das amerikanische „Serial“ über den Mord an einer Schülerin war 2014 überraschend erfolgreich. Dieses Jahr folgte die Reihe „S-Town“ – wobei das Verbrechen darin gar keines ist, wie sich herausstellt. Im deutschen Radio ging es in „Der talentierte Mr. Vossen“ (NDR) und in „Wer hat Burak erschossen?“ (RBB) um Krimis aus dem wahren Leben.

Der „Stern“ brachte mit „Crime“ vor knapp zwei Jahren ein eigenes Reportage-Heft heraus. Redaktionsleiter Giuseppe di Grazia nennt es eine „wahre Print-Erfolgsgeschichte“. Pro Ausgabe werden demnach 80.000 Exemplare verkauft, es heimste mehrere Preise ein. Im St. Pauli Theater in Hamburg gab es eine Lesung mit Magazingeschichten. „Wahre Verbrechen packen den Leser auf eine ganz besondere Art und Weise, sie sprechen ihn emotional an, und das wesentlich stärker als fiktionale Geschichten es tun“, sagt di Grazia.

Und der Klassiker, den schon eine ganze Generation von Kindern in Deutschland heimlich guckte? Das „Aktenzeichen“ im ZDF hat nach Angaben des Senders mehr Zuschauer, seitdem es vom Freitag- auf den Mittwochabend gewechselt ist. 2016 schauten im Schnitt 5,6 Millionen Zuschauer die Sendung, 2008 waren es erst 4,8 Millionen. Die Aufklärungsquote der gezeigten Fälle habe im April bei mehr als 40 Prozent gelegen. Kritik wegen vermeintlicher Sensationslust oder Voyeurismus gebe es nur sehr vereinzelt, so der Sender. Die Kriminalfälle werden demnach streng nach den „tatrelevanten Angaben“ dargestellt. Ein Richter muss die Öffentlichkeitsfahndung genehmigt haben. Produktion und Redaktion kennen „selbstverständlich“ alle Vorgaben des Medienrechts und des Jugendschutzes und halten sie ein, wie das ZDF betont. Auch in anderen Sendern laufen Fahndungsmagazine erfolgreich. Der RBB machte „Täter – Opfer – Polizei“ gerade einen zweiten Sendeplatz frei.

True Crime, wo man auch hinguckt: Super RTL nimmt ab 3. Juli „Cold Justice – Verdeckte Spuren“ ins Programm. Darin rollen zwei Fahnderinnen Mordfälle neu auf, die vor Jahren zu den Akten gelegt wurden. Der Berliner Rechtsmediziner Michael Tsokos ist neuerdings bei Sat.1 „Dem Tod auf der Spur“ – und Themen von Kofferleichen bis zum Skelett im brennenden Auto. (Caroline Bock, dpa)