Samstag, 01. Juli 2017, 16:45 Uhr

Bryan Cranston im Interview: Zwischen "Breaking Bad" und "Hoppe, Hoppe Reiter"

In „Breaking Bad“ gibt Bryan Cranston den Bösewicht Widerwillen: Ein Lehrer, der vom rechten Weg abkommt und zum Drogen-Gangster wird. Im echten Leben ist Walter White charmant, lustig und ein toller Erzähler.

Bryan Cranston im Interview: Zwischen "Breaking Bad" und "Hoppe, Hoppe Reiter"
Foto: : Hugh Dillon/WENN.com

Als Drogenkoch wurde Bryan Cranston weltberühmt. In der Fernsehserie „Breaking Bad“ spielte er den krebskranken Chemielehrer Walter White, der für seine Familie vorsorgen will und deshalb unter dem Decknamen Heisenberg Crystal Meth produziert. Die Serie wurde zum Welterfolg – sie machte Cranston schlagartig zum Star. Bis dahin kannte man den 61-Jährigen vor allem aus der Serie „Malcolm mittendrin“ und aus Nebenrollen. Auf dem Münchner Filmfest, bei dem er seinen neuen Film „Wakefield“ vorstellte und das am Wochenende zu Ende ging, zeigte sich: Der Schauspieler ist auch ein charmanter Geschichtenerzähler.

In „Wakefield“ spielen Sie einen Mann, der aus seinem Alltag zwischen Beruf und Familie plötzlich aussteigt. Wollen Sie auch manchmal Abstand von dem ganzen Trubel um ihre Person nehmen?
Ich bin mittlerweile so viel unter Leuten. Ich arbeite mit jeder Menge verschiedener Leute zusammen und dann stehe ich ständig in der öffentlichen Aufmerksamkeit. Wenn ich für etwas Werbung mache wie für einen Film, nimmt das noch zu. Alles ist sehr öffentlich. Wenn ich nicht arbeite, ziehe ich mich zurück in meine Privatsphäre.

Bryan Cranston im Interview: Zwischen "Breaking Bad" und "Hoppe, Hoppe Reiter"
Bryan Cranston in „Wakefield“. Foto: FILMFEST MÜNCHEN 2017

Vermissen Sie die Zeit, als Sie sich noch völlig unbehelligt bewegen konnten, wie jeder andere auch?
In gewisser Weise ja. Andererseits bin ich hier, weil ich etwas erreichen konnte und Glück hatte. Ich bin dankbar. Ich muss mir finanziell keine Sorgen machen. Ich müsste nie wieder arbeiten. Und das ist ein schönes Gefühl. Jetzt mache ich nur noch das, was ich will. Ich mache Dinge, die mir künstlerisch etwas bedeuten und die mir das Gefühl geben, etwas zu leisten und ausgefüllt zu sein.

Was bedeutet Ihnen dieser Erfolg?
Als Kind war ich arm. Wir hatten kein Geld. Seit sich das alles verändert hat, bin ich sehr dankbar für mein großes Glück. Und ich nehme nichts für selbstverständlich. Aus irgendeinem Grund ist mir das alles zugefallen, im großen Stil, auch durch harte Arbeit. Ich habe das harte Arbeiten von meinen deutschen Großeltern gelernt.

Ihre Großeltern waren Bäcker in Hamburg, gingen dann aber in die USA.
Ja. Ich habe mit ihnen ein Jahr lang gelebt. Meine Eltern hatten sich getrennt und wir haben unser Zuhause verloren. Mein Vater hat die Familie verlassen, meine Mutter fing an, sehr viel zu trinken. Und mein Bruder und ich kamen zu meinen Großeltern. Wie viele Deutsche waren sie sehr streng, doch das Fundament waren Liebe und Beständigkeit. Mir war nicht klar, wie sehr ich das brauchte.

Als Kind macht man sich davon keine Vorstellung.
Genau. Das lief so ab: Im Haushalt helfen, Hausaufgaben, Schlafenszeit. Aber das gab mir eine Grundlage, die für mich bis heute sehr wichtig ist. Ich blicke zurück und denke: Gott sei dank hatte ich Großeltern, die mir diese Arbeitsmoral beigebracht haben. Das war aber nicht alles. Sie haben mich auch gelehrt, die Arbeit zu genießen und mich darauf zu freuen. Ich liebe es zu arbeiten.

Sie sagten kürzlich, dass Sie dankbar sind, dass Sie als Schauspieler ihr Leben mit Geschichtenerzählen verbringen können. Woher kommt diese Liebe zu Geschichten? Auch von Ihren Großeltern?
Ja, vieles rührt daher. Meine Großeltern erlaubten uns nicht fernzusehen. Nur einen Abend pro Woche, sonntags, durften wir höchstens zwei Stunden lang fernsehen. Ansonsten haben wir uns unterhalten und Geschichten erzählt. Einmal pro Woche am Freitagabend gingen wir in die Stadt in die dortige Highschool. Dort sahen wir Reisefilme, die mein Großvater und meine Großmutter beide liebten. Das hat bei meinem Bruder und mir die Reiselust geweckt! Wir haben diese wunderschönen Bilder aus fernen Ländern gesehen und uns dazu Geschichten ausgedacht. Das Wunderland. Wie wäre es, dorthin zu reisen?

Welche Geschichten liebten Sie als Kind? Waren das vielleicht „Grimms Märchen“ aus der Heimat ihrer Großeltern?
„Grimms Märchen“ waren sehr beliebt. Ich kann mich auch noch an einen Kinderreim erinnern. Kennen Sie „Hoppe, Hoppe Reiter, wenn er fällt, dann schreit er“?

„Fällt er in den Graben …“
„Fressen ihn die Raben. Fällt er in den Sumpf…“

Bryan Cranston im Interview: Zwischen "Breaking Bad" und "Hoppe, Hoppe Reiter"
Foto: Hugh Dillon/WENN.com

„Macht der Reiter plumps.“
Dann öffnet man die Knie und das Kind rutscht nach unten. Das haben meine Großeltern gesungen. Das war fröhlich und man war voll Vorfreude. Eine schöne Erinnerung. Das ist Geschichtenerzählen. Das sind unsere frühesten Erinnerungen. Das Wunderschöne an Menschen ist, dass sie unbedingt Geschichten hören wollen. Wir sind sogar bereit, Geld dafür zu zahlen, dass uns jemand etwas erzählt.

Welche Rolle spielt Walter White beziehungsweise seine Tarnidentität Heisenberg noch in Ihrem Leben?
Ich habe „Breaking Bad“ viel zu verdanken, das hat meine Karriere nach oben katapultiert und mir enorme Möglichkeiten eröffnet. Aber ich vermisse es nicht, Walter White zu spielen, denn Vince Gilligan (der Produzent und Ideengeber) hat sie so wunderschön zu Ende gebracht. Wir hatten Anfang, Mitte und Ende. Der Kreis hat sich geschlossen. Es ist vollkommen und ich bin zufrieden.

Sie sagten kürzlich sogar, sie wären der glücklichste Mensch der Welt.
Schauen Sie mich doch an. Ich bin in München auf einem schönen Filmfest. Ich stelle einen Film vor, in dem ich die Hauptrolle spiele. Ist das nicht großartig? Und das bei jemandem, der eine zerrüttete Kindheit hatte. Ich war sehr unsicher, als ich jung war, vor allem weil meine Familie auseinandergebrochen ist. Das hat mir Angst eingejagt. Ich dachte damals: Meine Grundlage ist zerbrochen und weg. Mir wurde klar, ich muss mir meine eigene Grundlage schaffen, mit meiner eigenen Familie.

Sie sind ja auch nicht berühmt für irgendwelche Skandale.
Ich habe eine wirklich gute Ehe. Ich bin seit 30 Jahren mit derselben Frau verheiratet. Meine Ehe ist so solide, so normal. Das erlaubt es mir, in meinen Rollen verrückt zu spielen. Ich kann durchdrehen, weil ich danach wieder nach Hause gehen kann.

ZUR PERSON: Bryan Cranston wollte erst Polizist werden, kam dann aber zur Schauspielerei. Jahrzehntelang bekam er vor allem Nebenrollen. 2008 wurde alles anders: der Welterfolg von „Breaking Bad“ machte Cranston berühmt. Er bekam viele Preise und Angebote für große Rollen, etwa in den Kinofilmen „Trumbo“ und „The Infiltrator“ oder in der Amazon-Serie „Sneaky Pete“, an der er sich auch als Produzent beteiligte und sogar hin und wieder Regie führte. Der 61-Jährige lebt in Los Angeles und ist seit fast 30 Jahren mit der Schauspielerin Robin Dearden verheiratet. Sie haben eine Tochter.