Samstag, 22. Juli 2017, 16:35 Uhr

Kriegs-Thriller "Dunkirk": Interview mit Christopher Nolan

Mit der „The Dark Knight“-Trilogie begeisterte Regisseur Christopher Nolan die Batman-Fans. In „Inception“ führte er sein Publikum durch Traumwelten und in „Interstellar“ ins Weltall. Mit „Dunkirk“ drehte er jetzt erstmals einen Film über wahre Ereignisse.

Kriegs-Thriller "Dunkirk": Interview mit Christopher Nolan
Foto: Warner Bros.

Der erst 46-jährige Starregisseur gilt als extrem ehrgeizig. Mit dem Kriegs-Thriller „Dunkirk“ (u.a. mit Tom Hardy) erinnert er an die Evakuierung von 330 000 Soldaten vom Strand der französischen Stadt Dünkirchen im Zweiten Weltkrieg. Im Interview der Nachrichtenagentur dpa und anderen Medien erklärt der Brite seine technischen Vorlieben, wie ihn Alfred Hitchcock beeinflusst hat, und ob ein Kriegsfilm unterhaltsam sein kann.

Wie sehr kann man sich an die tatsächlichen Fakten halten, wenn man Kino-Unterhaltung schaffen will?
Das ist sehr knifflig. Ich hab mich dazu entschieden, eine Welt der Evakuierung zu schaffen und dann fiktive Charaktere dort durchlaufen zu lassen. Denn ich wollte nicht für echte Menschen sprechen, die nicht mehr für sich selbst sprechen können. Als Drehbuchautor weiß ich, wie viel Künstliches man zu einer Charakterisierung hinzufügen muss, damit man dem Publikum die Wahrheit zeigt. Früher wusste ich nie, was Werner Herzog mit der ekstatischen Wahrheit meinte, bis ich diesen Film gemacht habe. Denn manchmal gibt es eine Lüge, die die Wahrheit erzählt. Man muss Dinge fiktionalisieren und künstlich dramatisieren, damit das Publikum die Wahrheit dahinter versteht. In diesem Film wollte ich das Ausmaß der Evakuierung zeigen. Mit fiktiven Charakteren hab ich mich dabei wohler gefühlt.

Der Film zeigt die Ereignisse auf drei Ebenen und zu unterschiedlichen Zeiten. Wie haben sie das Skript konzipiert?
Ich hab das so wie auch schon andere Drehbücher geschrieben, insbesondere „Memento“. Ich hab einen strukturellen Entwurf gemacht, von dem ich dachte, dass er die Geschichte gut rüberbringen kann. Ich wollte das Ausmaß der Evakuierung zeigen, ohne die Sicht der einzelnen Personen aus dem Auge zu verlieren. Deswegen habe ich keine Politiker und Generäle mit Landkarten in irgendwelchen Sälen gezeigt. Mit den drei Zeitlinien wollte ich dem Publikum die menschliche Perspektive und gleichzeitig den gesamten Überblick geben. Ich habe also eine geografische und mathematische Struktur für das Drehbuch kreiert und daraufhin den Film geschrieben, den Sie jetzt sehen. Das ist mir lieber, als Szenen zu schreiben, nachher hin- und herzuschieben und zu schneiden.

Kriegs-Thriller "Dunkirk": Interview mit Christopher Nolan
Foto: Warner Bros.

Der Film wurde im IMAX-Format und in 70 Millimeter gedreht. Aber nicht jede Stadt hat ein IMAX-Kino oder einen 70-Millimeter-Projektor. Kann man den Film dann überhaupt angemessen sehen?
Wenn man die Bilder im bestmöglichen Format aufnimmt, dann profitiert davon auch jede andere Version, die produziert wird, auch die digitalen Versionen, auf die wir sehr viel Zeit verwendet haben. Natürlich bieten die Kinos, die einen 70-mm-Projektor haben, eine besondere Leistung. Deshalb empfehle ich auch Jedem, der die Möglichkeit dazu hat, den Film dort zu sehen.

Aber für alle, die das nicht können, haben wir sieben verschiedene digitale Versionen erstellt, auf die ich sehr, sehr stolz bin.

Kriegs-Thriller "Dunkirk": Interview mit Christopher Nolan
Foto: Warner Bros.

Also sehen trotzdem alle denselben Film?
Naja, der Film hat im IMAX-70-mm-Format das größte Seitenverhältnis und die höchste Bildqualität, die es überhaupt gibt. Davon haben wir nur 38 Kopien, und das ist eine wunderbare Art den Film zu sehen. In dem Format haben wir den Film gedreht, diese Kopien sind direkt von den Originalnegativen, das ist also schon etwas Besonderes und intensiviert das Erlebnis noch. Aber die Geschichte, die wir erzählten, bleibt trotzdem diese Geschichte.

Wie sehr kann ein Film, in dem es um wahre Ereignisse im Krieg geht, der dramatische Szenen zeigt, als Unterhaltung gelten? Wie passt das zusammen?
Der Grund, warum ich das Kino liebe, ist, dass dich die große Leinwand überall hinbringen und alles machen kann, diese Vielfalt der Erlebnisse, die wir als Unterhaltung einstufen. Es gibt sehr viele Arten unterhalten zu werden. Nehmen Sie zum Beispiel Horrorfilme, das ist ein Extrem – man hat Angst, aber auch irgendwie Spaß. Bei „Dunkirk“ haben wir versucht, Spannung zu schaffen. Wir zeigen nichts Blutiges, nichts, was einen dazu verleitet, von der Leinwand wegzuschauen. Das ist die Sprache der Spannung, eine der populärsten in der Filmgeschichte.

Kriegs-Thriller "Dunkirk": Interview mit Christopher Nolan
Foto: Warner Bros.

Denken Sie an die großen Filmregisseure. (Alfred) Hitchcock stand sicherlich ganz oben auf der Liste. In all seinen Filmen ging es um die visuelle Sprache der Spannung, und er hatte großen Einfluss auf mich. Und ich glaube nicht, dass jemand bestreiten kann, dass Hitchcock in erster Linie Unterhaltung geschaffen hat. Es klingt seltsam in Zusammenhang mit einem Film über ein reales Drama, aber daraus leitet sich auch die Spannung um diesen Film ab.

Normalerweise sage ich zu den Leuten bei der Premiere: Genießen Sie den Film. Aber das fühlt sich nicht richtig an. Deshalb hab ich hier lieber gesagt: Erleben Sie den Film. Denn es geht eher ums Erlebnis als ums Vergnügen. Trotzdem fällt das alles in die Kategorie Unterhaltung.

Kriegs-Thriller "Dunkirk": Interview mit Christopher Nolan
Foto: Warner Bros.

ZUR PERSON: Christopher Nolan wurde 1970 in London geboren und gilt als einer der erfolgreichsten Regisseure der Gegenwart. Mit dem Psycho-Thriller „Memento“ (2000) machte er sich als Regisseur und Drehbuchautor einen Namen. Zu seinen großen kommerziellen und auch bei Kritikern gelobten Erfolgen zählen die als „The Dark Knight“-Trilogie bekannten Batman-Verfilmungen (2005-2012) sowie „Inception“ (2010) und „Interstellar“ (2014).

Übrigens: Der großartige, wie immer sich Stück für Stück aufbauende und breit aufgefächerte Soundtrack stammt übrigens von Hans Zimmer (unten gibt es mit „Supermarine“ eine fast sich schon technoid entwickelnde Kostprobe!) Interview: Philip Dethlefs, dpa