Mittwoch, 09. August 2017, 20:48 Uhr

Filmkritik "Lucky Loser" mit Annette Frier und Kai Wiesinger

Eine etwas chaotische Patchworkfamilie und ein Schwarzer auf einem deutschen Campingplatz. Beides zusammen birgt viel Potenzial. Bei der Umsetzung für den Film ist es aber mit den Gagschreibern etwas durchgegangen.

Filmkritik "Lucky Loser" mit Annette Frier und Kai Wiesinger
Foto: Neue Schönhauser Filmproduktion

Gute Sexwitze garantieren Lacher. Herzhafte, verschämte, egal – aber Lacher. Kommen die Gags allerdings flach und zu derb daher, nutzen sie sich schnell ab und verursachen Stirnrunzeln. In „Lucky Loser – Ein Sommer in der Bredouille“ muss am Ende sogar ein Wort überpiepst werden.

Und das ist längst nicht alles: In der mit Annette Frier und Kai Wiesinger prominent besetzten Komödie versucht der Vater, die Jungfräulichkeit seiner Tochter bis zum 16 Geburtstag zu schützen – um ihr dann ein T-Shirt mit der Aufschrift „Finally fuckable“ (etwa: „endlich zu vögeln“) zu schenken. Seltsamerweise hat die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) das Werk ab null Jahren freigegeben.

Regisseur und Autor Nico Sommer erzählt darin von Mike, der in einer Waschanlage Autos schrubbt und seine Wohnung verliert. Die Beziehung zur seiner früheren Verlobten ist aus seiner Sicht seit neun Jahren in einer Pause – aus ihrer Sicht kann von Beziehung keine Rede mehr sein, sie wohnt längst mit einem anderen Mann zusammen. Die Tochter von Mike und seiner Ex ist mitten in der Pubertät und beschließt eines Tages, zu ihm zu ziehen. Da er von seiner Obdachlosigkeit noch niemandem erzählt hat, bringt Mike den Teenager bei sich in einem geborgten, viel zu klein geratenen Wohnwagen unter und verkauft das Ganze erstmal als Campingabenteuer. So weit, so banal.

Mit Peter Trabner in der Hauptrolle, Annette Frier als Mutter und Kai Wiesinger als deren neuer Partner ist der Film gut besetzt und hat das Zeug zu einer kurzweiligen Komödie. Doch die Geschichte ist relativ flach erzählt, der Wortwitz oft unter der Gürtellinie.

Filmkritik "Lucky Loser" mit Annette Frier und Kai Wiesinger
Foto: Neue Schönhauser Filmproduktion

Dass ausgerechnet die 15-jährige Tochter Hannah (Emma Bading) dem immer noch schwer verliebten Vater vorhält „Werd‘ erwachsen, Alter!“, weil an seinem Rückspiegel nach wie vor das Bild seiner Ex baumelt, ist ja noch ganz nett. Doch dann taucht plötzlich der heimliche Freund des Mädchens auf: ein 30 Jahre alter Schwarzer namens Otto (Elvis Clausen). Und es wirkt ein bisschen so, als hätten die anderthalb Stunden Spielzeit noch dringend gefüllt werden müssen.

Mal geht es politisch-ernst um die Frage nach der korrekten Bezeichnung von „Neger“ bis „Farbigem“ sowie um Alltagsrassismus und Angriffe von Rechten. Als Mike feststellt, dass der Freund seiner Tochter doppelt so alt wie sie ist, kontert Hannah trocken: „Und doppelt so dunkel“. Und dann wird auch noch eine ganze Reihe primitiver, klischeegetriebener Anspielungen auf die vermeintliche Penisgröße von Otto abgefeuert. Bis es schließlich piepst und das eigentlich Gesagte nicht zu hören ist.

Filmkritik "Lucky Loser" mit Annette Frier und Kai Wiesinger
Foto: Neue Schönhauser Filmproduktion

An Otto lässt sich auch zeigen, wie wenig stringent und tiefgründig die Figuren beschrieben sind. So werden Vater und Mutter als Gegensätze aus Unter- und Oberschicht dargestellt: Hier Mike als Paradebeispiel für Armut, Wohnungsknappheit, schlechte Jobs – da seine Ex als karrierebewusste Ärztin, die dem Vater von Anfang an den Nachwuchs überlassen hat. Mike und seine Tochter versuchen anfangs, tunlichst die wahre Identität von Hannahs Freund vor der Mutter zu verheimlichen. Warum, bleibt aber völlig unklar. Vorbehalte wegen Hautfarbe, Herkunft oder Alter scheint die jedenfalls nicht zu haben.

Am Set sei viel über die Schärfe von Humor diskutiert worden, sagt Regisseur und Autor Sommer laut Presseheft. Gerade mit Blick auf die Frage, wie weit man bei den rassistischen Klischees über Schwarze gehen dürfe. Die Grenzen seien eng, findet Sommer. Ob sie überschritten werden, müssen die Zuschauer selbst entscheiden. (Marco Krefting, dpa)