Montag, 04. September 2017, 21:32 Uhr

Das TV-Duell: Auslaufmodell oder doch unverzichtbar?

Kritik am TV-Duell gibt es immer. Diesmal kommen die Zweifel an der Sendung aber aus ganz unterschiedlichen Richtungen. Auch die Sender sind nicht mit allem glücklich. Mancher hält das Format für überholt.

Das TV-Duell: Auslaufmodell oder doch unverzichtbar?
Journalisten verfolgen das TV-Duell von Bundeskanzlerin Merkel (CDU) und Herausforderer Martin Schulz (SPD). Foto: Kay Nietfeld

Durchschnittliche Einschaltquoten und Kritik am Format: Die Zweifel am TV-Duell zur Wahl sind mit dem Aufeinandertreffen von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und SPD-Kandidat Martin Schulz am Sonntagabend nicht geringer geworden. Aus Sicht der Sender, die die vier Moderatoren stellten, hat sich bestätigt: Ein einziges Duell – wie vom Kanzleramt gewünscht – ist zu wenig.

Fernsehikone Thomas Gottschalk bekannte in der Talksendung „Anne Will“ etwas ratlos, das TV-Duell habe ihm bei der Frage, wen er wählen solle, nicht weitergeholfen.

Noch deutlicher fällt das Fazit des Medienwissenschaftlers Bernhard Pörksen von der Uni Tübingen aus: „Es gab zu viele Moderatoren, zu wenig thematische Vielfalt, zu häufige Unterbrechungen, zu wenig wirkliches Gespräch und zu viele Versuche, im engen Korsett des Formats noch irgendwie zu punkten.“ Pörksen findet, die Sendung habe dem Zuschauer so gut wie nichts Neues gebracht. „Das TV-Duell verdient schon jetzt den Pokal für das am meisten überschätzte Fernsehereignis des Jahres“, sagte er.

Das TV-Duell: Auslaufmodell oder doch unverzichtbar?
Gottschalk bei Anne Will. Foto: NDR/Wolfgang Borrs

Eines der Probleme: Weil es auf Wunsch des Kanzleramts nur ein TV-Duell zwischen den beiden Kontrahenten gab, war der Zeitrahmen von 90 Minuten für vier große Themenblöcke sehr eng. Selbst für die geplanten Fragen wurde die Zeit knapp – für weitere Themen wie Digitalisierung oder Klimawandel blieb überhaupt kein Platz.

Alle Sender von ARD und ZDF über RTL bis Sat.1 hätten ein zweites TV-Duell deshalb gut gefunden. Genügend Stoff gebe es, findet ZDF-Chefredakteur Peter Frey: „90 Minuten waren für die Fülle der Themen erwartungsgemäß sehr wenig.“ RTL-Chefredakteur Michael Wulf teilt diese Kritik: „Der Verlauf hat unsere großen Bedenken gegenüber nur einem Duell bestätigt.“ Zwei wären besser als eins, argumentiert auch ARD-Chefredakteur Rainald Becker: „So würde auch nicht mehr die Gefahr bestehen, wichtige Themen wie die Bildungspolitik oder Sozialpolitik zu vernachlässigen.“

Das TV-Duell: Auslaufmodell oder doch unverzichtbar?
Foto: WDR/Herby Sachs

Die Quote war mit 16,23 Millionen Zuschauern und einem Marktanteil von 46,1 Prozent nicht überragend. Beim TV-Duell zwischen SPD-Kandidat Peer Steinbrück und Merkel bei der Bundestagswahl 2013 hatten noch 17,64 Millionen zugeschaut, beim Schlagabtausch 2005 zwischen dem damaligen SPD-Kanzler Gerhard Schröder und seiner damaligen Herausforderin Merkel sogar 20,98 Millionen.

Dennoch war das TV-Duell am Sonntag die meistgesehene Sendung das Jahres, kein „Tatort“ konnte da bisher mithalten – eine „enorme Resonanz“, sagte ZDF-Chefredakteur Peter Frey. „Das war wirklich ein Kristallisationspunkt in diesem Wahlkampf und eine Initialzündung für die nächsten drei Wochen. Dem Wahlkampf hätte etwas gefehlt, wenn es dieses Duell nicht gegeben hätte.“

Ähnlich sieht das RTL: „Das Format selbst ist und bleibt unersetzlich, weil es die einzige Gelegenheit für die Wähler bietet, die Kanzlerkandidaten im direkten Austausch zu erleben“, erklärte Chefredakteur Wulf. „

Aber das Korsett, in das die Sendung gepresst ist, wird dem Informationsbedürfnis der Zuschauer einfach nicht gerecht. Das Format ist am Sonntag noch einmal deutlich an seine Grenzen gestoßen.“

Das TV-Duell: Auslaufmodell oder doch unverzichtbar?
Blick in die Regie während des TV-Duells in Berlin Adlershof. Foto: WDR/Herby Sachs

Bernd Gäbler, Journalistik-Professor aus Bielefeld, kritisiert das Gesamtkonzept: „Die viel zu zahlreichen Moderatoren traten in einen Überbietungswettbewerb, beide Politiker ausschließlich mit Fragen zu traktieren, wie sie von rechts gestellt werden. Der Wähler, um den es ja angeblich gehen soll, schaute im wahrsten Sinne des Wortes in die Röhre.“

ARD-Chefredakteur Becker sieht solche Kritik gelassen: „Vier Sender, die in Deutschland die meistgesehenen sind, haben das TV-Duell übertragen, und damit waren die vier Moderatoren gesetzt. Und sie haben genau das geschafft, was wir uns erhofften: ein Gespräch. Dazu gehören klare, auch zugespitzte Fragen, um sein Gegenüber aus der Reserve zu locken. Das macht einen guten Journalisten aus. Von einem Überbietungswettbewerb habe ich nichts gemerkt.“

Medienwissenschaftler Pörksen sieht im Hype um das TV-Duell allerdings noch ein ganz grundsätzliches Problem: Es sei ein Beispiel für medialen Aberglauben und für die Totalüberschätzung des Fernsehens. „Man meint, eine einzige Debatte könnte einem schläfrigen, von Konsens geprägten Wahlkampf noch irgendwie Spannung und Konfrontation einhauchen und Unterschiede zwischen den Kandidaten sichtbar machen, die es nicht gibt“, sagte Pörksen. „An solchen überzogenen Erwartungen können alle Beteiligten nur scheitern – der Herausforderer, die Kanzlerin, die Moderatoren.“ (Andreas Heimann, dpa)