Sonntag, 10. September 2017, 18:05 Uhr

Unsere TV-Kritik "Tatort "Stau": Packendes Kammerspiel

Autos, dreckige Luft, dichter Verkehr – das fällt wohl den meisten zu Stuttgart ein. Der SWR hat daraus einen „Tatort“ gemacht, der genau dort spielt: im Stau. Gedreht wurde allerdings nicht in der Stadt selbst.

Unsere TV-Kritik "Tatort "Stau": Packendes Kammerspiel
Thorsten Lannert (Richy Müller) braucht für die Ermittlung im Stau die Unterstützung der Schutzpolizei. Foto: SWR/Alexander Kluge

Feierabend in Stuttgart. Alle wollen nach Hause, doch auf dem Weg raus aus der Stadt geht nichts mehr. Der Verkehr steht still. Ein alltägliches Szenario in Baden-Württembergs Landeshauptstadt. Nicht alltäglich: Am Straßenrand liegt ein totes Mädchen – und die Spur zum Täter führt in den Stau. Der neue Stuttgart-„Tatort“ „Stau“ beschäftigt sich nicht nur mit einem der größten Probleme der Schwabenmetropole. Er spielt auch dort.

„Entweder wir finden ihn im Stau oder gar nicht“, sagt Kommissar Sebastian Bootz (Felix Klare) zu seinem Kollegen Thorsten Lannert (Richy Müller) und meint damit den Fahrer, der für den Tod des Mädchens verantwortlich ist. War es Unfallflucht oder Mord? Es scheint zwar einen Zeugen zu geben, doch der erweist sich als reichlich unzuverlässig: ein Dreijähriger, der neben dem Unfallort mit seiner alleinerziehenden Mutter wohnt. Während Bootz versucht, aus dem Kleinen etwas herauszubekommen, ermittelt Lannert im Stau. Und damit inmitten von sehr gereizten Menschen.

Wer steckt hinter dem Tod des Mädchens? Der junge Vater mit seinem schlafenden Kind, der dem Kommissar weismachen will, nicht am Tatort vorbeigefahren zu sein – es aber doch getan hat? Das Ehepaar auf dem Weg zur Paarberatung? Die Geschäftsfrau mit ihrem genervten Chauffeur? Der Fahrer eines Krankentransporters, der mitten im Stau anfängt zu kiffen? Oder doch die junge Mutter, deren Tochter auf der Fahrt viel zu laut Musik hören will? Gleich mehrere Wagen haben Kratzer. Die Nerven der wartenden Autofahrer liegen zunehmend blank – und ihre Aggressionen richten sich bald gegen die Polizei.

Mit dem neuen Fall gibt Regisseur Dietrich Brüggemann beim SWR sein „Tatort“-Debüt. Bekannt ist er vor allem für Kinofilme wie „Kreuzweg“ oder „3 Zimmer Küche Bad“. Die Idee zum „Tatort“ kam ihm in der Situation, von der er nun tatsächlich erzählt: im Stau auf der Stuttgarter Weinsteige.

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Sebastian Bootz (Felix Klare) versucht, aus dem dreijährigen Philipp (Lias Funck) hervorzulocken, welches Auto er gesehen hat … Foto: SWR/Alexander Kluge

„Wir drehten ‚Kreuzweg‘ im Stuttgarter Raum, fuhren viel in der Gegend umher und standen dauernd im Stau“, sagt Brüggemann in einem Interview mit dem SWR. „Geschlagene zwei Stunden“ habe er da auf der Weinsteige gestanden, „mit herrlichem Blick über die nächtliche Stadt, ziemlich genau an der Stelle, die wir jetzt im Film erzählen.“

Brüggemann sagt „erzählen“, denn tatsächlich wurde der Krimi nicht in Stuttgart gedreht und schon gar nicht in einem echten Stau. Die Szenen, die dort zu sehen sind, entstanden in einer Messehalle in Freiburg – mit 100 Metern Mauer auf der einen und 80 Metern Bluescreen für die Kulisse der nächtlichen Stadt auf der anderen Seite. Weitere Szenen wurden im November 2016 außerdem in Baden-Baden gedreht.

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Auf der abendlichen Stuttgarter Weinsteige steht alles still. Foto: SWR/Andreas Schäfauer,

Die Suche nach dem Täter im Stau gerät zu einem packenden Kammerspiel. Etwas überdreht ist vielleicht der genervte Mob der Wartenden, der irgendwann in klassischer Wutbürger-Manier „Wir wollen raus!“ skandiert.

Der „Tatort“ ist bekannt dafür, aktuelle gesellschaftliche Themen aufzugreifen und das gelingt mit „Stau“ einmal mehr. Einer aktuellen Erhebung zufolge ist Stuttgart die staureichste Stadt Deutschlands, gefolgt von Köln, Hamburg und Nürnberg. Eine andere Studie sieht die Stadt zumindest auf Rang 2 vor München.

Erst jüngst schlug die Stuttgarter Wirtschaft wegen anhaltender Verkehrsprobleme Alarm. Im Sommer stellte die Industrie- und Handelskammer (IHK) eine Studie vor, nach der Autos in Stuttgart abends im Berufsverkehr im Schnitt nur mit 28 Stundenkilometern unterwegs sind. Jobsuchende würden vom Image der Stadt abgeschreckt, warnte die Kammer. Der neue „Tatort“ dürfte das eher befeuern als ändern.

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Für den Dreh wurde in einer Messehalle ein Stück der bergseitigen Weinsteige nachgebaut. Auf der Talseite wurde eine 80m lange Bluebox gebaut, auf der später der Blick von der Weinsteige ins Tal eingeblendet wird. Foto: SWR/Alexander Kluge,

Doch gelingt es den Ermittlern noch rechtzeitig, den Fall zu lösen? „Da fährt er davon, unser Täter“, sagt Lannert, als sich der Stau schließlich auflöst. Doch er irrt sich… (Antonia Lange, dpa)