Dienstag, 17. Oktober 2017, 22:54 Uhr

Filmkritik "Es war einmal Indianerland" mit Emilia Schüle

Der Roman „Es war einmal Indianerland“ erzählt vom Erwachsenwerden – aber nicht chronologisch, sondern auf verschiedenen
Erste Liebe, heimliche Nächte im Freibad, Festivals, Drogen, Kräftemessen mit Gleichaltrigen. „Es war einmal Indianerland“ um den 17-jährigen Mauser (Leonard Scheicher) hat alles, was eine Coming-of-Age-Geschichte braucht.

Filmkritik "Es war einmal Indianerland" mit Emilia Schüle
Foto: Camino Filmverleih

Doch wohl nicht nur deswegen kommt der mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnete Roman von Nils Mohl nun ins Kino. Denn der Stoff ist tatsächlich alles andere als leichte Kost. Mausers Jugend ist nicht einfach. Seine Mutter ist tot. Er wohnt mit seinem Vater Zöllner (Clemens Schick) in einer Hochhaussiedlung am Rande von Hamburg. Drogen und Kriminalität sind für ihn fast schon Alltag.

Ein mysteriöser Indianer

Sein Vater hat eine neue Freundin, weswegen Mauser in die Wohnung darunter ziehen musste. Doch die neue Liebe hält nicht. Irgendwann ist die Frau tot – erwürgt – und Mausers Vater auf der Flucht vor der Polizei. Mauser macht sich auf die Suche nach ihm – und fühlt sich dabei ständig von einem Indianer verfolgt.

Nicht nur der mysteriöse Indianer (Wofür steht er? Was ist Einbildung, was Realität?) geben dem Film eine psychedelische Note. Besonders fordernd wird er, weil er ständig zwischen verschiedenen Zeitebenen springt. Eines weiß der Zuschauer sicher: Die gesamte Erzählung läuft auf einen Boxkampf hinaus, bei dem Mauser im Ring steht und auf den ihn sein Vater vorbereitet.

Wo sich die Geschichte zeitlich befindet, wird durch Ergänzungen wie „Noch vier Tage bis zum Kampf“ deutlich – und dadurch, dass die Handlungsstränge mit Playlist-Symbolen wie „Rewind“ und „Forward“ gekennzeichnet sind. Erst am Ende ergibt sich aus den Puzzleteilen ein Gesamtbild und dem Zuschauer wird klar, was passiert ist.

Erfolgreiches Spielfilmdebüt

Nicht wenige hielten die Verfilmung des Stoffs für schwierig bis unmöglich, wie Regisseur Ilker Çatak in einem Interview mit dem Verleih erzählt. „Die verschachtelten Zeitebenen, die größenwahnsinnigen Bilder, der Duktus der Figuren – alles Dinge, die ich in dieser Form bislang nicht gesehen hatte.“ Dennoch wagte er es, noch dazu als sein Spielfilmdebüt – mit Erfolg.

Filmkritik "Es war einmal Indianerland" mit Emilia Schüle
Foto: Camino Filmverleih

„Es war einmal Indianerland“ ist ein packender und unkonventioneller Jugendfilm, der nicht zuletzt mithilfe der teils irritierenden Zeitsprünge auch die innere Zerrissenheit und Verwirrung der Hauptfigur darstellt.

Auch die Darsteller sind klug gewählt: Clemens Schick („Das finstere Tal“) ist stark in der Rolle von Mausers Vater, einem Ex-Alkoholiker, der seine Freundin erwürgt hat – und darauf hofft, dass sein Sohn die Boxerkarriere macht, die ihm selbst verwehrt blieb. „Ein Gewinner hat immer einen Plan, ein Verlierer immer eine Ausrede“, sagt er zu Mauser – und hat doch selbst nie einen guten Plan gehabt. Ebenso stark spielt Jungstar Emilia Schüle („Freche Mädchen“), die momentan gleich in mehreren Kinofilmen zu sehen ist, die Rolle der Jackie – einer Tochter aus gutem Hause, in die sich der Vorstadt-Junge Mauser so sehr verliebt, dass er sich mit einer Scherbe ihre Handynummer auf die Schlaghand ritzt.

Filmkritik "Es war einmal Indianerland" mit Emilia Schüle
Foto: Camino Filmverleih

Stark geraffte Handlung

Und dann wäre da noch Edda (Johanna Polley) – älter als Mauser, rotzig, direkt. Parallel zu der Liebelei mit Jackie wird in Zeitsprüngen Mausers Anbandeln mit Edda erzählt. Vieles ist im Film ähnlich wie im Roman – allerdings nicht alles, wie Autor Nils Mohl erklärt, der auch das Drehbuch geschrieben hat.

„Natürlich ändert sich alles, wenn eine Geschichte vom Papier auf die Leinwand übertragen wird“, erzählt Mohl im Interview mit dem Verleih. „Die Handlung haben wir ab der Hälfte stark gerafft.“ Eine reine Bebilderung des 350-Seiten-Romans habe man nicht gewollt. An anderen Stellen seien dafür sogar Figuren hinzugekommen.

Filmkritik "Es war einmal Indianerland" mit Emilia Schüle
Foto: Camino Filmverleih

Den Indianer, der Mauser immer wieder verfolgt, gibt es freilich im Buch und im Film. Eine Deutung, wofür die Figur steht, ist dabei jedem selbst überlassen. Nur so viel sei verraten: Am Ende ist der Indianer zwar verschwunden. So ganz los wird Mauser ihn aber trotzdem nicht. (Antonia Lange, dpa)

Es war einmal Indianerland, Deutschland 2017, 97 Min., FSK ab 12, von Ilker Çatak, mit Leonard Scheicher, Emilia Schüle, Clemens Schick