Samstag, 04. November 2017, 20:18 Uhr

Soulpop-König Sam Smith im Interview: "Ich bin eine Dramaqueen"

Sam Smith hat bislang ein Album veröffentlicht, seine Bilanz: vier Grammys, ein Golden Globe und ein Oscar. Es könnten weitere Preise folgen. Nach rund zweijähriger Auszeit meldet sich der Brite jetzt zurück.

Soulpop-König Sam Smith im Interview: "Ich bin eine Dramaqueen"
Foto: Universal Music

Vor Interviews mit internationalen Prominenten heißt es vom Management oft: „Bitte keine privaten Fragen stellen.“ Bei Sänger Sam Smith ist das anders. Der Brite geht offen mit Trennungen und Gefühlen um. Kein Wunder, schließlich handeln die meisten seiner Songs davon. Im Gespräch der Deutschen Presse-Agentur spricht der Oscar-Preisträger („Writing’s on the Wall“) über seine zweijährige Auszeit und seine Vorbildfunktion für junge Homosexuelle.

Was haben Sie in Ihrer Auszeit eigentlich gemacht?
Ganz normale und langweilige Dinge. Ich war zuhause mit meiner Familie, meinen Schwestern und besten Freunden und war einfach nur für sie da. Aber ich war auch jeden Tag im Studio. Ich finde es immer komisch, wenn Leute sagen, ich hätte zwei Jahre frei gehabt. Das stimmt nicht. Ich habe Songs geschrieben und gesungen.

Andere Musiker hätten nach so einem erfolgreichen Debütalbum direkt nachgelegt.
Ich bin kein Roboter. Meine Musik ist so persönlich, dass es anstrengend ist, auf Tour zu sein. Ich bin danach nach Hause gekommen und musste meine Gedanken sammeln, um neue Geschichten zu kreieren, über die ich schreiben kann. Ich brauchte die Zeit, und die werde ich mir auch immer nehmen.

Soulpop-König Sam Smith im Interview: "Ich bin eine Dramaqueen"
Foto: Universal Music

80 neue Songs geschrieben

Haben Sie bei der Arbeit am zweiten Album mehr Druck verspürt?
In den ersten zwei Monaten habe ich Druck verspürt aufgrund des ersten Albums. Ich habe alles, was ich gemacht habe, zu sehr analysiert. Dadurch wurden die Songs schrecklich. Ich habe sicher 80 Lieder geschrieben. Aber danach wurde ich relaxter. Es war wichtig, sich einfach mit einem Glas Whisky hinzusetzen und darüber zu reden, was in meinem Kopf vorgeht. Das habe ich dann gemacht.

Sie hatten vor zwei Jahren eine Stimmband-Operation. Hatten Sie Sorge, dass sich Ihre Stimme danach anders anhört?
Nach der Operation eigentlich nicht. Direkt danach war meine Stimme total klar, sauber und elastisch. Aber das mochte ich nicht. Ich liebe Stimmen, die etwas rauer sind. Aber in den Monaten vor der Albumveröffentlichung war ich besorgt. Ich habe während meiner Auszeit viel getrunken, geraucht und nicht auf meine Stimme geachtet. In letzter Zeit habe ich aber nichts mehr getrunken, und meine Stimme ist okay. Ich hatte Glück. Ich habe mit dem Wodka etwas übertrieben.

Sie singen in ihren Songs oft über schmerzhafte Trennungen…
Ja, ich bin eine Dramaqueen…

Wie schmerzhaft ist es, darüber zu singen?
Ich empfinde es nicht als schmerzhaft, eher befreiend. Ich bin ein sehr melancholischer Typ. Ich bin entweder sehr, sehr glücklich oder richtig traurig. Ich habe diese beiden Extreme. Manche Leute lassen sich deshalb therapieren, ich nutze die Musik, um mit meiner Traurigkeit klarzukommen. Ich weiß nicht, ob ich jemals Songs schreiben werde, weil ich glücklich bin. In den Momenten will ich ja nicht ins Studio gehen.

Sein Leben ist gar nicht so traurig

Manchmal hat man als Zuhörer den Eindruck, Sie hätten ein ziemlich trauriges Leben.
Nein, um Gottes Willen. Ich habe ein tolles Leben. Aber ich bin sehr tiefgründig. Ich glaube niemanden, der mir sagt, er sei die ganze Zeit glücklich. Das gibt es nicht. Ich habe ein wunderbares Leben, aber ich hatte nie wirklich Glück, was Beziehungen angeht. Selbst wenn dein Leben perfekt sein sollte, musst du nur aus dem Fenster schauen. Die Welt ist ein sehr dunkler Ort. Wir sind die ganze Zeit von Traurigkeit umgeben. Ich werde davon inspiriert.

Bei den Grammys vor zwei Jahren dankten Sie Ihrem Ex-Freund für die Inspiration für das Album. Wer hat Sie diesmal inspiriert?
Ich selbst, meine Familie und meine Freunde. Die Songs über meine Beziehung und die Trennung handeln eigentlich nicht von dem Mann, sondern von mir. Die Beziehung, die ich im vergangenen Jahr hatte, ist nicht an ihm gescheitert, sondern daran, dass ich mich nicht wirklich mochte als Person.

In „Him“ geht es um einen Jungen, der sich bei seinem Vater outet. Wie wichtig ist es gerade für schwule Jugendliche, in Ihnen eine Art Rollenvorbild zu haben?
Ich kann da nur für mich sprechen und sagen, wie wichtig George Michael, Elton John oder Boy George für mich als junger Schwuler waren und sind. Ich kann nur hoffen und beten, dass ich nur ein Bruchteil davon für andere sein kann. Aber ich weiß es nicht.

Die Pause war zu lange

Spielen Homosexuellenrechte auch eine Rolle dabei, in welchen Ländern und Städten Sie auftreten?
Ich gehe dorthin, wo die Leute meine Musik hören wollen. Ich will, dass es nur um die Musik geht. Ich setze mich aber für die Rechte aller ein: Homosexuelle, Heterosexuelle, Bisexuelle, alle. Das Album mit Songs wie „Him“ ist wichtig für mich, weil ich eine Stimme bin für junge Schwule. Und das will ich auch. Als ich gesehen habe, dass bei der Bürgerbefragung zur Homo-Ehe in Australien kürzlich ein großes „No“ am Himmel erschien, hat mir das das Herz gebrochen. Es zeigt mir, dass es noch ein langer Weg ist, bis wir da sind, wo wir hingehören. Wenn ich ein positiver Einfluss bin, dann ist es toll. Aber ich möchte nicht behaupten, dass ich einer wäre.

Soulpop-König Sam Smith im Interview: "Ich bin eine Dramaqueen"
Foto: Universal Music

Jetzt das neue Album, dann eine große Tour. Gibt es danach die nächste Auszeit?
Nein! Diesmal nicht. Ich brauchte eine Pause nach meinem ersten Album, weil ich derart berühmt wurde. Ich musste damit erstmal selbst klarkommen. Jetzt will ich wieder loslegen. Die Pause war zu lang für mich. Darum werde ich eine so lange Auszeit sicher nicht mehr nehmen. Vielleicht eine klitzekleine Pause, wenn die Leute genug von mir haben. Vielleicht drei Monate.

Zur Person

Der britische Songwriter machte 2014 mit seinem Debütalbum „In The Lonely Hour“ auf sich aufmerksam: Platz eins in seiner Heimat, Platz zwei in den USA, vier Grammy-Auszeichnungen. Ein Jahr später steuerte der Sänger mit der souligen Stimme den Titelsong zum James-Bond-Streifen „Spectre“ bei. „Writing’s On The Wall“ wurde mit einem Oscar ausgezeichnet. Nach einer Auszeit meldet sich Smith jetzt mit seinem Nachfolger „The Thrill Of It All“ zurück.