Sonntag, 19. November 2017, 18:44 Uhr

TV-Kritik Tatort "Gott ist auch nur ein Mensch": Töten ist eine Kunst

Münster ist in heller Aufregung: Kurz vor den internationalen Skulptur-Tagen treibt ein Serienmörder sein Unwesen. Die Ermittlungen führen Thiel und Boerne in die Kunstwelt – und in die eigene Vergangenheit.

Gott ist auch nur ein Mensch
Vielschichtige Persönlichkeit: Aktionskünstler Zoltan Rajinovic alias G.O.D. (Aleksandar Jovanovic) . Foto: WDR/Wolfgang Ennenbach

Das Töten ist eine Kunst – zumindest im neuen „Tatort“ aus Münster. Im Vorfeld der weltbekannten Skulptur-Tage treibt ein Serienkiller sein Unwesen in der Stadt. Gewohnt pointenreich führt der Kriminalfall das Ermittler-Duo in die Welt der zeitgenössischen Kunst. Und während sich Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl) dabei auf eine Reise in die eigene Vergangenheit begibt, entdeckt Prof. Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) den Künstler in sich.

In „Gott ist auch nur ein Mensch“ heute ab 20.15 Uhr im Ersten wird ganz Münster – wie im wahren Leben auch – zum Schauplatz einer großen Skulpturen-Ausstellung. Kurz vor der Eröffnung entpuppt sich jedoch eine der Figuren als verkleidete und aufwendig präparierte Leiche. Das Opfer ist ein ehemaliger Stadtrat, dem sexuelle Belästigung von Minderjährigen vorgeworfen wurde. Der zweite Tote, ebenfalls in einer Figur in der Stadt versteckt, war zuvor als Verleumder aufgefallen. Schnell ist klar: Der Mörder sucht sich seine Opfer unter den vermeintlichen „Sündern“ der Stadt.

Der große Star ist Aleksandar Jovanovic

Der Verdacht fällt sofort auf die drei exzentrischen Künstler, die in diesem Jahr ihre Werke in Münster präsentieren. Da wäre zum einen der wortkarge Jan Christowksi (Christian Jankowski), der immer einen silbernen Koffer bei sich trägt, dessen Inhalt er niemandem offenbart. Dann ist da noch Swantje Hölze (Raphaela Möst), die mithilfe einer kleinen Kamera Videoaufnahmen aus dem Inneren ihres Körpers live auf einem Bildschirm präsentiert.

Der große Star aber ist Zoltan Rajinovic alias G.O.D. – mit kurz rasierten Haaren, Schnurrbart und Tattoos auf den muskulösen Oberarmen der Prototyp des abgedrehten Künstlers. Dennoch spielt Aleksandar Jovanovic diese klischeeträchtige Rolle angenehm zurückhaltend. G.O.D. scheint ein ruhiges Gegengewicht zu Thiel und Boerne zu sein, die sich im Alter scheinbar noch freudiger in ihren amüsanten Kleinkrieg stürzen.

Gott ist auch nur ein Mensch
Völlig unerwartet trifft Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl, vorne) auf seinen Vater Herbert (Claus D. Clausnitzer, 3.v.rechts) in Begleitung einer Kunststudentin. Foto: WDR/Wolfgang Ennenbach,

Wie so oft im Münster-„Tatort“ geschieht das Wesentliche ohnehin jenseits der Mordermittlungen: So kommt Kommissar Thiel zu der erstaunlichen Erkenntnis, dass er als Kind in der Hippie-Kommune von Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Grossmann) ein und ausging – selbstverständlich in Begleitung seines dauerkiffenden „Vadders“.

Boerne hingegen entdeckt den Künstler in sich und eifert als neuer Meisterschüler seinem großen Vorbild G.O.D. nach. Die Ermittlungen macht das nicht unbedingt einfacher, zumal mit den beiden auch zwei übergroße Egos aufeinanderprallen.

Gott ist auch nur ein Mensch
Nika Wenger (Gertie Honeck, Mitte), die frühere Kuratorin der Internationalen Skulptur-Tage in Münster und Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl, links). Foto: WDR/Wolfgang

Ziemlich viele Klischees

Doch auch abseits dieser Geplänkel dürfte der aktuelle „Tatort“ Kunstkennern zumindest ein Schmunzeln abringen: Etwa dann, wenn Thiel den widerspenstigen G.O.D. bei der Vernehmung als einen „Kasper-König“ bezeichnet. Eine Anspielung auf Kasper König, den Kurator der echten Großausstellung Skulptur Projekte 2017 dieses Jahr in Münster. Und auch echte Kunst hat in diesem „Tatort“ ihren Platz, etwa die großen weißen Kugeln am Aasee, ein Überbleibsel der Skulptur Projekte im Jahr 1977.

„Dieses Setting schien mit seiner kreativ-bizarren Note einfach ideal für einen Münster-Tatort“ sagt Drehbuchautor Christoph Silber. „Zugleich war mir wichtig, die Kunstwelt nicht zu karikieren, sondern ein möglichst ehrliches Porträt abzuliefern.“ So ganz ist das zwar nicht gelungen, schließlich sind die Akteure auch diesmal gehörig überzeichnet.

Gott ist auch nur ein Mensch
Ein Toter in einer Skulptur: Prof. Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers, rechts) schildert den Kommissaren Frank Thiel (Axel Prahl, links) und Nadeshda Krustenstern (Friederike Kempter, 2.v.l.), was er auf den ersten Blick erkennen kann. Foto: WDR/Wolfgang Ennenbach,

Doch ebenso wie die Tatsache, dass die Spur zum Täter unweigerlich über Thiels Vater und dessen Taxifahrten zu führen scheint, verzeiht man dem Ermittler-Duo auch diesmal so manches Klischee. Schließlich ist in der Kunst wie in der Liebe alles erlaubt – alles außer Mord. (Christoph Zeiher, dpa)