Mittwoch, 22. November 2017, 19:10 Uhr

TV-Kritik "Brüder": Stark, aber nichts für schwache Nerven

Ein deutscher Student gerät in die Fänge des IS und zerbricht daran – Stoff für einen Film. Soviel vorweg: Der ist stark, aber nichts für schwache Nerven.

TV-Kritik "Brüder": Stark, aber nichts für schwache Nerven
Bei einem Polizeieinsatz in der Moschee wird Jan (Edin Hasanovic) abtransportiert.
Foto: SWR/Züli Aladag,

Sein Leben? Wie das Millionen anderer junger Leute in Europa: Jan, lebt in einer WG in Stuttgart, studiert vor sich hin, besucht Partys, trinkt und hat mit seiner Freundin eine Beziehung ohne große Emotionen.

Aber: Sein Dasein langweilt Jan (Edin Hasanovic), es fordert ihn nicht wirklich – nur das Schicksal seines WG-Kameraden Tariq (Erol Afsin), einem Arzt in Ausbildung, berührt ihn. Dessen Familie hängt in Syrien fest, um sie herum tobt der Bürgerkrieg. Mit Jans Orientierungslosigkeit ist es vorbei, als er den aus Bosnien stammenden Prediger Abadin Hasanovic (Tamer Yigit) kennenlernt. Jans Irrweg hat das Erste heute ab 20.15 Uhr im Zweiteiler „Brüder“ illustriert – parallel zum Auftritt des FC Bayern München in der Champions League beim RSC Anderlecht im ZDF.

TV-Kritik "Brüder": Stark, aber nichts für schwache Nerven
Bei der Wache sprechen Jan (Edin Hasanovic) und Mimoun (Dennis Mojen) über Mimouns Sehnsucht nach seiner Ex-Freundin. Foto: SWR/Züli Aladag,

Spion des Verfassungsschutzes

„Brüder“ ist kein gewöhnlicher Mittwochsfilm, der im Ersten mal eine Komödie, mal ein Krimi oder auch Sozialdrama sein kann. Wer die beiden 90-Minuten-Stücke sieht, sollte sich unbedingt darauf einlassen und sich nicht ablenken lassen. Die Geschichte des jungen Manns, der in die salafistische Szene abdriftet, dabei sich und andere zerstört, ist deswegen mitreißend, weil sie sich so oder so ähnlich zigmal in Deutschland in den vergangenen Jahren zugetragen haben mag und der Wahrheit viel näher kommt als jeder andere Krimi oder jedes Drama zu anderen Themen auf diesem Sendeplatz.

Der Film enthält brutale Szenen aus dem Terror-Kalifat des IS, die so in deutschsprachiger Fiction noch nicht gezeigt wurden.

TV-Kritik "Brüder": Stark, aber nichts für schwache Nerven
Regisseur Züli Alada? mit Hauptdarsteller Edin Hasanovic am Set in Marokko. Foto: SWR/Züli Aladag,

Jan konvertiert nämlich zum Islam, fährt mit Tariq nach Syrien und lässt sich zum Schein vom IS entführen – was Jan jedoch nicht weiß: Sein Freund Tariq spielt dem deutschen Verfassungsschutz Informationen zu. Jan wird beim IS an der Waffe ausgebildet, lernt zu morden, erst Attrappen und Tiere, beim Kampfeinsatz Menschen. Doch allmählich kippt seine Stimmung: Jan muss mit ansehen, wie der brutale Kommandant einem Hochzeitspaar die Kehlen durchschneiden lässt oder wie ein Mitkämpfer aus Verzweiflung Selbstmord begeht. Der Stuttgarter, der mit seinen Eltern gebrochen hat, schluckt schwer, gibt aber nicht auf. Schließlich heben türkische Truppen das IS-Lager aus, Jan wird gefangen genommen und nach Deutschland ausgeliefert.

Szenen im IS-Lager auf 50 Minuten verlängert

Wie weit darf die gezeigte Gewalt gehen? Die Kamera schwenkt weg, als Jan im IS-Camp einem Huhn den Kopf abschneiden muss, auch als ein kopfüber hängender IS-Gefangener in eine Tonne brodelndes Wasser gelassen wird. In den Augen der Zuschauer muss die Fantasie den Rest erledigen.

TV-Kritik "Brüder": Stark, aber nichts für schwache Nerven
Die Schauspieler Tamer Yigit (l) und Edin Hasanovic (r) mit Regisseur Züli Aladag. Foto: Christoph Schmidt

„Wir hätten die Gewalt nie so real abgebildet, wie sie der IS in seinen Videos selbst zeigt“, sagt der türkischstämmige Regisseur und Co-Autor Züli Aladag. „Der Zuschauer soll selber ein Gefühl für die Gewaltvorstellung bekommen, wie sie sich in den Köpfen unserer Protagonisten abspielt.“ Auf Aladags Betreiben ist die Film-Passage im syrischen IS-Lager, die zunächst nur drei Minuten umfassen sollte, auf 50 Minuten ausgeweitet worden. Nach den Worten des zuständigen SWR-Redakteurs Jan Berning hat die Jugendschutzbeauftragte des Senders beide Filme vorab bekommen.

Drehbuchautorin Kerstin Derfler sagt im ARD-Interview, sie habe 2014 pausenlos Bilder aus dem kriegszerstörten Aleppo gesehen. „Die Menschen flohen in Massen aus Syrien, zerrieben zwischen Rebellen, IS und Assads Fassbomben. Gleichzeitig zogen junge Männer, Deutsche, in den Krieg nach Syrien, um dort zu kämpfen. Diese Gegenläufigkeit hat mich nicht mehr losgelassen und sehr schnell war mir klar, dass ich im Kern eine Geschichte von zwei Freunden erzählen möchte, einem syrischen Medizinstudenten und einem sogenannten „biodeutschen Konvertiten“, die sich im Laufe der Handlung in völlig unterschiedliche Richtungen entwickeln.“

TV-Kritik "Brüder": Stark, aber nichts für schwache Nerven
Jan (Edin Hasanovic) ist zum ersten Mal in einer Moschee. Foto: SWR/Züli Aladag

Waffen zu besorgen, war schwierig

Gedreht wurde in Marokko, wo häufig Stoffe aus dem Nahen Osten fürs TV oder Kino umgesetzt werden. Schwierig sei gewesen, dort Waffen für Filmzwecke zu beschaffen – darauf hat nur eine französische Firma die Lizenz, mit der die ARD folglich zusammenarbeiten musste.

Der Film endet nicht mit der Eroberung des IS-Lagers, sondern geht nach Jans Rückkehr nach Deutschland weiter. Der Verfassungsschutz ist ihm zwar auf den Fersen, kann ihm aber noch nicht nachweisen, freiwillig beim IS gewesen zu sein.

Jan hätte die Chance auf Wiederintegration, selbst sein Vater, vorher in offener Feindschaft zu ihm stehend, hält wieder zu ihm. Doch der Konvertit bleibt Konvertit. Er trifft wieder seinen Prediger, der ihn einst mit seiner kameradschaftlich-huldvollen Manier verführte und organisiert sich mit anderen jungen Salafisten neu. Jan, so scheint es, bereitet jetzt den ganz großen Coup vor. Wird er noch einmal ausholen? Oder erweisen sich der Rest von Anstand und Moral in ihm als stark genug?

Zum Schluss: Edin Hasanovic hätte einen echteren Vollbart verdient als dieses Billigteil aus dem Faschingsverleih. (Carsten Rave, dpa/KT)