Sonntag, 28. Januar 2018, 18:28 Uhr

TV-Kritik Tatort "Déjà-vu": Der Fall eines pädophilen Kindermörders

Ein Kind wird entführt, missbraucht und getötet. Der bisher härteste Fall für die Dresdner „Tatort“-Ermittler ist kein Psychogramm eines Pädophilen – mit neuer Regiehandschrift.

TV-Kritik Tatort "Déjà-vu": Der Fall eines pädophilen Kindermörders
René Zernitz (Benjamin Lillie) und Jennifer Wolf (Alice Dwyer) beobachten, wie der Schwimmtrainer Micha Siebert (Niels Bruno Schmidt) den kleinen Niki (Felix Küch) nach Hause bringt. Foto: MDR/Wiedemann & Berg/Daniela Incoronato,

Zwischen Idylle und Hölle liegen nur Sekunden. Dem ersten Bild folgt eines, das die Ermittler im neuen Dresden-„Tatort“ emotional bis zum Äußersten fordert. Für Kommissariatsleiter Peter Michael Schnabel (Martin Brambach) ist das Verschwinden des acht Jahre alten Rico außerdem eine persönliche Sache, die auch den beiden Kommissarinnen Henni Sieland (Alwara Höfels) und Karin Gorniak (Karin Hanczewski) emotional alles abverlangt.

Der spannend und klar inszenierte fünfte Fall des sächsischen „Tatort“-Teams wird heute um 20.15 Uhr unter dem Titel „Déjà-vu“ im Ersten ausgestrahlt. Ein blonder Junge läuft fröhlich über eine Sommerwiese, eine Frau schreit panisch „Rico“ durch den Park: Der Junge ist wie vom Erdboden verschluckt. Schnabel treibt es bei der Nachricht den Schweiß auf die Stirn, nicht nur wegen der Hitze. „Der taucht schon wieder auf“, meint Sieland lakonisch.

Die nächste Szene lässt ahnen, dass sie sich irrt: In einem Altbau wird eine offenbar schwere Sporttasche durch den Hausflur getragen, aus der es tropft.

TV-Kritik Tatort "Déjà-vu": Der Fall eines pädophilen Kindermörders
Schwimmtrainer Micha Siebert (Niels Bruno Schmidt) schwört seine Jungs auf den nächsten Wettbewerb ein. Foto: MDR/Wiedemann & Berg/Daniela Incoronato

Dramatische Irrwege

Sie wird wenig später in der Elbe gefunden – darin der vermisste Junge, in Unterhose. Sieland muss sich übergeben, ihre Kollegin behält mühsam die Fassung und Rechtsmediziner Falko Lammert (Peter Trabner) reagiert extrem dünnhäutig auf die Fragen nach Todesursache, -zeit und -umständen. Das Kind, betäubt und sexuell missbraucht, ist ertrunken, aber nicht im Fluss. „Als Rico in die Sporttasche gepackt wurde, war er schon nicht mehr bei Bewusstsein“, sagt Lammert tonlos.

TV-Kritik Tatort "Déjà-vu": Der Fall eines pädophilen Kindermörders
Aaron Gorniak (Alessandro Schuster) spielt mit dem Freund seiner Mutter Nick (Sebastian Zimmler) ein Videospiel. Foto: MDR/Wiedemann & Berg/Daniela Incoronato

„Perverses Arschloch“, „das Schwein“, „Mistkerl“ heißt es schnell über den Täter. Die Suche nach ihm ist schwierig, vermeintliche Spuren sind kalt, die Folgen der Irrwege dramatisch. Der Fall reicht auch bis ins Privatleben der Kommissarinnen: Gorniak misstraut ihrem halbwüchsigen Sohn, Sieland ist gelähmt von einer Hiobsbotschaft. Angst schürende Medien, eine aufgebrachte Öffentlichkeit und die Kritik an der Arbeit der Polizei sitzen ihnen im Nacken, und auch bei ihrem Chef liegen die Nerven blank.

In der alten Ermittlungsakte zum Fall Jakob findet Sieland endlich die Spur zum Täter, der sein nächstes Opfer schon gefunden hat – beobachtet vom Publikum. „Der Film soll kein Psychogramm eines pädophilen Kindermörders sein“, sagt Regisseur Dustin Loose. Vielmehr zeigt er den Alltag eines attraktiven, charmanten jungen Mannes mit Job und Beziehung, der seine Abgrünge gut versteckt.

TV-Kritik Tatort "Déjà-vu": Der Fall eines pädophilen Kindermörders
ARD/MDR TATORT: DÉJÀ-VU, am Sonntag (28.01.18) um 20:15 Uhr im ERSTEN.
Oberkommissarin Karin Gorniak (Karin Hanczewski) hält einen Verdächtigen in Schach. Foto: MDR/Wiedemann &Berg/Daniela Incoronato

„Weggeguckt wird genug“

Auch die Freundin kennt seinen Hang zu Kindern. „Es geht auch um die Grenzen von Mitwissen zur Mittäterschaft“, sagt Loose. Die Menschen im Umfeld der Täter, die wegschauten, kämen ja meist straffrei davon. „Das hat mich erschüttert, aber neben der Emotionalität, Wucht und Heftigkeit auf allen Seiten als Filmemacher gereizt.“ Gerade im Sinne der Opfer verzichtet er auf künstliche Distanz, auch wenn der Anblick des toten, fast nackten Jungen in der Sporttasche ein kaum auszuhaltendes Bild ist. „Weggeguckt wird genug“, sagt der 31-Jährige.

TV-Kritik Tatort "Déjà-vu": Der Fall eines pädophilen Kindermörders
Kommissariatsleiter Peter Michael Schnabel (Martin Brambach) beobachtet die Bergungsboote der Polizei.
Foto: MDR/Wiedemann & Berg/Daniela Incoronato

Die Freundin des Täters verdrängt böse Vorahnungen, bis sie ihren René zu Hause erwischt – mit offener Hose vor einem betäubten Kind kniend. „Du hast es mir versprochen“, presst sie hervor, wie eine enttäuschte Mutter mit Tränen in den Augen. Den leblosen Jungen auf ihrem Sofa ignoriert sie. Der Showdown in der perfekt durchgestylten Wohnung offenbart die Abnormität der Beziehung hinter der bürgerlichen Fassade: Sex gab es nur, wenn sie die Geschichte von einem nackten Jungen an einem Waldsee erzählte.

Ein Foto von dem Ort mit Anfahrtskarte findet sich auf dem Handy des Täters, unter Hunderten Bildern blonder Jungen – darunter Rico und Jakob in der Badewanne. In strömendem Regen steht Schnabel wenig später dort, während Taucher Jakobs Leiche aus dem Wasser holen. „Zwei Fälle gelöst, einer verhindert“, resümiert Schnabel erleichtert und traurig zugleich. (Simona Block, dpa)