Dienstag, 27. Februar 2018, 23:10 Uhr

"Über Leben in Demmin": Warum haben die sich alle umgebracht?

Im Frühjahr 1945 wird Demmin, eine kleine Stadt in Mecklenburg-Vorpommern, zum Ort einer schrecklichen Tragödie: Während die Rote Armee heranrückt, nehmen sich hunderte Einwohner das Leben. Sie schneiden sich die Pulsadern auf, vergiften oder erschießen sich; Eltern töten erst ihre Kinder und dann sich selbst, ganze Familien gehen mit Steinen beschwert ins Wasser.

"Über Leben in Demmin": Warum haben die sich alle umgebracht?
Foto: Edition Salzgeber

Bis zum Ende der DDR wird über die konkreten Umstände des beispiellosen Massensuizids geschwiegen, die genauen Opferzahlen
der kollektiven Hysterie sind bis heute nicht bekannt. Heute versuchen Neonazis die Leerstelle zu besetzen und für ihre
Zwecke zu missbrauchen.

An jedem 8. Mai, dem Tag des Endes des Zweiten Weltkriegs, vollzieht sich in Demmin ein gespenstisches Ritual: Neonazis marschieren schweigend durch die Straßen der Gemeinde, in der mehrere Hundertschaften der Polizei Stellung bezogen haben und versuchen, Gegendemonstranten von der Route fernzuhalten. An diesem angespannten Tag verdichten sich hier die Risse innerhalb der deutschen Gesellschaft aufs Äußerste. Mit ihrem „Trauermarsch“ instrumentalisieren die Rechtsradikalen die Erinnerung an die furchtbare Tragödie.

Massensuizid in Demmin

In seinem berührenden wie gruseligem Film „Über Leben in Demmin“  geht Regisseur Martin Farkas den verborgenen Folgen der Ereignisse nach. Überlebende sprechen zum ersten Mal über die schrecklichen, lange verdrängten Erfahrungen ihrer Kindheit und Jugend. Farkas erkundet, welche Spuren die Traumatisierung und das Schweigen darüber bei den Nachgeborenen hinterlassen haben – und wie tief sie in unsere Gegenwart hineinwirken. Die Stadt wie er sie in diesem genau beobachteten, komplexen und aufrichtigen Film schildert, erscheint tief gespalten. Neben dem Wunsch nach Versöhnung und dem Willen zu einer ehrlichen Aufarbeitung stehen Hass und Feindseligkeit. So eröffnet der Film an diesem exemplarischen Ort einen neuen Blick auf den heutigen, weiterhin schwierigen Umgang der Deutschen mit ihrer Geschichte.

"Über Leben in Demmin": Warum haben die sich alle umgebracht?
Foto: Edition Salzgeber

Was ist das genau für ein Ereignis, auf das sich die Nazis mit diesem „Trauermarsch“ beziehen? Regisseur Martin Farkas sagte dazu „Kino-King“ Knut Elstermann: „In Demmin ist etwas Ungeheuerliches passiert, was in dieser Dimension einmalig ist. Am 30. April 1945 hatte die Rote Armee Demmin erreicht. Eigentlich sollten die Russen einfach durchfahren und am Abend in Rostock ankommen. Demmin ist nur ein kleiner Ort, aber von drei Flüssen umgeben. Da die abziehende SS hinter sich die Brücken gesprengt hatte, konnten die Panzer der Russen nicht gleich weiter. In dieser angespannten Situation kam es zu sexueller Gewalt.“

Der Regisseur erklärte weiter: „Häuser, in denen Hitlerbilder hingen, wurden angezündet. Und nun kam es in dieser brennenden, von Gewalt erfassten Stadt, zu einer Art hysterischen Massenbewegung: Bewohner, die über die Jahre auch mit extrem viel Propaganda bombardiert worden waren, bekamen so große Angst, dass sie sich selbst umbrachten, dass sie sich ihre Kinder um den Bauch banden und mit ihnen ins Wasser gingen, dass sie sich die Pulsadern aufschnitten. Die Großväter sagten zu ihren Töchtern und Enkeltöchtern: Wenn Du vergewaltigt wurdest, bist Du keine richtige Frau mehr.“

"Über Leben in Demmin": Warum haben die sich alle umgebracht?
Foto: Edition Salzgeber

Trauer von Neonazis missbraucht

Farkas habe drei Jahre vor Ort recherchiert und sehr viele Zeugen befragt. „Natürlich haben wir auch versucht, die sowjetische Perspektive einzuholen und zu verstehen, und in Archiven in Moskau recherchiert. Unser Ergebnis ist, dass es eine letzte Antwort auf diese Fragen nicht gibt. Dass sich Leute in den letzten Kriegstagen umgebracht haben, weil das System im Zusammenbruch
war, an das sie sehr geglaubt hatten – dieses Phänomen gab es in ganz Deutschland. Dazu kam, dass alle Brüder und Väter im Krieg waren. Es drang natürlich durch, was die Deutschen in der Sowjetunion veranstaltet hatten – die ungeheure Gewalt, die auch von der Wehrmacht ausgegangen war“.

"Über Leben in Demmin": Warum haben die sich alle umgebracht?
Foto: Edition Salzgeber

Das Fatale ist, so Farkas, dass die Neonazis nach der Wende, als die Geschichte anders aufgearbeitet werden konnte und die Erinnerungen an damals hochkamen, die Chance erkannt haben, diese Ereignisse zum Zwecke ihres Geschichtsrevisionismus zu verwenden. Dafür halten sie nun jedes Jahr diesen „Trauermarsch“ ab, immer am Jahrestag des 8. Mai 1945. Organisiert wird er privat, im Hintergrund steht die NPD in MecklenburgVorpommern. Leute aus der ganzen Umgebung reisen dafür an. „Natürlich ist das ganz fatal für die Leute vor Ort. Denn sicher ist Trauer angemessen, aber wenn sie derart missbraucht wird, ist es ganz schwierig, damit gut umzugehen.“

„Über Leben in Demmin“ startet am 22. März in den deutschen Kinos.