Sonntag, 04. März 2018, 17:35 Uhr

TV-Kritik Tatort "Waldlust": Gruselig, komisch und improvisiert

Eigentlich ist „Tatort“-Ermittlerin Lena Odenthal in Ludwigshafen daheim. In der ersten Folge ohne den Kollegen Kopper führt ein Coaching-Wochenende sie und ihr Team in den Schwarzwald. Dort muss sie neue und alte Morde aufzuklären.

TV-Kritik Tatort "Waldlust": Gruselig, komisch und improvisiert
Foto: SWR/Martin Furch

Was macht die Ludwigshafener „Tatort“-Kommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) ohne ihren suspendierten Kollegen Mario Kopper (Andreas Hoppe)? Sie fährt mit den verbliebenen Mitarbeitern der Mordkommission zum Team-Coaching in den Schwarzwald, wenn auch nicht ganz freiwillig. Ein „Schnäppchen“ sei das Angebot gewesen, rechtfertigt sich die Organisatorin und Sekretärin Frau Keller (Annalena Schmidt), als die Ermittlertruppe auf der Suche nach ihrem Hotel durch den tief verschneiten Forst irrt.

In dem abgelegenen Landgasthof lassen skurriles Personal, ein Knochen im Gemüse und ein 27 Jahre alter Mord den Aufenthalt zu einem Coaching der besonderen Art werden.

Akteure mit improvisiertem Text

„Tatort – Waldlust“ heißt der Krimi, der heute um 20.15 Uhr im Ersten ausgestrahlt wird. Regisseur ist erneut Axel Ranisch („Dicke Mädchen“, „Alki Alki“), der schon den umstrittenen Ludwigshafener „Tatort – Babbeldasch“ (2017) in Szene gesetzt hat. Ranisch, der nach eigenen Angaben ein großes Bedürfnis nach Glaubhaftigkeit und Realismus hat, ließ damals wie heute auf vorgegebene Dialoge verzichtet und seine Akteure improvisieren.

In „Babbeldasch“, das in einem Mundarttheater spielte, hatte er zusätzlich viele Pfälzisch sprechende Laienschauspieler eingesetzt – das kam nicht durchweg gut an. Das unterschiedliche Improvisieren von Laien und Profis und der Dialekt waren vielen Zuschauern „Tatort“-untauglich erschienen. Die fast nur mit Profis inszenierte neue Folge wirkt dagegen viel mehr aus einem Guss, außerdem gruselig, komisch und spannend zugleich.

TV-Kritik Tatort "Waldlust": Gruselig, komisch und improvisiert
Foto: SWR/Martin Furch

Im einsamen Hotel „Lorenzhof“ geht es sogleich ans gruppendynamische Arbeiten. Odenthal, Kollegin Johanna Stern (Lisa Bitter), Kriminaltechniker Peter Becker (Peter Espeloer) und Frau Keller scharren sich um Coach Simon Fröhlich (Peter Trabner). Der hat anhand von Fragebögen, die bis auf Odenthal alle ausgefüllt haben, bereits herausgefunden, dass es im Team Schwierigkeiten gibt.

Ein weiterer Ranisch-Tatort ist nicht geplant

Koppers Weggang sei dabei nicht die Ursache des Problems, sondern die „Spitze des Eisbergs“, stellt der Coach fest. „Ich denke, wir sollten den Weggang von Kopper als Chance begreifen“. Kopper, der jahrzehntelang Odenthals rechte Hand war, hatte zuletzt in einem Mafiadrama einen Angreifer erschossen, dies lange verschwiegen und dann gehen müssen.

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Foto: SWR/Martin Furch

„Die einzige Schwierigkeit, die ich sehe, ist: Die Stelle wird nicht neu besetzt, es gibt kein Geld dafür“, sagt Odenthal, die wenig Lust auf das Zusammensein hat. Sehr viel weiter kommt das Quintett zunächst nicht, denn die Gasthof-Betreiber binden seine ganze Aufmerksamkeit. Da ist der düster wirkende Wirt Bert „Humpe“ Lorenz (Heiko Pinkowski), der einst im Hotel seine geliebte Schwägerin Waltraud getötet haben soll und im Gefängnis saß. Er beteuert seine Unschuld. Sein Bruder Heinrich ist seit damals verschwunden.

Und da ist Waltrauds hyperaktiv wirkende Tochter Dorothee (Eva Bay), die Onkel „Humpe“ für unschuldig hält. In dem von ihr servierten Abendessen entdeckt Fröhlich einen Knochen, den Becker schnell als Überbleibsel eines „homo sapiens sapiens“ identifiziert. Als die Ermittler dann nach einem Hinweis im Keller eine Kiste mit Liebesbriefen finden, dämmert ihnen: „Jemand will, dass wir auf diese Dinge stoßen“. Weil das lokale Polizisten-Paar (Juergen Maurer, Christina Große) nicht richtig weiterhilft und auch noch zwei Anwesende umgebracht werden, machen sich die Ludwigshafener auf die Suche nach dem Mörder – und der Antwort auf die Frage, ob er auch der Täter von damals ist. Dass Odenthal dabei angeschossen wird, ist nur einer der vielen Einfälle von Buchautor Sönke Andresen.

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Foto: SWR/Martin Furch

Wie in „Babbeldasch“ hat Ranisch den Schauspielern nicht verraten, wer der Täter ist. Keiner hätte es gewollt, sagt er im SWR-Interview. Es verleihe dem Film „eine besondere Unmittelbarkeit, wenn die Kommissare den Mörder nicht kennen“, betont er. Dank des Improvisationstalents der Akteure bleibt die Filmillusion trotz mancher Unebenheit gewahrt.

Fraglich ist, ob der verspielt wirkende Ranisch auf herkömmlichem Weg nicht ein ähnliches Ergebnis erzielt hätte. Ein weiterer „Tatort“ mit ihm ist laut SWR nicht in Arbeit. (Jasper Rothfels, dpa)

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