Dienstag, 06. März 2018, 22:10 Uhr

"Gladbeck" als Zweiteiler im TV - Was man dazu wissen muß

Das Gladbecker Geiseldrama zählt bis heute zu den spektakulärsten und gleichzeitig dramatischsten Verbrechen der Nachkriegsgeschichte. Hätte sich ein Drehbuchautor die Geschichte ausgedacht, wohl nur rigoroses Kopfschütteln wäre ihm entgegenkommen: Wie unrealistisch! Doch dieser Fall, den die ARD am Mittwoch und Donnerstag zur besten Sendezeit zeigt, hat sich genauso zugetragen…

"Gladbeck" als Zweiteiler im TV - Was man dazu wissen muß
Fotografen und TV-Teams umringen die Gladbeck-Entführer in der Kölner Innenstadt. Foto: ARD Degeto/Ziegler Film/Martin Valentin Menke

Nachdem die Berufskriminellen Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski um kurz vor 8 Uhr am 16. August 1988 morgens die Deutsche-Bank-Filiale im nordrhein-westfälischen Gladbeck überfallen haben, eskaliert die Situation.

Die Täter nehmen zwei Bankangestellte als Geiseln. Am Abend gewährt ihnen die Polizei den beobachtungsfreien (!) Abzug mitsamt der Geiseln und 300.000 Mark Lösegeld im Fluchtauto. Eine blutige Irrfahrt beginnt. 54 Stunden lang hält das Geiseldrama die Republik in Atem – und Millionen Zuschauer sind live am Fernseher dabei. Kein anderes Verbrechen steht so sehr für mediale Grenzüberschreitung und polizeiliches Versagen.

Die Polizei versagt auf ganzer Linie

In Bremen nimmt die Geiselnahme eine neue Wendung: Nachdem die komplett unkoordinierte Polizei mehrere Zugriffsmöglichkeiten versäumt hat, kapern Rösner und Degowski am Busbahnhof Huckelriede einen Bus der Linie 53. Am Ende wird von den 30 Fahrgästen einer tot sein: Der erst 15 Jahre junge Emanuele De Giorgi. Er hatte seinen Arm schützend um seine kleine Schwester zusehen, die zusehen musste, wie Degowski ihm eine Kugel in den Kopf jagte.

Für alle anderen ändert sich alles – von einer Sekunde auf die andere, für immer. Am Ende sind mit Silke Bischoff noch eine weitere Geisel und ein Polizist tot. Bischoff soll durch Rösners Waffe getötet worden sein.

"Gladbeck" als Zweiteiler im TV - Was man dazu wissen muß
Degowski (Alexander Scheer) bedroht die Geisel Silke (Zsa Zsa Inci Bürkle) mit geladener Waffe. Foto: ARD Degeto/Ziegler Film/Martin Valentin Menke

Regisseur Kilian Riedhof äußerte in einem Statment: „Gladbeck ist ein nationales Trauma. Unverarbeitet, unfassbar. Eine grauenvolle Sensation. Gladbeck tut weh. Auch heute noch. Im Zentrum dieses 54-stündigen, nicht enden wollenden Alptraums steht für mich die Begegnung mit dem Animalischen, dem Asozialen, dem Monströsen. Mitten in der bundesdeutschen Welt der Einkaufspassagen und Fußgängerzonen darf es ungehemmt seine anarchische Gewalt entfalten: Polizei und Staat stehen ihm gelähmt gegenüber. Die Presse lässt sich von ihm rauschhaft verführen und multipliziert seine Wirkung. Und die Geiseln sind seiner Willkür schutzlos ausgeliefert.“

"Gladbeck" als Zweiteiler im TV - Was man dazu wissen muß
Sensationsgierige Journalisten berichten von der Geiselnahme.
Foto: ARD Degeto/Ziegler Film/Martin Valentin Menke

„Dieser Film musste radikal werden“

Ein Film über dieses einzigartige Schwerverbrechen müsse tiefer ansetzen, als die bekannte und berechtigte Kritik an Presse und Polizei reflexhaft zu wiederholen, fügte der Regisseur hinzu. „Denn Kritik bedeutet immer auch den Aufbau emotionaler Distanz zu dem eigentlichen Erleben und Durchleben des Geschehenen. Doch genau darum muss es in einer Fiktionalisierung gehen – um die Erfahrung kollektiver Ohnmacht. Eine Tragödie solchen Ausmaßes zu erzählen, bedeutet, dramaturgische und ästhetische Fernsehkrimikonventionen zu vermeiden. Eine Geiselnahme kann nicht beamtisch erzählt werden. Es gibt keine Sicherheit in ihr. Dieser Film musste radikal, elliptisch, fragmentarisch, instabil werden, um die Unberechenbarkeit dieser Geiselnahme und die damit verbundene ständige Gefahr und Überforderung von Opfern und Polizei für den Zuschauer körperlich erlebbar zu machen.“

"Gladbeck" als Zweiteiler im TV - Was man dazu wissen muß
Das Verbrecher-Duo Rösner (Sascha Alexander Geršak) und Degowski (Alexander Scheer, li.) bringt einen Bus und die Fahrgäste in seine Gewalt. Foto: ARD Degeto/Ziegler Film/Martin Valentin Menke

„Gladbeck“ sei kein Dokudrama, so Riedhof weiter. „sondern ein dramatisch verdichtender Spielfilm. Er legt Wert auf größtmögliche Faktentreue, bis hin zu Bewegungsabläufen und Körpersprache von Tätern und Opfern in den dokumentierten Parts. Doch gerade bei einem derart öffentlichen Verbrechen, von dem es zahlreiche Bilddokumente gibt, reicht es nicht, in naturalistischer Nachahmung zu verharren. Uns ging es vielmehr darum, die innere, psychische Realität dieses Verbrechens in seiner düsteren Sakralität zu fassen. Vielleicht, um es so letztendlich zu verarbeiten.“

Rösner (Sascha Alexander Geršak) inszeniert sich vor den Medienvertretern als knallharter Verbrecher. Foto: ARD Degeto/Ziegler Film/Martin Valentin Menke
Rösner (Sascha Alexander Geršak) inszeniert sich vor den Medienvertretern als knallharter Verbrecher.
Foto: ARD Degeto/Ziegler Film/Martin Valentin Menke

Ein Ereignis wie eine Folter

Die berühmte Produzentin Regina Ziegler erklärte: „Eine Geiselnahme unterscheidet sich von anderen Verbrechen nicht zuletzt dadurch, dass nicht nur Menschen, sondern dass auch die Zeit ‚mitspielt‘. Das Ereignis ist keine Sache von Sekunden wie bei den meisten Morden. Das Ereignis zieht sich, darin der Folter ähnlich, in die Länge. Deshalb spricht man zu Recht von einem Geisel-Drama. Es ist ein Ereignis mit mehreren Akten. Das Gladbecker Geiseldrama war ein solches Ereignis. Das Drama zog sich über 54 Stunden hin. Die Akteure waren besonders grausam. Das meiste geschah nicht im Verborgenen, sondern vor den Augen
einer mitfiebernden und mitleidenden Öffentlichkeit. Auch deshalb hat sich dieses Geiseldrama in die Geschichte der Verbrechen eingeschrieben, eine Geschichte, an die man immer wieder erinnern muss, auch, um sie und ihre Opfer vor dem Vergessen zu bewahren.“

"Gladbeck" als Zweiteiler im TV - Was man dazu wissen muß
Geiselgangster Rösner inmitten der senationsgeilen Medienmeute. Medienvertreter.
Foto: ARD Degeto/Ziegler Film/Martin Valentin Menke

Geiselgangster Dieter Degowski (61), der die 15-jährige Geisel Emanuele De Giorgi im Bus kaltblütig erschossen hatte, wurde nach 30 Jahren Mitte Februar aus dem Gefängnis entlassen. Er lebt mit einer neuen Identität an einem unbekannten Ort. Sein damaliger Komplize Hans-Jürgen Rösner (59) will nun auch aus der Justizvollzugsanstalt Aachen entlassen werden. Die Resozialisierungsmaßnahmen haben begonnen.

Sendetermine „Gladbeck“

Mittwoch, 7. März 2018, 20:15 Uhr
Donnerstag, 8. März 2018, 20:15 Uhr

Die Dokumentation „Das Geiseldrama von Gladbeck – Danach war alles anders“ wird am 8. März 2018, 21:45 Uhr ausgestrahlt.