Donnerstag, 15. März 2018, 20:08 Uhr

Filmkritik "Der Hauptmann": Ein Meisterwerk!

Seit heute im Kino: „Der Hauptmann“ erzählt aus dem Chaos der letzten Kriegstage 1945 und wir sind sowas von angetan von Robert Schwentkes erstem deutschen Film seit langem. Er sorgte mit Blockbustern wie „R.E.D.“ oder zuletzt „Die Bestimmung“ für Kassenschlager.

Filmkritik "Der Hauptmann": Ein Meisterwerk!
Foto: Julia M. Müller/ Weltkino Filmverleih

Diese Geschichte ist wahr und so eindringlich, dass man sich fragt, warum man noch nie davon gehört hat. Es ist April 1945 und es liegt noch Schnee, als ein Mann, ein Jüngelchen, in Lumpen über eisbedecktes freies Gelände hetzt. Er wird von einer johlenden Menge – treibende Kraft ist Hauptmann Junker (Alexander Fehling, 36, „Buddy“, „Wir wollten aufs Meer“) im offenen Wagen verfolgt, der immer wieder auf ihn schießt und „Ferkelchen renn!“ brüllt, bevor die „Jagdbeute“ erneut aufs Korn genommen wird.

Der junge Mann, der hier um sein Leben läuft, ist der Gefreite Willi Herold (Max Hubacher, 25, „Nichts passiert“) und er entkommt seinen Verfolgern ganz knapp. Angezogen von einer Rauchfahne findet er kurz darauf einen verlassenen PKW und was da im Schnee vor sich hinkokelt sind Akten. Im Wagen selbst ist ein Koffer, darin eine Uniform.

Willi Herold trägt bis zu diesem Zeitpunkt ein sehr dünnes Tuch um die Schultern und an den Füßen sind dreckige Wickel. Er würde wohl alles anziehen, um sich zu wärmen. Aber dann nimmt er Haltung an, reibt sich nach einem Blick in den Außenspiegel den Dreck mit Spucke aus dem Gesicht und übt schon mal in Haltung und Ton, Untergebene zusammenzustauchen. Die Verwandlung nimmt Gestalt an und ab jetzt führt eins zum anderen.

Bestie mit Babyface

Es folgt eine rasante irrlichternde Fahrt durchs deutsche Hinterland und aus dem Gefreiten „Die Bestie mit Babyface“, der jetzt der Hauptmann ist, wird eine Wehrmachts-Führungskraft, die es in sich hat. Fast wie im Märchen „Hans im Glück“ bleibt jeder, der seinen Weg kreuzt an ihm kleben, nur ist es eben keine goldene Gans, sondern der Schutz der Uniform, hinter der sich Deserteure, Plünderer, Dorfbewohner, Wirte, Prostituierte und Wehrmachtsangehörige aller Ränge, anschließen.

Filmkritik "Der Hauptmann": Ein Meisterwerk!
Foto: Julia M. Müller/ Weltkino Filmverleih

Aus dem hungerndem und frierenden Menschen wird eine Hauptmannfigur, die sich immer weiter in Lügen und Amtsanmaßungen verstrickt. Erst aus Angst, dann kommen Selbstüberschätzung und Größenwahn dazu.

Zu seiner Truppe gehören u. a. die aufgelesenen Deserteure Freytag (Milan Peschel, 50, „Netto“) und Kipinski (Frederick Lau, 28, „Wir waren Könige“). Freytag ist der erste, der auf den neuangezogenen Hauptmann trifft. Da Freytag sofort und unverzüglich Haltung annimmt, ist die Feuertaufe für bestanden. Kipinski, der erst später dazukommt, durchschaut die Maskerade, aber er macht mit. Was für eine Ansammlung von Männern da durch die Gegend marodiert! Und dann geht es los: Das Sonderkommando um den Hochstapler Herold greift durch. Auch ein Massaker muss „seine Ordnung haben“, erklärt Hauptmann Herold irgendwann. Dann stellt er die Gefangenen erst in Reih‘ und Glied auf, bevor sie erschossen werden.

Filmkritik "Der Hauptmann": Ein Meisterwerk!
Foto: Julia M. Müller/ Weltkino Filmverleih

Großartige Kamerabilder

Robert Schwentke (Regie) hat ein Meisterwerk geschaffen: Schauspieler, Drehbuch, Kamera – es stimmt einfach alles! Die Bildsprache des Schwarz-Weiß-Films ist gewaltig. Auf dem spanischen San Sebastián Film Festival, wo „Der Hauptmann“ vergangenes Jahr lief, wurde Kameramann Florian Ballhaus mit dem Jurypreis für die Beste Kamera ausgezeichnet. Er ist der Sohn von Michael Ballhaus, der mit seinen 360-Grad-Kamerafahrten, dem „Ballhaus-Kreisel“, in Filmen von Martin Scorsese oder Rainer Werner Fassbinder Berühmtheit erlang.

Auch im „Hauptmann“ wirbelt die Kamera dynamisch um ihre Akteure. Sie liegt mit Herold auf dem Boden, humpelt mit ihm über die Gleise, oder schwebt hoch erhaben mit ihm über allem. Auch in den Genuss einer 360-Grad-Fahrt kommen die Zuschauer.

Filmkritik "Der Hauptmann": Ein Meisterwerk!
Foto: Julia M. Müller/ Weltkino Filmverleih

Spannend, das einem der Atem stockt, verstrickt sich der Hauptmann immer tiefer in Entscheidungen, die unverzeihlich und unumkehrbar sind. Grandiose Schauspieler, allesamt! Im Abspann fährt die Kampfgruppe Herold durch das heutige Görlitz, plötzlich ist alles in Farbe. Eine kurze farbige Szene gibt es auch in der Mitte des Films: Heutiger Blick auf den Acker, wo früher das Gefangenenlager war. Die Frage, was Herolds Geschichte mit unserer Zeit zu tun hat, muss sich am Ende jeder selbst beantworten.

Fazit: Unbedingt hingehen! Ein Meisterwerk. (Katrin Wessel mit dpa)

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Foto: Julia M. Müller/ Weltkino Filmverleih