Dienstag, 10. April 2018, 8:28 Uhr

Bill Cosby fast blind wieder vor Gericht

Von Amerikas Vorzeige-Vater zum Angeklagten: Nach einem geplatzten ersten Prozess steht Bill Cosby erneut wegen sexueller Nötigung vor Gericht. Das Verfahren könnte einige Wochen dauern – und alle Augen sind auf die Jury gerichtet.

Bill Cosby fast blind wieder vor Gericht
Bill Cosby verlässt den Gerichtssaal. Foto: Corey Perrine/AP

In der US-Ostküstenmetropole Philadelphia wurde der Entertainer 1937 geboren, am Stadtrand lebt er heute in einem Luxusanwesen. Einige Kilometer weiter in den Vororten liegt das Gericht von Norristown, unter dessen grünlich-grauer Kuppel Cosby seit Montag erneut der Prozess gemacht wird. Der Uralt-Comedian, der in den 80er Jahren mit der „Bill Cosby Show“ weltberühmt wurde, ist inzwischen 80 Jahre alt und fast blind. Er geht am Stock und langsam, braucht immer die Hilfe eines Assistenten. Zum Prozessauftakt erscheint er im schwarzen Nadelstreifenanzug mit Krawatte und wirft den vielen Fotografen einen freundlichen Gesichtsausdruck zu.

Auch von einer halbnackten Demonstrantin, die ihm in den Weg springt und ihn als Vergewaltiger beschimpft sowie von einem langen Gerichtstag mit viel Warten nach Zweifeln an der Jury, lässt sich Cosby scheinbar nicht aus der Ruhe bringen. Hin und wieder gähnt er oder fährt sich mit den Fingern durchs Gesicht, ansonsten wirkt er ernst und ein wenig in seinen Gedanken verloren.

Missbrauch 14 Jahre her

Ein dunkler Teil seiner Vergangenheit hat den Entertainer eingeholt. Die frühere Basketballspielerin Andrea Constand, die er einst an der Temple Universität kennenlernte, wirft ihm vor, sie an einem Abend 2004 sexuell missbraucht zu haben. Eigentlich hatte er sich schon ein Jahr danach außergerichtlich mit ihr geeinigt und ihr sogar mehr als drei Millionen Dollar gezahlt, wie Staatsanwalt Kevin Steele zum Prozessbeginn erstmals öffentlich bekanntgibt.

Aber Steele ist es auch, der das Ganze mehr als zehn Jahre später nun noch einmal aufarbeiten will – schon zum zweiten Mal, nachdem ein erster Prozess im vergangenen Jahr scheiterte, weil die Jury sich auch nach tagelangen Beratungen nicht hatte einigen können. Der zweite Prozess fällt nun in die MeToo-Debatte um sexuelle Belästigung von Frauen, was die Brisanz des Falls noch erhöht hat.

„Es geht um Verrat“

„Es geht in diesem Fall um Vertrauen“, sagt Steele in seinem Eröffnungsplädoyer. „Es geht um Verrat und dieser Verrat führte zur sexuellen Nötigung einer Frau namens Andrea Constand.“ Cosby habe Constand Tabletten gegeben und sie dann ohne ihre Zustimmung begrapscht. Drei Fälle sexueller Nötigung werden Cosby vorgeworfen, bei Verurteilung könnte ihm eine lange Haftstrafe drohen.

„Das hier wird schwierig“, sagt Richter Steven O’Neill zum Auftakt im Gerichtssaal A mit rotem flauschigem Teppich, langen Holzbänken und Ölgemälden der Richter an den Wänden. „Es sind außerordentliche Anwälte, die ihren Job machen.“ Der Prozess könne lang werden, von vier Wochen geht er aus.

Juroren dürfen nichts über Prozess lesen

Der Jury – fünf Frauen und sieben Männer – gibt er ausführliche Anweisungen, denn dort liegt nach dem ersten geplatzten Prozess der Knackpunkt. „Ihr habt den Platz in der ersten Reihe und die einzige Meinung von Bedeutung ist eure.“ Aber sie dürften auch mit niemandem über den Prozess reden und nichts darüber lesen, mahnt Richter O’Neill. „Es wird Artikel geben, das liegt in der Natur dieses Prozesses. Wahrscheinlich wird es jeden Tag Artikel geben – aber wenn wir euch die Zeitung bringen und den entsprechenden Artikel vorher ausschneiden müssen, dann machen wir das.“ (Christina Horsten, dpa)