Dienstag, 24. April 2018, 22:15 Uhr

Filmkritik "A Beautiful Day": Rachethriller mit Joaquin Phoenix

Die schottische Independent-Filmemacherin Lynne Ramsay legt einen psychologischen Thriller vor, der streckenweise an den Kinoklassiker „Taxi Driver“ erinnert. In der Hauptrolle: Joaquin Phoenix.

Filmkritik "A Beautiful Day": Rachethriller mit Joaquin Phoenix
Foto: Constantin Film Verleih GmbH

Joe ist Söldner und Spezialist für Kindesentführungen. Der alternde Mann hat im Krieg erlebt, wie Kinder einander wegen eines Schokoriegels töten. Als FBI-Agent hat er ebenfalls mehr als genug Kinderleichen für ein Menschenleben gesehen. In seinem dritten Berufsleben nun tötet er Männer und rettet Kinder. Immer wieder kämpft er so gegen die Urszene seines Lebens an: den Missbrauch durch den eigenen Vater. Diesen verstörten Veteran verkörpert Charakterdarsteller Joaquin Phoenix („Walk the Line“) in dem sehenswerten, psychologischen Rachethriller „A Beautiful Day“.

Gefangen in Pädophilen-Ring

Ein New Yorker Senator engagiert Joe, weil seine minderjährige Tochter Nina von einem Pädophilen-Ring gefangen gehalten wird. Joe schlägt routiniert zu und hinterlässt beinahe keine Zeugen. Doch nachdem er die apathische Nina huckepack aus dem Schlachthaus getragen hat, werden beide von Killerkommandos in Empfang genommen statt von Ninas Vater.

Phoenix bekam für das stille bis gewalttätige Leiden des Söldners mit moralischem Kompass 2017 auf dem Filmfestival in Cannes den Preis als bester Schauspieler. Die schottische Independent-Filmemacherin Lynne Ramsay („We Need to Talk About Kevin“) hatte beim Schreiben des Rachethrillers wohl schon Phoenix vor Augen – sie erhielt in Cannes den Drehbuch-Preis.

Farbsatte, sehr unmittelbar wirkende New-York-Aufnahmen, der brutale Selbstjustiz-Feldzug eines traumatisierten Veteranen – viele Cineasten fühlen sich da an Martin Scorseses Kinoklassiker „Taxi Driver“ aus den 70er Jahren mit Robert De Niro erinnert. Dessen Eröffnungsfahrt durch die Stadt wird in Ramsays Film auch zitiert. Naheliegend, ihn als „“Taxi Driver“ des 21. Jahrhunderts“ zu vermarkten.

Filmkritik "A Beautiful Day": Rachethriller mit Joaquin Phoenix
Foto: Constantin Film Verleih GmbH

Dieses Etikett ist allerdings irreführend. „A Beautiful Day“ ist nämlich etwas sehr Eigenes. Ein Film, der sich Zeit nimmt und soghafte Bilder setzt, um sinnlich zu überwältigen. Szenen großer Hektik und großer Ruhe reichern das düstere Szenario an und stiften eine starke Empfindungsbreite.

Bilder voller hintergründiger Details

Die Sets sind bevölkert von absichtsvollen Details und von Figuren, die ein echtes Eigenleben haben, auch wenn sie nicht lange zu leben haben. Zum Beispiel der angeschossene Handlanger, der einen alten Radioschlager mitsingt, während er stirbt. Oder Joes Mutter, die leicht dement ist und sich anders als der sie pflegende Sohn überaus schalkhaft zeigt.

Filmkritik "A Beautiful Day": Rachethriller mit Joaquin Phoenix
Foto: Constantin Film Verleih GmbH

Joe stolpert dabei durch Großstadtverkehr, durch mitgehörte Gespräche aus anderen Leben und unversehens einer Gruppe ausgelassener Asiatinnen in die Arme. Sie bitten Joe, ein Foto von ihnen zu machen. Schon für diese scheinbar zufälligen, für sich stehenden Seitengeschichten lohnt sich dieser Film. Und für den vielseitigen Soundtrack des Radiohead-Gitarristen Jonny Greenwood.

Die Handlung scheint wie nebensächlich

Bei Joes brutalem Tötungshandwerk und dem schweren Thema Kindesmissbrauch wird „A Beautiful Day“ dagegen ungewöhnlich diskret. Hier wird nicht alles exzessiv ausbuchstabiert; das ist erfreulich unzeitgemäß. Man muss aufpassen, denn vieles Wesentliche steht still im Hintergrund herum oder steckt im Schnitt zwischen zwei Einstellungen. Die Handlung scheint bei aller darstellerischen Brillanz dieses Films fast völlig nebensächlich. Aber das macht überhaupt nichts: Selbst wenn einen Missbrauchs- und Rachegeschichten nicht interessieren, kann man „A Beautiful Day“ wegen seiner Facetten mit Gewinn schauen. (Fabian May, dpa)