18.08.2020 18:00 Uhr

60 Jahre Antibabypille: Verhütungsmittel wird zum „Lifestyle-Bonbon“

Die Antibabypille wird heute 60 Jahre alt. Während das Präparat zu seiner Entstehungszeit als Sensation galt, wird es heute immer kritischer hinterfragt - auch in Bezug auf seine Bedeutung. Frauenärztin Dr. med. Dorothee Struck erklärt, warum.

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Am 18. August 1960 kam die erste Antibabypille in den USA auf den Markt. Zu jener Zeit war das Präparat eine Sensation: die erste Form der hormonellen Empfängnisverhütung. Nur ein Jahr später war die Pille bereits in Deutschland erhältlich. Ursprünglich wurde sie als Mittel gegen Menstruationsbeschwerden vermarktet und nur verheirateten Frauen verschrieben. Dass sie auch vor der Empfängnis schützt, stand lediglich kleingedruckt auf der Packungsbeilage.

Heute, 60 Jahre später, wachsen Frauen meist völlig selbstverständlich mit der Pille auf. Mehr und mehr wird das Konzept des Präparats allerdings in Frage gestellt. Nimmt Frau die Pille heute wirklich noch der Verhütung wegen? Dr. med. Dorothee Struck, Gynäkologin und Autorin von „Verhüten ohne Hormone“, blickt im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news auf die Geschichte der Pille zurück und klärt über ihre heutige Bedeutung auf.

Die Pille feiert heute ihr 60-jähriges Bestehen. Wie blicken Sie als Gynäkologin auf die bisherige Geschichte des Verhütungsmittels zurück?

Dr. Dorothee Struck: Mit gemischten Gefühlen: Ich finde die Pille gut, als ein sicheres Verhütungsmittel, das Frauen erlaubt, ihre Sexualität ohne Angst vor einer ungeplanten Schwangerschaft auszuleben. Ein gutes Verhütungsmittel unter vielen, aber mir ist ein breites Angebot wichtig, damit jede Frau, jedes Paar eine Verhütungsmethode findet, die passt. Die eierlegende Wollmilchsau, super sicher, nebenwirkungsfrei, kostengünstig und reversibel, ist noch lange nicht erfunden. Wir haben aber verschiedene Optionen, unter denen die verschiedenen Pillen und anderen hormonellen Verhüterlis eine sind.

Zweitens liebe ich die Pille als ein effektives Medikament zur Behandlung bestimmter zyklusbezogener oder hormoneller Beschwerden und Erkrankungen. Zum Beispiel behandelt die Pille nicht kausal eine Endometriose, senkt aber das Risiko für einen Rückfall nach einer Operation deutlich und kauft den betroffenen Frauen Zeit für die Familienplanung, da die beste Chance auf eine Schwangerschaft in der Regel im ersten Jahr nach der Endometriose-Operation besteht.

Andererseits sehe ich die Pille auch sehr kritisch, vor allem in der Kommunikation, mit der sie an die Frau gebracht wurde. Der Zyklus unter einer Pille ist immer ein medikamentengesteuerter Scheinzyklus, nie eine echte Menstruation. Das heißt, eine Pille kann nicht zur Zyklusregulierung eingesetzt werden, da der körpereigene Zyklus unterdrückt und nicht „reguliert“ wird.

Dieses Wording oder auch die Bezeichnung, die Pille für das „Menstruationsmanagement“ zu verwenden, halte ich für sehr schwierig. Die Pille stellt einen Pseudozyklus her und bei entsprechender Auswahl des Präparates kann sie fast jeder Frau eine unkomplizierte, regelmäßige, beschwerdearme Blutung verschaffen, aber eben nur einen Scheinzyklus, der den Frauen vorgaukelt, alles sei in Ordnung. Darunterliegende Probleme oder Unregelmäßigkeiten werden unterdrückt und fallen der Frau nicht auf, der Pseudozyklus ist ja regelmäßig.

Aktuell wird die Pille dafür gerade in den Sozialen Medien sehr kritisiert. Aber wie kann ein Medikament dafür kritisiert werden, dass es die Wirkung zeigt, die von ihm erwartet wird? Nämlich die Unterdrückung des Eisprungs und Verhinderung des Aufbaus eines Eibettes für die Einnistung einer Eizelle und statt einer Menstruation erfolgt eine Hormonentzugsblutung. Und wie jedes Medikament, das Wirkungen hat, kommen auch bei einem Teil der Anwenderinnen Nebenwirkungen vor.

Mein Hauptkritikpunkt ist, dass die Pille von einem bewusst eingesetzten Verhütungsmittel zeitweise zu einem Lifestyle-Bonbon verkommen ist, von dem sich Frauen glatte Haut, weniger fettendes Haar und eine zum Strand-Urlaub passend verschiebbare, schwache Scheinmenstruation wünschen.

Warum kommt es immer wieder zu Phasen, in denen die Pille schärfer kritisiert wird?

Struck: Bereits in der Frauengesundheitsbewegung der 60er bis 80er Jahre war die Pille sehr in der Schusslinie von Frauen aus der feministischen Bewegung, aber auch von engagierten Ärzten. Der Grund war damals vor allem die hohe Rate an Thrombosen und Embolien, also schweren Nebenwirkungen, die der höheren Östrogendosierung geschuldet waren. Daneben wurde damals kritisiert, dass die Verantwortung für die Verhütung damit auf die Frau verlagert wird.

Mit der Senkung der Hormonmenge pro Pille flaute die Kritik in den 90er Jahren deutlich ab, schwerwiegende Komplikationen wurden seltener. Heute haben wir mit neueren Progestinen andere Nebenwirkungen, wie häufige Urogenitalinfekte bei einigen Frauen, die wir früher so nicht gesehen haben und die jetzt in der Kritik stehen. Einige neue Progestine steigern auch wieder die Thromboserate.

Aktuell wird eher hinterfragt, warum hormonelle Verhütung von vielen Kollegen so schnell verschrieben wird und so wenig über Nebenwirkungen und Alternativen aufgeklärt wird. Ganz einfach: Beratungszeit wird von den Krankenkassen grottenschlecht honoriert, jedem Pillenpäckchen liegt ein Beipackzettel mit den Nebenwirkungen bei, den die Frau lesen kann. Wir haben natürlich die Sorgfaltspflicht, Kontraindikationen, wie zum Beispiel familiäre Häufung von Thrombosen, Schlaganfällen, Migräne mit Aura etc. auszuschließen und auf schwere Nebenwirkungen hinzuweisen, aber nicht alle auf dem Beipackzettel gelisteten aufzuführen. Hinzu kommt, dass die Pille einfach eine verlockende Patentlösung ist, die vielfach mehrere Probleme gleichzeitig löst: Die junge Patientin ist die Menstruationsschmerzen los und hat gleichzeitig einen sehr sicheren Verhütungsschutz. In Zeiten, in denen Ökonomie und Zeitdruck die Patientenkontakte prägen, ein unschlagbares Argument.

Auch wenn ich selbst ein echter Fan hormonfreier Verhütungsmethoden bin, finde ich die Kritik, die aktuell herrscht, teilweise hanebüchen. Wenn Frauen sich aufregen, ihre Frauenärztin hätte ihnen jahrelang fiese Hormone verschrieben, sie sich aber jahrelang Präparate holen, die nur gegen Vorlage eines ärztlichen Rezeptes in der Apotheken zu erhalten sind und einen sehr eng beschriebenen Beipackzettel mit Auflistung vieler potentieller Nebenwirkungen haben – da muss Frau doch einmal überlegen, dass das Päckchen ein Medikament enthält und keine Bonbons. Für mich wäre es dringend, zu hinterfragen, warum Verhütungsberatung in Deutschland nicht institutionalisiert ist. Die Ausführlichkeit der Beratung hängt an dem Engagement einzelner Frauenärzte, diese ohne adäquate Bezahlung zu leisten.

Über die Nebenwirkungen der Pille wird Ihrer Meinung nach also zu wenig aufgeklärt?

Ja! Gerade bei sehr jungen Frauen stoße ich auf taube Ohren, wenn ich darüber spreche. Was ich auch immer wieder erstaunlich finde, dass viele junge Frauen, die Frage, ob sie Medikamente nehmen, verneinen. Frage ich nach, ob sie mit der Pille verhüten, sagen sie aber Ja. Die Pille ist bei einigen Frauen nicht als Medikament abgespeichert, gehört integral zum täglichen Leben und prägt die Wahrnehmung, wie ein normaler Zyklus abläuft. Das finde ich sehr bedenklich.

(eee/spot)

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