Donnerstag, 15. Februar 2018 21:26 Uhr

„Alles Geld der Welt“ im Kino: Christopher Plummer ist ein Glücksgriff!

Nach dem Rausschmiss von Kevin Spacey: Ocar-Preisträger Christopher Plummer ist John Paul Getty II in „Alles Geld der Welt“ und ein echter Glücksgriff!

"Alles Geld der Welt" im Kino: Christopher Plummer ist ein Glücksgriff!

Foto: Tobis Film

Kennt jemand noch die Sesamstraße mit Oscar, der in der Mülltonne wohnt? So einen penetrant übelgelaunten Kerl spielt Christopher Plummer (88, „The New World“). Dabei war Plummer ursprünglich nur die Nummer 2 bei der Rollenvergabe um den stinkreichen Geizkragen. Regisseur Ridley Scott hat blitzschnell umgeplant, nachdem Kevin Spacey massiven Missbrauchsvorwürfen ausgesetzt war. Spacey hatte die Rolle als knickriger Pfennigfuchser gespielt, alle seine Szenen waren bereits abgedreht, als der Skandal herauskam. Ridley Scott machte ganz schnell eine Rolle rückwärts zur 2. Wahl: Christopher Plummer.

Und was macht der? Keine eingeschnappte Leberwurst, Plummer sagt sofort zu und dreht in nur 10 Tagen die Altersolle seines Lebens, die ihm eine erneute Oscar-Nominierung eingebracht hat. Einen millionenschweren Seelenkrüppel. Plummer spielt Paul Getty II und er macht das so gut, dass man mit Filmbeginn innerhalb von Sekunden die ganze Dramatik um die Besetzungsgeschichte vergisst, denn  Scott hat einen perfiden Thriller gedreht.

Der alte Geldsack mit einem Herz aus Stein

In „Alles Geld der Welt“ gibt es viele Gettys. Paul Getty III (Charlie Plummer), ein Schlacks von Teenager, wird in Rom beim abendlichen Flanieren an der Prostituiertenmeile in einen Transporter gezerrt und entführt.

John Paul Getty II (Andrew Buchan, schlichtweg genial in der britischen Miniserie „Broadchurch“) ist auch ein Getty – ein unbedeutender Schluffi aus dem „Nebenzweig“ der Familie. Mit dem Geld und ohne Verantwortung für gar nichts landet er bis zur Debilität erst im Drogensumpf und dann im Rollstuhl. Als Getty II noch klar im Kopf war, war er verheiratet mit Gail Harris (Michelle Williams, „Brokeback Mountain“) und Getty Nr. III wurde gezeugt. Mit Betonung auf: verheiratet war! Bei der Scheidung wird schon klar, aus welchem Holz Gail geschnitzt ist und auf was es dem alten Geldsack ankommt. Gail geht finanziell leer aus, hat aber dafür ganz bewusst das alleinige Sorgerecht über ihr Kind erstritten. Als Gail von den Entführern, u.a. Chinquanta (der wunderbare Romain Duris, 43, „Der wilde Schlag meines Herzens“, „Der Auftragslover“) ihres Sohnes am Telefon erfährt, was für eine Summe verlangt wird, ist ihr sofort klar, dass sie den alten Geldsack doch nicht los ist aus ihrem Leben.

"Alles Geld der Welt" im Kino: Christopher Plummer ist ein Glücksgriff!

Foto: Tobis Film

„Alles Geld der Welt“ ist ein Kammerspiel-Thriller mit extrem starken Charakteren: die Mutter Gail und Fletcher Chace (Mark Wahlberg), der Sicherheitsbeauftragte von Getty I auf der einen Seite und der blutjunge Getty III mit seinem Bewacher mit dem weichem Herz, Cinquanta (Romain Duris). Aber fernab von Allem hockt die Spinne, Christopher Plummer als Großvater mit einem Herzen aus Granitstein.

Der Wettlauf mit der Zeit beginnt, denn die Entführer haben den Countdown eingeläutet und dann geht der Film ab, dass man die Zeit vergisst. Was Ridley Scott aus dem Effeff beherrscht ist das stringent-temporeiche Erzählen, ohne schluderig zu werden. Jedes Puzzleteil wird einzeln betrachtet und sorgsam gedreht, bevor es eingesetzt wird und manchmal irrt man sich in der Passform und hält wieder nur ein Teil, das nicht passt in der Hand: so bleibt man gespannt, auch wenn der Entführungsfall ja tatsächlich stattgefunden hat, und das Ergebnis bekannt ist – mit all seinen grausamen Details.

"Alles Geld der Welt" im Kino: Christopher Plummer ist ein Glücksgriff!

J. Paul Getty (Christopher Plummer, left), sein Sohn (Andrew Buchan), Paul Getty III (Charlie Shotwell, center-left) und die Schwiegertochter (Michelle Williams). Foto: Tobis Film

Fazit: „Alles Geld der Welt“ ist ein sehr gekonnt schnittig erzählter Thriller von Ridley Scott, der einen hervorragenden Glücksgriff mit der Umbesetzung von Kevin Spacey zu Christopher Plummer gemacht hat. Plummer überzeugt mit seinem behutsamen Spiel auf ganzer Linie als Geizhals, der so knickrig ist, dass jede neue Million, ihn nur noch knauseriger werden lässt. Ein armer Tropf, der nur am Ende seinen Lebens ahnt, was ein ein geglücktes Leben hätte sein können.

Plummer geht mit seiner kurzfristig übernommenen Performance übrigens in das Oscar-Rennen um die beste Nebenrolle. (Katrin Wessel)

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