27.10.2020 14:15 Uhr

Angela Merkel und Donald Trump: Szenen einer tiefen Abneigung

Der Countdown zur US-Wahl läuft. Mit der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel verbindet Donald Trump ein eher unterkühltes Verhältnis.

imago images/UPI Photo

Einmal so, einmal so. Wie das eben so ist mit Donald Trump (74). Mal sagt er das, mal das komplette Gegenteil davon. Kann sein, dass der (noch) amtierende US-Präsident seine berüchtigte Unberechenbarkeit für eine Stärke hält. In punkto Angela Merkel (66) offenbart er allerdings eine gewisse Verlässlichkeit: Über die deutsche Bundeskanzlerin hat er sich überwiegend negativ geäußert. Das reicht in der nach unten offenen Trump-Skala von plump bis pöbelhaft und beleidigend.

Angela Merkel steht so ein Niveau nicht zur Verfügung, ihr Naturell erlaubt ihr keine Herabsetzungen anderer Personen. Kenner der Kanzlerin verweisen jedoch auf Signale ihrer Körpersprache, die darauf hindeuten würden, dass aus Merkel und Trump keine besten Freunde mehr werden. Gut möglich, dass sie am 3. November auf das Votum der amerikanischen Wähler hofft, die ihr ab 2021 den Gesprächspartner Trump ersparen könnten.

Schon vor der US-Wahl 2016 stichelte Trump gegen Merkel

Donald Trump zeigte seine Aversion gegen die Bundeskanzlerin ganz offen, lange bevor er Präsident wurde. Bereits 2015, als Angela Merkel vom US-Magazin „Time“ zur „Person des Jahres“ gekürt wurde und er als Verlierer nur den dritten Rang erreicht hatte, schimpfte er via Twitter: „Sie haben die Person gewählt, die Deutschland ruiniert.“

Auch die erste Begegnung 2017 verlief frostig. Trump verweigerte den Fotografen einen Handschlag mit Angela Merkel. Ein Fauxpas, der seinen Ruf als diplomatischer Rüpel festigte.

Das war die erste Wahrnehmung einer tiefen gegenseitigen Abneigung. In einem Telefongespräch mit dem ukrainischen Staatschef Wolodymyr Selenskyj (42) soll Trump Medienberichten zufolge im Jahr 2019 gesagt haben: „Angela Merkel spricht Ukrainisch, aber sie macht nichts.“

Trump lästerte ungeniert über Angela Merkel

Bei den Diskussionen um den deutschen Nato-Beitrag forderte der Präsident ebenfalls im Jahr 2019 rustikal von der Kanzlerin: „Angela, du musst deine Rechnungen zahlen. Du bist weit hinten dran.“ Der ehemalige Nationale Sicherheitsberater des Präsidenten, John Bolton (71), schilderte in seinem Enthüllungsbuch „Der Raum, in dem alles geschah“ Szenen, bei denen sich Trump wiederholt abfällig über Merkel geäußert habe, sie sei „eine der größten Stepptänzerinnen der Nato“.

Bei einem Telefongespräch mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron (42) soll sich Trump laut Boltons Schilderungen bitter über den „furchtbaren Nato-Partner“ Deutschland beklagt haben. Außerdem kreidete er der deutschen Kanzlerin an, mit dem Projekt Nord-Stream-2-Pipeline dem russischen Präsidenten geholfen zu haben.

Immer wieder hat der US-Präsident der Bundeskanzlerin unterstellt, keine besonders gute Politikerin zu sein. Der US-TV-Sender CNN berichtete im Sommer 2020 unter Berufung auf zwei Insider aus dem Weißen Haus, dass Trump in einem Telefonat mit der Kanzlerin Angela Merkel als „dumm“ bezeichnet hätte.

Ein Foto vom G7-Gipfel 2018 in Kanada sprach ebenfalls Bände: Man sieht die Kanzlerin, die sich auf einem schmalen Tisch abstützt, hinter dem sich Trump auf einem Stuhl verschanzt hat – mit der eindeutigen Körpersprache der Ignoranz, die Arme verschränkt und mit teilnahmslosem Blick. Dicht um Merkel gedrängt stehen die anderen Staats- und Regierungschefs, alle wirken ratlos und erschöpft. Der inzwischen verstorbene republikanische Senator John McCain (1936-2018) twitterte aufgrund dieses Fotos nach dem Gipfel: „Amerika steht an eurer Seite, auch wenn es unser Präsident nicht tut.“

„Donald kommt mit starken Frauen nicht gut zurecht“

Ex-Berater John Bolten sagte dem „Spiegel“, „Trumps Verhältnis zu Merkel […] gehört sicherlich zu den problematischsten, die ich beobachten konnte.“ Der Präsident habe „mitunter Schwierigkeiten mit weiblichen Regierungschefs.“

Die Nichte des Präsidenten, Mary Trump (55), eine promovierte Psychologin, beschreibt in ihrem Buch „Zu viel ist nie genug: Wie meine Familie den gefährlichsten Mann der Welt erschuf“ das Wesen ihres Onkels. Sie glaubt, dass die Bundeskanzlerin „ihn intellektuell locker übertreffen“ kann. „Ich denke, er hasst das. Und es macht ihn verrückt.“ Sein schwieriges Verhältnis zu Angela Merkel liege darin begründet, dass die Kanzlerin eine starke Frau sei. „Und Donald kommt mit starken Frauen nicht gut zurecht.“

Prof. Andreas Falke vom Lehrstuhl für Auslandswissenschaften an der Universität Erlangen-Nürnberg meinte in einem Interview mit der „Nürnberger Zeitung“: „Frau Merkel und Herr Trump werden sich nie richtig mögen. Sie sind vom Charakter und Stil her viel zu weit voneinander entfernt.“

Falke spielte auf die erste Begegnung der beiden an: „Sehr ungehörig war Trumps Versuch, Merkel mit ins Boot zu holen, indem er darauf verwies, dass sie beide von Obama abgehört worden seien. Das war einfach unter der Gürtellinie und typisch für Trump.“ Bei dieser Bemerkung des Präsidenten schaute die Kanzlerin völlig entgeistert drein. Falke: „Deshalb wird Merkel nie eine wirklich enge Beziehung zu Trump aufbauen können, sie wird ihm wohl immer in einer gewissen Abwehrhaltung gegenübertreten.“

Galerie

Hat Trump Angela Merkel „verzaubert“?

Auf ihre stille Art zeigte die Kanzlerin durchaus ihre Distanz zu Trump. Beispielsweise sagte sie der „SZ“: „Wir sind aufgewachsen in der Gewissheit, dass die USA Weltmacht sein wollen. Wenn sich die USA nun aus freiem Willen aus der Rolle verabschieden sollten, müssten wir sehr grundsätzlich nachdenken.“ 2019 forderte sie als Gast der Elite-Uni Harvard Tausende von Studenten auf, „global statt national“ zu denken. Dagegen sagte Trump vor den Vereinten Nationen: „Die Zukunft gehört nicht den Globalisten, sondern den Patrioten“.

Allerdings hatte Trump auch Sympathien für die Kanzlerin gezeigt. „Sie ist wirklich eine fantastische Frau“, sagte er über Merkel nach dem Nato-Gipfel in London Ende 2019. Zuvor bekam die „großartige Freundin“ von ihm im Juni 2019 beim G20-Gipfel im japanischen Osaka sogar Küsschen auf die Wange. Ihr Blick sprach jedoch wieder Bände…

Vor einigen Monaten hatte Richard Grenell (54), früherer US-Botschafter in Berlin, beim Parteitag der Republikaner gesagt, der US-Präsident hätte die Kanzlerin „verzaubert“. Merkel reagierte auf die Nachfrage bei der Bundespressekonferenz etwas verstört: „Was hätte er? Mich…?“ Ein Pressevertreter wiederholte: „Verzaubert.“ Merkels Antwort: „Ach so.“

(ln/spot)