Annabelle Mandeng über Rassismus: „Irgendwann wurde ich wütend“

Annabelle Mandeng gelang mit "Berlin Alexanderplatz" 2020 der schauspielerische Durchbruch. (tae/wag/spot)
Annabelle Mandeng gelang mit "Berlin Alexanderplatz" 2020 der schauspielerische Durchbruch. (tae/wag/spot)

©2020 Daniel Sonnentag

03.09.2021 22:31 Uhr

Annabelle Mandengs Buch "Umwege sind auch Wege: Vom Schwarzsein und anderen Abenteuern" erscheint am 3. September. Ihre Geschichte ist so facettenreich wie sie selbst, was im Interview mit spot on news deutlich wird.

Annabelle Mandeng (50) ist ein wahres Multitalent: Schauspielerin, Moderatorin, Synchronsprecherin, Unternehmerin… und nun auch Buchautorin. Ihr autobiografisches Erstlingswerk „Umwege sind auch Wege: Vom Schwarzsein und anderen Abenteuern“ erscheint am 3. September.

Zu erzählen hat Mandeng darin viel: Als Tochter einer deutschen Mutter und eines kamerunischen Vaters verbrachte sie ihre Kindheit und Teenagerjahre teils im beschaulichen Bad Zwischenahn (Niedersachsen) und teils in Togo und Pakistan. Später baute sie sich eine erfolgreiche Karriere in Film und Fernsehen auf. 1994 wurde sie hierzulande die erste deutsche schwarze Fernsehmoderatorin, vergangenes Jahr feierte man sie als Schauspielerin auf der Berlinale für ihre Darstellung in „Berlin Alexanderplatz“.

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Leicht war der Weg zum Erfolg jedoch nicht, wie die 50-Jährige, die sich selbst als „professionelle Autodidaktin“ bezeichnet, in ihrem Buch und im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news deutlich macht. Sie überlebte mehrere schwere Unfälle, musste sich in der Folge insgesamt zwölf Operationen unterziehen, und auch Diskriminierung aufgrund ihrer Hautfarbe ist Mandeng nicht fremd. Aus den Rückschlägen hat sie gelernt, „nichts für selbstverständlich“ zu nehmen, sagt die Neuautorin. Im Gespräch verrät sie außerdem, inwiefern sie unterschiedliche Kulturen prägten, wie sie mit Anfeindungen umgeht und was sie bereits über ihre Rolle in der kommenden Netflix-Serie „Vikings: Valhalla“ verraten darf.

Moderatorin, Schauspielerin, Malerin, Synchronsprecherin… Sie sind vielseitig begabt. Wie bekommen Sie all Ihre Talente unter einen Hut?

Annabelle Mandeng: Ich mache einfach eins nach dem anderen, gehe von der Bühne ins Tonstudio und danach ans Set. Und zwischendurch male ich. Das lässt sich alles koordinieren und mir macht die Abwechslung einen Riesenspaß.

Sie nennen sich selbst eine professionelle Autodidaktin. Was verstehen Sie unter diesem Begriff?

Mandeng: Genau das. Ich habe mir alles selbst beigebracht, habe durch Erfahrung und Arbeit gelernt, aber außer meinem amerikanischen High School Abschluss und dem deutschen Abitur keine akademische Ausbildung vollzogen. Learning by doing trifft zu 100 Prozent auf mich zu.

1994 waren Sie die erste deutsche schwarze Moderatorin im deutschen Fernsehen. Macht Sie das immer noch stolz?

Mandeng: Natürlich.

Insgesamt zwölf Operationen mussten Sie bereits hinter sich bringen. Dafür braucht es nicht nur körperliche, sondern auch mentale Stärke. Wie haben Sie das durchgestanden?

Mandeng: Es gab keine andere Alternative. Zumindest nicht für mich. Jedes Mal, wenn ich an dem Scheideweg stand, zwischen schmerzfreiem Leben, selbstbestimmter Fitness, Beweglichkeit und Gesundheit oder einem Leben mit Schmerzen und Schmerztabletten, Unbeweglichkeit und schlechter Kondition zu wählen, habe ich den ersteren Weg gewählt. Dazu brauchte es nicht unbedingt mentale Stärke, sondern rationales Handeln. Sich anders zu entscheiden, ergab und ergibt für mich einfach keinen Sinn.

Was haben Sie aus diesen Rückschlägen gelernt?

Mandeng: Sehr viel! Sehr viel Gutes vor allem. Ich bin zäh, voller Lebensfreude und tiefer Dankbarkeit, nehme nichts für selbstverständlich und habe einen tiefen Glauben an meine eigene Stärke entwickelt – was mich mein Leben mit Humor meistern lässt.

Sie sind ein sportbegeisterter Mensch. Wie halten Sie sich so fit?

Mandeng: Ich gehe regelmäßig laufen und ins Studio, um zu kickboxen oder Krafttraining zu machen. Dazu kommen Yoga und gesunde Ernährung.

Ihre Kindheit verbrachten Sie in Deutschland, Togo und Pakistan. Inwiefern prägten Sie die unterschiedlichen Kulturen?

Mandeng: Mit Deutschland bin ich natürlich am stärksten verbunden. Hier wurde ich geboren, habe hier meistens gelebt und tue es noch – und das wirklich unheimlich gerne, vor allem hier in Berlin. Die Jahre in Togo in meiner Kindheit haben mich meine westafrikanischen Ursprünge besser verstehen lassen, während mich Pakistan als Jugendliche stark geprägt hat. Mir wurde die Freiheit in der deutschen Gesellschaft extrem bewusst, aber ich habe auch gelernt, dass es Unterschiede in den einzelnen Kulturen gibt, die es zu respektieren gilt, ohne sie zu verurteilen. Ich denke, summa summarum bin ich an diesen Auslandsaufenthalten gewachsen, bin aufmerksamer geworden und habe einen natürlichen Umgang mit Menschen verschiedenster Ursprünge entwickelt.

Welche Diskriminierungen mussten Sie in Ihrem Leben bereits erleben und wie haben Sie darauf reagiert?

Mandeng: Ich wurde aufgrund meiner Hautfarbe diskriminiert und war jedes Mal geschockt und traurig, aber irgendwann wurde ich wütend. Mittlerweile habe ich zum Teil sogar Mitleid für solche dummen Menschen, die meinen, sich über andere erheben zu können. Ich bin kein Mensch, der sich leicht unterkriegen lässt. Spuren hat das bei mir daher nicht hinterlassen, höchstens eine Art von Müdigkeit.

Sie kritisieren strukturellen Rassismus in der Filmbranche. Was müsste getan werden, damit sich die Situation verbessert?

Mandeng: Die Situation verbessert sich bereits. Die Zeit dafür ist überreif und das weiß die Branche auch und reagiert dementsprechend. Dennoch ist da einfach noch sehr viel Luft nach oben. Geschichten sollten in all ihrer Vielfalt – die sich ja mittlerweile auch in unserer Gesellschaft widerspiegelt – erzählt werden. Und zwar durch diverse Menschen vor und hinter der Kamera. Nach und nach passiert das auch. Solange wir aber dafür kämpfen müssen, dass Männer und Frauen in unserer Gesellschaft gleichberechtigt behandelt werden, wird es leider auch noch dauern, bis erkannt wird, dass ethnische Hintergründe, Körperformen, physische und psychische Einschränkungen oder sexuelle Vorlieben ebenfalls kein Thema mehr sein sollten.

Wie sollte man reagieren, wenn man Rassismus im Alltag erlebt?

Mandeng: Darüber sprechen, es offen legen, eventuell Anzeige erstatten. Das muss aufhören.

Sie haben kürzlich in Irland für die Netflix-Serie „Vikings: Valhalla“ gedreht. Was dürfen Sie bereits darüber verraten?

Mendeng: Leider nichts. Außer, dass ich Altöra spiele, die Chefin der Shield Maidens, und mit Schild und Schwert kämpfe.

Wie kam es zu der Rolle? Was fasziniert Sie an den Wikingern?

Mendeng: Es wurde eine große athletische Frau gesucht, die Hautfarbe spielte keine Rolle. Ich habe im Casting überzeugt und bekam die Rolle. Die Wikinger waren ein kämpferisches Entdeckervolk mit starken Frauenfiguren. Genau das ist der Teil, der mich am meisten fasziniert – im Gegensatz zu den Raubzügen – und der auch gerade in „Vikings: Valhalla“ durch meine Rolle und die anderen weiblichen Rollen betont wird.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Mendeng: Vor allem wünsche ich mir, dass immer mehr Menschen Diversität umarmen und feiern. Und ich möchte das gesund und fit erleben können.

Gibt es eine Lebensweisheit, die Sie weitergeben möchten?

Mandeng: Aufgeben gilt nicht.