21.08.2020 16:00 Uhr

Annett Louisan: Für ihre Tochter sind Masken schon normal

"Seit der Corona-Krise habe ich das Bedürfnis nach einer heilen Welt", verrät Annett Louisan im Interview. So erlebt sie mit ihrer Familie die Pandemie.

Sony Music

Sängerin Annett Louisan (43) hat sich während des Corona-Lockdowns neu entdeckt – inklusive ihrer Freude daran, Songs zu covern. Binnen kurzer Zeit entstand das Album „Kitsch“, das am 21. August erscheint. Darauf covert die Sängerin Songs wie „Atemlos“ von Helene Fischer oder „Nights in White Satin“ von The Moody Blues (1967). Im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news spricht sie über ihr neues Projekt und die persönlichen Auswirkungen der Corona-Krise.

Ihr neues Cover-Album heißt schlichtweg „Kitsch“. Was hat es mit dem Namen und dem neuen Album auf sich?

Annett Louisan: „Kitsch“ ist, wie schon mein erstes Coveralbum „Berlin, Kapstadt, Prag“ die Geschichte einer Reise. Diesmal keiner Reise um die Welt, sondern einer Reise nach innen. If you can’t go outside, go inside. „Kitsch“ ist eine zärtliche Verneigung vor Titeln, die aus unterschiedlichen Generationen von Künstlern stammen, und denen alle die Gemeinsamkeit innewohnt, uns zu berühren, und zwar in unterschiedlichen Gefühlslagen.

In dieser ganzen Lockdown-Zeit habe ich so viel Musik gehört wie schon lange nicht mehr. Die Zeit, die ich für mich hatte, habe ich mit Musikhören verbracht und das hat etwas mit mir gemacht. Ich musste diese Gefühle aufnehmen!

Weshalb ein Cover-Album, und keine neuen eigenen Songs?

Louisan: Nachdem ich schon so lange Musik mache, finde ich es wichtig, aus der Routine auszubrechen, um mich herauszufordern. Ich glaube, dass jeder Musiker eine eigene Version eines Liedes in sich hat. Früher war das eigentlich Standard, die ganzen Klassiker nachzusingen.

Seit der Corona-Krise habe ich das Bedürfnis nach einer heilen Welt – und eben diese habe ich für mich in der Musik gefunden. Diese Lieder erinnern mich alle an mich. Für mich ist Kitsch auch kein negativ besetzter Begriff. Meine wahren Gefühle sind oft sehr kitschig und überzogen. Ich war schon immer mehr Gefühl als Vernunft. In den englischsprachigen Liedern kommt diese Seite an mir noch stärker zum Vorschein. Dort kann ich sie vor allen Dingen sprachlich noch stärker ausleben.

Ich habe noch nie Lieder in einer anderen Sprache als Deutsch aufgenommen. Das ist das erste Mal, dass ich mich getraut habe auf Englisch zu singen. Ich glaube, dass ich mich jetzt an dieses Projekt herangetraut habe, weil ich mittlerweile viel Erfahrung gesammelt habe und weiß, wer ich bin und wie ich klingen will. Ich bin mit englischsprachigen Liedern aufgewachsen, sie sind Teil meiner musikalischen DNA. Ich weiß, dass ich nie so klingen werde wie ein Native Speaker, genau diesen Akzent finde ich so spannend!

Wie haben Sie als Künstlerin die Zeit während des Corona-Lockdowns erlebt?

Louisan: Ich hatte wahnsinniges Glück, gleich nach dem Corona-Lockdown dieses Projekt starten zu dürfen. Für meine Branche ist 2020 eine harte Nuss. Mir geht es gut, denn ich habe vergangenes Jahr noch eine große Tour gespielt. Aber für die Leute, die nicht länger als drei Monate ohne Auftritte durchhalten, ist das eine Katastrophe – für die kleinen Clubs, für Theater, für Freiberufler. Eine furchtbare Tragödie.

Für mich ist es psychologisch schwierig, dass ich vorerst keine Konzerte geben kann. Am Anfang habe ich versucht, das so hinzunehmen und zu akzeptieren, aber so langsam – jetzt, wo das alles in meinem Kopf angekommen ist – hoffe ich einfach nur, dass es nächstes Jahr nicht so weitergeht. Hoffentlich können wir nächstes Jahr wieder Konzerte spielen. Niemand kann sagen, ob die Leute bereit sein werden, zu Konzerten zu gehen und wie groß diese Konzerte dann sein dürfen. Die Menschen haben eine berechtigte Angst davor, sich jetzt Tickets zu kaufen.

Galerie

Wann wieder Konzerte mit vielen Zuschauern erlaubt sein werden, ist momentan nicht einschätzbar. Wie gehen Sie mit dieser Ungewissheit um?

Louisan: Ich versuche, mich nicht über verpasste Chancen zu ärgern und nicht so viel Angst zu haben. Das ist mir ganz gut gelungen, vielleicht auch, weil ich ein dreijähriges Kind habe und deshalb wenig Zeit zum Nachdenken. Drei Monate lang ohne Kita, ohne Großeltern, ohne Freunde und Spielplätze: Das ist nicht unbedingt leicht und immer spaßig, sondern war auch anstrengend. Ich ziehe meinen Hut vor allen alleinstehenden Eltern, die auch noch Homeschooling und Homeoffice machen mussten. Aber ich bin dankbar, dass ich mir intensiv so viel Zeit mit meiner Tochter nehmen konnte. Und man lernt sich neu kennen und ist vielleicht auch überrascht von sich selbst.

Wie geht Ihre Tochter mit der Situation um?

Louisan: Meine kleine Tochter nimmt Sachen schnell als selbstverständlich. Für mich sind Menschen mit Masken nach wie vor ein ungewöhnliches Bild, aber nicht für sie. Meine Tochter hat mich sogar wie selbstverständlich an meine Maske erinnert. Für sie ist das schon normal. Schon ein wenig gruselig.

Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn wieder so etwas wie Normalität eingekehrt?

Louisan: Ich glaube, dass nach dieser Zeit ein unglaublich positiver Schub kommen wird. Da werden die Leute wieder Bock haben, zu reisen, zu feiern und unter Menschen zu gehen. Darauf freue ich mich.

(sob/spot)

Das könnte Euch auch interessieren