Antifeminismus: „Sex and the City“ hat gesellschaftskritisch versagt

Sex and the city

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15.01.2021 19:00 Uhr

Hand aufs Herz: Wir alle haben „Sex and the City" geliebt. Seither hat sich politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen aber so einiges getan. Heute wäre die Serie wohl eine ganz andere, denn Themen wie Sexismus, Rassismus oder Nachhaltigkeit fanden damals keinen Platz in der Story.

Über 20 Jahre ist es her, dass „Sex and the City“ zum ersten Mal über die Bildschirme flimmerte und TV-Geschichte schrieb. Noch nie zuvor sprachen Frauen in einer Serie so offen über ihre Sexualität und führten ein vermeintlich emanzipiertes Leben wie Carrie, Samantha, Charlotte und Miranda. Jetzt wird die Kultserie unter dem Titel „And just like that…“ fortgesetzt. Doch in den vergangen Jahren hat sich unsere Gesellschaft maßgeblich weiter entwickelt. Die Frauenbilder und so manche Aussagen aus der Serie sind heute ein echtes No-Go.

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    Darum fällt „Sex and the City“ gesellschaftskritisch durch

    Carrie und Mr. Big waren damals für viele das absolute Traumpaar. Wäre Carrie eine Freundin von uns und die beiden würden sich heute kennenlernen, hätten wir nur einen Rat: Lauf weg! Und zwar so schnell du kannst! Denn betrachtet man die Kultserie heute einmal genauer, ist Mr. Big doch eigentlich viel weniger Traummann und viel mehr Inbegriff einer toxischen Verbindung und König aller Fuckboys. Heute wäre Carrie wohl besser dran, wenn sie sich zur Abwechslung mal für sich selbst und nicht für den Mann, der sie nie gar nicht aber eben auch nie ganz wollte (dieses Verhalten nennt man übrigens Benching), entscheiden würde.

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    Einschneidende politische Ereignisse wie beispielsweise 9/11 wurden bei „Sex and the City“ übrigens einfach ignoriert und das, obwohl die Serie genau am Ort des Geschehens in New York spielt. Die einzige Reaktion? Man hat die Twin Tower aus dem Vorspann geschnitten und durch das Empire State Building ausgetauscht. Das wäre heute undenkbar. Auch in Sachen Nachhaltigkeit und Tierschutz kann „SATC“ keinen Award einheimsen: Angeblich hat es nicht ein Outfit doppelt in die Serie geschafft. Außer einem einzigen: Ausgerechnet ein Pelzmantel. Liebe Grüße an Peta! An Oberflächlichkeit sind Carrie, Charlotte & Co. wohl kaum zu übertreffen: Die einzigen Themen, die die Ladies zu besprechen haben drehen sich scheinbar um Männer, Partys, Schuhe und Sex. Gesellschaftskritische oder politische Diskussionen? Fehlanzeige. Das typische Klischeebild einer Frau, gegen das heute so viele Menschen kämpfen.

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    Falscher Feminismus und Klischee-Frauenbilder

    Die Frauenfiguren, die in „Sex and the City“ dargestellt werden, sind ziemlich eindimensionale und noch dazu politisch vollkommen unkorrekt. Da wäre zum Beispiel die konservative Charlotte, die sich ganz offen und rassistisch weigert, in einem Fünf-Sterne-Ressort auch nur irgendein Lebensmittel anzurühren, weil es sich eben in Mexiko befindet und die ihre Freundinnen ständig auf Grund ihres Sexlebens kritisiert. Republikanerin ist sie übrigens auch noch.

    Auch an Hauptdarstellerin Carrie, die immerzu nach der ganz großen Liebe sucht (Selbstliebe wäre vielleicht ein guter Anfang gewesen), kann man leider kein gutes Haar lassen, wenn es um „Political Correctness“ geht. Dass sie eine Sex-Kolumnistin ohne jegliche ethische Standards ist, beweist sie in der Folge, in der sie ihre BFF Samantha dafür verurteilt, eine Frau zu daten. Das macht sie nicht nur zu einer schlechten Freundin, sondern auch zu einer Frau mit homophoben Ansichten. Dazu, dass sie lieber in eine Bar, statt zur Wahl geht, brauchen wir wohl nicht viel sagen – oder? Vorbild sein geht auf jeden Fall anders.

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    Selbst Samantha würde heute durchfallen

    Samantha scheint auf den ersten Blick wie eine Feministin zu wirken: Eine Frau, die alles machen kann, was sie will. Im Leben, im Beruf und auch, wenn es um Sex geht. Heute wirft jedoch auch diese Rolle einige Fragen auf. So wertet sie in einer Folge eine Trans-Sexarbeiterin auf Grund ihrer Tätigkeit ab, verlässt einen Mann, den sie zwar liebt, aber dessen Penis ihr „zu klein“ ist und will sich politisch eher nicht positionieren, denn Samantha glaubt nicht „an die republikanische oder die demokratische Partei“ sonder „nur an Partys“. Wow!

    Miranda, die damals eher als der langweiligere Charakter galt, würde heute wohl noch am ehesten als Vorbild abschneiden. In der Serie wurde sie oft als zynische Zicke dargestellt. So wie Frauen nun mal sind, die erfolgreich Karriere machen. Miranda sorgt für sich selbst und feiert ihre Erfolge, ohne sich zu schämen. Gute Voraussetzungen. Allerdings tut sie  zwischenzeitlich so, als wäre sie lesbisch, um sich in ihrer männerdominierten Kanzelei einen Vorteil zu verschaffen. Eine weiße Weste hat also auch dieser Charakter nicht.

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    #Wokecharlotte

    Der Instagram-Account @everyoutfitonsatc, der es sich eigentlich zur Aufgabe gemacht hat die extravaganten Outfits der Kultserie zu dokumentieren, veröffentlicht unter dem Hashtag #wokecharlotte einige der kontroversesten Aussagen, die die Serie zu bieten hatte. In den Beiträgen lassen sie ausgerechnet Protagonistin Charlotte, die konservativste der vier Ladies, zeitgemäß auf die Aussagen reagieren und ihre Freundinnen belehren. Wie wichtig das ist, zeigen die höchst fragwürdigen Aussagen, die die New Yorkerinnen in der Serie zu allen erdenklichen Themen treffen, die uns erst heute so richtig bewusst werden.

    So behauptet Carrie in einer Folge Beispielsweise, dass Bisexualität nicht existiere und es sich dabei nur um eine Art Übergangsphase zum Schwulsein handle. Bitte?? In dem dazugehörigen Post auf @everyoutfitonsatc weist #wokecharlotte sie zurecht darauf hin, dass es sich dabei um eine ganz normale sexuelle Orientierung handelt und gerade Carrie als Sexkolumnistin die Verantwortung hat, sich auch mit Queer-Themen zu befassen. Recht hat sie!

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    Hauptdarstellerin kritisiert „Sex and the City“

    Auch die Schauspielerinnen der vier Kult-Darstellerinnen sehen heute so einiges anders. Cynthia Nixon, die die Miranda spielt, gesteht vor einiger Zeit in einem Interview: „Den Cast würde und könnte es so heute nicht mehr geben.Was denken diese Frauen, was wahre Liebe ist? Ein Mann, der genug Geld hat, um Dir einen begehbaren Kleiderschrank zu kaufen?“ Was die Serie so erfolgreich machte, war nicht nur die Handlung. Auch die Optik der vier Hauptdarstellerinnen spielte eine große Rolle. Heute wäre die Besetzung in Nixons Augen jedoch eine andere: „Ich glaube auf jeden Fall, dass wir heute nicht mehr alle weiß wären. Gott bewahre. Ich denke, dass wir heute nicht mehr alle so aussehen würden. Es gibt viele Möglichkeiten, wie Menschen visuell überzeugend sein können, ohne perfekt auszusehen.“

    Cynthia Nixon

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    „And just like that…“

    Dass eine Serie nun zwanzig Jahre nach ihrem Erscheinen nicht mehr dem aktuellen Zeitgeist gerecht werden kann, ist natürlich völlig logisch: „Sex and the City“ wäre heute nach all den politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen sicherlich eine ganz andere Serie geworden. Ob die Fortsetzung zeigt, dass Carrie, Miranda und Charlotte (Samantha wird nicht dabei sein) in den Jahren ihrer Abwesenheit eine Entwicklung in Sachen Political Correctness durchlebt haben? Immerhin schreiben wir inzwischen das Jahr 2021 und ganz ehrlich: Wir wünschen uns für „And just like that…“ nichts sehnlicher, als das Themen wie Sexismus, Feminismus, Rassismus und Nachhaltigkeit auch an den New Yorker Ladies nicht vorbeigegangen sind! (AB)