Samstag, 3. März 2018 20:14 Uhr

Axel Ranisch: Der große „Tatort“-Improvisator darf wieder ran

Vor einem Jahr empfand manch einer den ersten „Tatort“ des Filmemachers Axel Ranisch als den schlechtesten aller Zeiten. Das freundliche Multitalent zeigt sich trotz solcher Kritik uneinsichtig. Gut so?

Axel Ranisch: Der große "Tatort"-Improvisator darf wieder ran

Ulrike Folkerts und Regisseur Axel Ranisch bei Dreharbeiten. Foto: Uwe Anspach

Er ist der Mann, der vor einem Jahr die „Tatort“-Welt mit dem improvisierten Krimi „Babbeldasch“ in Wallung brachte und eine Debatte über zu viele Experimente in der ARD-Reihe auslöste: der 34 Jahre alte Filmemacher Axel Ranisch. Am Sonntag (4. März, 20.15 Uhr) steht sein zweiter „Tatort“ mit Ulrike Folkerts als Lena Odenthal im Programm des Ersten: der Gruselkrimi „Waldlust“. Die „Bild“-Zeitung nannte Ranischs ersten Odenthal-Krimi den „schlechtesten „Tatort“ aller Zeiten“ (SchleTaZ) und warnte damals bereits vor dem zweiten, der zu diesem Zeitpunkt bereits abgedreht war.

Drehen ohne Drehbuch mit Text

Der Unterschied bei der Produktion ohne festes Drehbuch ist diesmal, dass mehr Profi-Schauspieler agieren und nicht fast ausschließlich Laien und Amateurschauspieler wie bei „Babbeldasch“. Die Darsteller erfuhren erst kurz vor der Szene die jeweilige Handlung.

Der Programmdirektor des Ersten, Volker Herres, sagte der „Bild am Sonntag“ nach der „Babbeldasch“-Ausstrahlung vor einem Jahr, Experimente seien ja okay, „solange es nicht in einen Wettlauf der Redaktionen mündet, wer den abgedrehtesten Film produziert“. Später wurde dann bekannt, dass ARD-intern über eine Beschränkung von Experimenten beim „Tatort“ – auf zwei pro Jahr – nachgedacht wird, wobei unklar blieb, was eigentlich als Experiment gilt und was eben nicht und wer bitteschön das wann und wie einschätzt oder zählt.

„Ein wildes Experiment“

Auslöser für die inzwischen unübersichtliche Debatte war Ranischs Krimi, der im Februar 2017 nur 6,34 Millionen Zuschauer hatte. Bei erneut geringer Quote könnte die Diskussion wieder aufflammen.

Axel Ranisch: Der große "Tatort"-Improvisator darf wieder ran

In der morbiden Atmosphäre des Lorenzhofs fällt es schwer, bei Humpes (Heiko Pinkowski) blutiger Schürze nur an Metzgersarbeiten zu denken … Foto: SWR/Martin Furch.

Ranisch selbst sagt dazu ein Jahr nach „Babbeldasch“: „Wir haben mit großer Leidenschaft ein wildes Experiment gewagt. Einige haben uns dafür gefeiert, andere fanden es fürchterlich. Natürlich trifft mich Kritik. Ich möchte schließlich auch nur geliebt werden.“ Einsichtig sei er deshalb aber noch lange nicht: „Wenn wir nichts mehr wagen und uns in vorauseilendem Gehorsam selbst beschneiden, nur um nicht anzuecken, dann können wir das Filmemachen auch sein lassen.“

Bammel vor der Ausstrahlung seines zweiten „Tatorts“ habe er jedenfalls nicht: „Ich hab die Kritik zum ersten ja auch verkraftet. Doller kann’s kaum werden.“ Kritik aus der ARD habe er keine direkt bekommen: „Das Experiment war eine Gemeinschaftstat. Die ganze SWR-Redaktion stand geschlossen hinter mir und dem Film.“

Axel Ranisch: Der große "Tatort"-Improvisator darf wieder ran

Ortspolizist Jörn Brunner (Jürgen Mauerer) und Humpe (Heiko Pinowski) sind alte Feinde. Foto: SWR/Martin Furch

ARD-Zuschauer kennen Ranisch auch als Darsteller des pausbäckigen Ermittlers Schröder – aus der MDR-Krimireihe „Zorn“. Ende Februar erschien zudem sein erster Roman „Nackt über Berlin“, in dem zwei Teenager ihren Rektor in dessen eigener Wohnung einsperren.

Berliner Tausendsassa

Seit Jahren macht der Berliner als Regisseur von sich reden. Ranisch inszenierte bereits in München an der Staatsoper und brachte kürzlich am Jugendtheater Parkaue in Berlin den Christine-Nöstlinger-Klassiker „Konrad oder Das Kind aus der Konservenbüchse“ auf die Bühne. Als sein filmischer Ziehvater gilt Rosa von Praunheim, der Schwulenaktivist mit Hang zum Unkonventionellen („Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“, „Die Bettwurst“), bei dem er unter anderem studierte.

Axel Ranisch: Der große "Tatort"-Improvisator darf wieder ran

Das Ludwigshafener Tatort-Team um Ulrike Folkerts. In der Mitte Regisseur Axel Ranisch mit seiner Oma Ruth Bickelhaupt. Foto: SWR/Martin Furch

Ranischs originelle Werke drehen sich meist um Außenseiter, etwa der Low-Budget-Film „Dicke Mädchen“ über eine unerwartete Männerliebe oder der Schlagerfilm „Ich fühl mich Disco“. Hochgelobt wurde auch seine einfühlsame Alkoholismus-Tragikomödie „Alki Alki“.

Privat lebt der „Tatort“-Experimentator Ranisch seit einigen Jahren in einer Lebenspartnerschaft: „Noch sind Paul und ich nicht offiziell verheiratet.“ Das will das Paar aber bald mit der Ehe für alle nachholen: „Einzig die Zeit hat es noch nicht erlaubt. Freunde und Familie sind aber ganz scharf auf eine große Feier.“ (Gregor Tholl, dpa)

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