Balance finden: Wie Ernährung unseren Säure-Basen-Haushalt reguliert

Basen sind vor allem in Gemüse, Salat und Obst enthalten. (eee/spot)
Basen sind vor allem in Gemüse, Salat und Obst enthalten. (eee/spot)

RossHelen / Shutterstock.com

08.02.2021 15:52 Uhr

Damit unser Körper einwandfrei funktioniert, ist auch ein ausgeglichener Säure-Basen-Haushalt wichtig. Prof. Dr. Jürgen Vormann verrät im Interview, welche Ernährung für die richtige Balance sorgt.

Der Säure-Basen-Haushalt ist ein komplexer Regulierungsmechanismus, dessen Balance für unseren Körper wichtig ist. So kann ein Überschuss an Säure gravierende Folgen mit sich bringen und zu langfristigen Schäden führen. Prof. Dr. Jürgen Vormann, Autor von „Wunderwaffe Basenfood“ (Becker Joest Volk Verlag), verrät im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news, wie diese Folgen aussehen und wie sich der Säure-Basen-Haushalt mit der richtigen Ernährung regulieren lässt.

Wofür ist der Säure-Basen-Haushalt zuständig?

Prof. Dr. Jürgen Vormann: Für unseren Stoffwechsel ist es von fundamentaler Bedeutung, das richtige Gleichgewicht zwischen Säuren und Basen aufrecht zu erhalten. Änderungen der Säurekonzentration haben dramatische Auswirkungen auf die Struktur von biologischen Substanzen und zum Beispiel auf die korrekte Funktion von Enzymen. Aus diesem Grund muss die Säurekonzentration im Blut aber auch in unseren Zellen innerhalb sehr enger Grenzen konstant gehalten werden. Ein Überschuss von Säure muss deshalb durch Basen neutralisiert werden.

Mit der Nahrung nehmen wir ständig Säuren und Basen zu uns, bei unserer üblichen Ernährung sind jedoch meistens die Säuren gegenüber den Basen im Überschuss. Insgesamt muss in unserem Körper aber das Verhältnis von Säuren und Basen auch bei stark unterschiedlicher Zufuhr ausgeglichen sein. Der Säure-Basen-Haushalt sorgt durch Ausscheidung oder Bindung eines Überschusses von Säure oder gegebenenfalls auch von Basen für dieses Gleichgewicht.

Wie reguliert man seinen Säure-Basen-Haushalt?

Vormann: Im Blut haben wir verschiedenen Puffersubstanzen, die ein Zuviel an Säure abfangen können. Kurzfristig können wir den Blut-pH-Wert – das ist das Maß für die Säurekonzentration – über die Lunge regulieren. Langfristig kann ein Säureüberschuss aber nur über die Niere ausgeschieden werden, diese ist deshalb das Zentralorgan für den Säure-Basen-Haushalt.

Wann ist ein Säure-Basen-Haushalt ausgeglichen und wie lässt sich das überprüfen?

Vormann: Leider gibt es da keine einfachen Messmethoden. Im Blut wird alles gemacht, damit es nicht zu Änderungen der Säurekonzentration kommt – ist das der Fall, so ist das eine dramatische Notfallsituation. Messungen des Blut-pH sind deshalb wenig aussagekräftig. Besser ist die Messung der Säureausscheidung im Urin, allerdings ist der pH-Wert des Urins leider auch nicht sehr hilfreich, da der weitaus überwiegende Teil der Säure in gebundener Form ausgeschieden wird und es über den Tag verteilt zu großen Schwankungen kommt. Methodisch ist es leider aufwendig, die Gesamtausscheidung von Säure im Urin zu bestimmen. Deshalb ist es am zweckmäßigsten, wenn man auf die Zufuhrseite sieht und seine Nahrung hinsichtlich der Menge an verzehrten Säuren und Basen überprüft. Dieses ist mit entsprechenden Lebensmitteltabellen möglich.

Können geringe Abweichungen schon gravierende Folgen haben?

Vormann: Da wir über verschiedene Puffersysteme verfügen, können wir mit geringen Abweichungen recht gut umgehen, allerdings muss man beachten, dass die Puffersysteme nicht unendlich sind und immer wieder aufgefüllt werden müssen.

Was sind Symptome für einen unausgeglichenen Säure-Basen-Haushalt?

Vormann: Eine langfristige Säurebelastung führt zu Änderungen der Säurekonzentration – nicht im Blut, aber in den Bereichen um die Zellen herum. Diese Ansäuerung erhöht das Risiko für Schmerzentstehung, da Schmerzrezeptoren auf Säure reagieren. Außerdem wird eine Säurebelastung auch durch Freisetzung von Basen und Mineralstoffen aus dem Knochen kompensiert. Auf Dauer wird dadurch die Knochenfestigkeit beeinträchtigt.

Welche Lebensmittel sorgen für einen Säureüberschuss?

Vormann: Generell sind es nicht die sauer schmeckenden Lebensmittel, die uns einen Säureüberschuss bringen, denn die enthalten meistens auch viele Basen – die wir allerdings nicht schmecken können. Die Säurelast stammt vielmehr aus dem Verzehr von Protein. Protein enthält bestimmte Aminosäuren, bei deren Abbau im Stoffwechsel Säure produziert wird. Man sollte jetzt aber nicht auf Protein verzichten, das ist für viele Stoffwechselprozesse sehr wichtig, vielmehr muss man dafür sorgen, dass die Säurebelastung durch ausreichend Basen in der Nahrung kompensiert wird. Basen sind vor allem in Gemüse, Salat und Obst enthalten.

Durch einen ernährungsbedingten Säureüberschuss können unter Umständen Krankheiten entstehen. Welche sind das?

Vormann: Ein ausgeglichener Säure-Basen-Haushalt ist überall im Körper wichtig, dementsprechend gibt es nicht das eine Symptom einer Übersäuerung, sondern bereits vorhandene Probleme werden verschärft. Da ein Überschuss von Säure im Bindewebe die Schwelle für Schmerzauslösung senkt und zusätzlich auch biochemische Strukturen verändert, sind jedoch insbesondere Schmerzen und Einschränkungen im Bewegungsapparat oft mit einer lokalen Übersäuerung verbunden. Auch bei chronisch entzündlichen Prozessen führt eine lokale Säurelast oft zu vermehrten Symptomen. Die Belastung des Knochens kann Probleme wie Osteoporose verstärken.

Lassen sich die Beschwerden durch Basen lindern?

Vormann: Bei vielen Erkrankungen lässt sich durch eine erhöhte Zufuhr von Basen eine Verbesserung von Symptomen erreichen. Studien zeigten, dass bei Patienten mit chronischen Rückenschmerzen oder auch mit Rheuma ein Basensupplementierung eine deutliche Symptomverbesserung brachte.

Inwiefern hängt die Ernährung mit dem Säure-Basen-Haushalt zusammen?

Vormann: Die sogenannte westliche Ernährung bringt praktisch täglich einen deutlichen Säureüberschuss, da insbesondere der Verzehr von Gemüse, Salat und Obst oft zu kurz kommt. Dieser Säureüberschuss muss dann über die Niere eliminiert werden. Zusätzlich haben wir allerdings das Problem, dass wir mit zunehmendem Alter einen Verlust von Nierenkapazität erleiden. Ab einem Alter von ca. 20 Jahren verlieren wir durchschnittlich ein Prozent Nierenleistung pro Lebensjahr. Gerade bei Älteren ist die Niere oft damit überfordert, die Säurelast vollständig auszuscheiden. Bei unveränderten Ernährungsgewohnheiten rutscht man deshalb mit zunehmendem Alter in das Problem der Übersäuerung hinein, da die überschüssige Säure die Pufferkapazität des Körpers erschöpft.

Ein ausgeglichener Säure-Basen-Haushalt lässt sich wunderbar mit regelmäßigem Genuss von einem großen gemischten Salat, mit allem was in der jeweiligen Jahreszeit verfügbar ist, erreichen. Das Brot dazu lasse ich liegen. Auch beim Verzehr von Fleisch oder Käse sollte man die Menge der Proteinportion mit mindestens der drei- bis vierfachen Menge an Gemüse begleiten. Mit hydrogencarbonatreichem Mineralwasser lässt sich der Säure-Basen-Haushalt ebenfalls unterstützen. Wer es nicht schafft, immer ausreichend Basen zu essen, kann auch mit sinnvollen Basenpräparaten gelegentlich für den notwendigen Ausgleich sorgen.

(eee/spot)