03.01.2021 09:44 Uhr

Berlins Boulevardkönig hat eine neue Heimat

Nach fast 27 Jahren endete am 31. Dezember bei der Berliner Zeitung die Zeit des fein ironisch schreibenden, dabei nie von dem in der Medienbranche so weit verbreiteten Zynismus angekränkelten Kolumnisten Andreas Kurtz (54).

Wolfgang Bahro und sein Co-Autor Andreas Kurtz. © imago images / Future Image

Der Mann hat viele Fans, die seinen Abgang von dem Blatt, das ihn zuletzt schon nicht mehr gut behandelte (im Zuge einer erneuten Layoutreform wurde z.B. sein Kolumnistenfoto durch eine emotionsfrei hingeschluderte Vignette auf Hobby-Zeichenzirkel-Niveau ersetzt) bedauern.

Regisseurin und Drehbuchautorin Anika Decker reagierte bei Facebook entgeistert auf die Nachricht vom Ende der Kurtz-Kolumne in der Berliner Zeitung: „Waaaaas?“

Unverständnis in der Branche

Modedesignerin Nanna Kuckuck will sich das nicht bieten lassen: „Neeee, das geht nicht… ich lege ein Veto ein… die ticken doch nicht ganz richtig.“ Sängerin Katharine Mehrling beklagt: „Welch ein Verlust für die Berliner. Danke lieber Andreas für so viele zauberhafte Portraits.“ Auch Gesine Cukrowski schmerzt der angekündigte Abschied: „Wie schade! Wir werden Dich alle sehr vermissen…“

Sängerin Pascal von Wroblewsky bekommt viel Zustimmung von anderen Künstlerin für ihren Dank an Kurtz: „Du hast so vielen Künstlern ein wunderbares Podium geboten, uns Himmelbetten gebaut und darin den Lesern entgegengeschaukelt und tolle Unterstützung gegeben. Und es kotzt mich ganz schön an, dass du nach so vielen Jahren ohne Vorhang gehen sollst? Du sollst ganz viele Vorhänge bekommen und ein Standing Ovation von mindestens zwei Stunden! Danke, Danke, Danke!“

Ein Verlust für die Berliner Zeitung

Hans-Peter Wodarz, der Pionier der Event-Gastronomie, fasst seine Gedanken so zusammen: „Das wird leider ein kulturelles journalistisches Loch in der Berliner Zeitung hinterlassen! In Ihren Kolumnen war immer eine Liaison von Humor & Geist von Herz & Seele!“ Jürgen Schau, der ehemalige Boss von Columbia Pictures Deutschland, konstatiert: „Ein Verlust für die Berliner Zeitung. Diese Zeitung ist jetzt verloren!“ Schauspieler Matthias Freihof („Coming Out“, „Siska“) ahnt, wohin die Reise geht: „Ich bedauere das sehr! Schmerzlich! Trotzdem bleiben du und Christian für die LEUTE und vor allem für uns Künstler eine geliebte, kompetente Instanz. Folgen wird dir sicher eine von diesen unzähligen selbsternannten ‚Society-Expertinnen‘, die auf Bild-Niveau selbstverliebt, anmaßend und ohne professionelle oder menschliche Kompetenz herumschwadronieren. Tschüss Berliner Zeitung.“

Der wütende Mob, der Fackeln und Mistgabeln schwingend durch die sozialen Netzwerke marodiert und „Nie mehr Berliner Zeitung!“ skandiert, wird bei Facebook von Filmproduzentin Dr. Alice Brauner angeführt.

„Auf zu neuen Ufern!“

Sänger Dirk Zöllner schreibt zum Abschied, Kurtz sei immer „eine Art Gallionsfigur“ gewesen. RBB-Moderatorin Britta Elm ermuntert: „Auf zu neuen Ufern!“

Die Nachricht von der neuen Kurtz-Kolumne in der Berliner Morgenpost kommentiert Showlegende Max Schautzer so: „Qualität setzt sich durch! Viel Glück und Erfolg!“ Sängerin Angelika Mann: „Das wird ein tolles Jahr für Dich. Du bist und bleibst eine Berliner Institution.“ Schauspielerin, Produzentin und Regisseurin Saralisa Volm jubelt: „Das ist soooo eine tolle Nachricht!“

Schauspielerin und Moderatorin Minh-Khai Phan-Thi freut sich: „Danke Dir für all die Jahre! Und eine neue Tür geht auf und dabei wünsche ich dir soo viel Spaß!“ Schauspieler Claus Theo Gärtner (der Matula aus „Ein Fall für Zwei“): „Da kommt Freude auf.“ Und rbb-Reporterlegender Ulli Zelle hat es natürlich wieder vorher gewusst: „War mir klar, dass die Headhunter der Branche sich den Mann über Kurtz oder lang greifen werden! Glückwunsch!“

Sogar ein leitender Redakteur der Berliner Zeitung schreibt öffentlich bei Facebook: „Die Morgenpost ist zu beneiden. Ich werd sie jeden Sonntag kaufen.“

So geht’s weiter

Kurtz selbst, das war abzusehen gewesen, muss sich nach dem Ende bei der Zeitung, für die er fast drei Jahrzehnte schrieb, nicht langweilen. Direkt am 3. Januar startet im Konkurrenzblatt Berliner Morgenpost seine neue Kolumne „Die Lebenden & die Toten“, für die er sich mit Promis und Nichtprominenten über die existenziellen Fragen des Lebens und des Sterbens unterhält. Dabei kann er auch aus Erfahrungen schöpfen, die er aus seiner neuen Arbeit als Trauerredner zieht. Seine erste Trauerrede steht dann auch im Mittelpunkt der Kolumnen-Premiere in der Berliner Morgenpost. Das Foto dafür hat Christian Schulz (59) beigesteuert, der seit fast 22 Jahren die Bilder für die Kurtz-Kolumnen liefert.

Der Abschiedsbrief von Kurtz und Schulz an „Freunde, Kollegen, Ansprechpartner, Unterstützer, Verfolger, Genervte, Nerver, Nutze, Nichtsnutze, Spaßmacher und -versteher“ beginnt mit dem Ausruf „Das ist das Ende!“ und der Klage: „Nach fast 27 Jahren wurde uns unser Spielplatz genommen.“ Die beiden Kolumnen-Legenden konstatieren darin völlig zutreffend: „Wir hatten und verbreiteten jede Menge Spaß.“ Und stellen fest: „Das Schicksal versucht gerade mit aller Macht, uns auseinanderzureißen. Das wird ihm allerdings nicht gelingen!“

„Die Lebenden & Die Toten“

Wie es für den Schreiber und seinen Lieblingsfotografen weitergeht, wird so umschrieben: „Während die Fachkraft für hochwertige Fotografie zu buchen ist, schreibt der Kolumnendrechsler ab dem heutigen 3. Januar weiter – jeden Sonntag die neue Kolumne „Die Lebenden & Die Toten“ in der Berliner Morgenpost (mit Bildern von Christian Schulz). Und Bücher. Wir hoffen auf weitere Aufgaben, die wir als Dreamteam gemeinsam angehen können.“ Sie danken „für Unterstützung und freundliche Worte. Gestern, heute und morgen. Wir sind dann mal weg. Und gleich wieder da.“

Ein Abgang mit Stil für ein Duo mit Vergangenheit und Zukunft. (PV)