Sonntag, 9. September 2018 16:21 Uhr

Bully Herbigs Fluchtballon vorm Reichstag: Eine unglaubliche Geschichte

Am Samstagnachmittag fand vor dem Berliner Reichstag ein besonderes Spektakel statt. Es hatte den Anschein, als wolle da jemand einen riesigen Ballon steigen lassen…

Bully Herbigs Fluchtballon vorm Reichstag: Eine unglaubliche Geschichte

Der Nachbau des echten Ballons. Foto: AEDT/WENN.com

Doch dahinter verbarg sich ein Fototermin mit eines imposanten, originalgetreuen Nachbau eines DDR-Fluchtballons. Die Schauspieler David KrossFriedrich Mücke (für eine neue Rolle erblondet) und Karoline Schuche rührten die Werbetrommel für den neuen Bully-Herbig-Film ‚Ballon‘. Der ist ausnahmsweise mal ein Politthriller!

Basierend auf einer wahren Geschichte verfilmt Michael Bully Herbig mit „Ballon“ den wohl spektakulärsten Fluchtversuch aus der DDR. Sommer 1979 in Thüringen: Die Familien Strelzyk und Wetzel haben über zwei Jahre hinweg einen waghalsigen Plan geschmiedet: Sie wollen mit einem selbst gebauten Heißluftballon aus der DDR fliehen.

Bully Herbigs Fluchtballon vorm Reichstag: Eine unglaubliche Geschichte

David Kross, Karoline Schuch, Friedrich Mücke. Foto: AEDT/WENN.com

Doch der Ballon stürzt kurz vor der westdeutschen Grenze ab. Die Stasi findet Spuren des Fluchtversuchs und nimmt sofort die Ermittlungen auf, während die beiden Familien sich gezwungen sehen, unter großem Zeitdruck einen neuen Flucht-Ballon zu bauen.

Mit jedem Tag ist ihnen die Stasi dichter auf den Fersen – ein nervenaufreibender Wettlauf gegen die Zeit beginnt… Soweit zur Story des Thrillers. Kinostart ist am 27. September.

Die Berliner Premiere findet am Donnerstag, den 13. September im Zoo Palast Berlin in Anwesenheit des Produzenten und Regisseurs Michael Bully Herbig statt. Auch dabei die Hauptdarsteller Friedrich Mücke, Karoline Schuch, David Kross und die deutschen Hollywood-Exporte Alicia von Rittberg und Thomas Kretschmann sowie den Zeitzeugen.

Hintergrund

Bereits am Morgen nach der Flucht berichteten deutsche und internationale Medien über die „spektakulärste DDR-Flucht“, das Hamburger Magazin „Stern“ sicherte sich umgehend die journalistischen Exklusivrechte, der US-amerikanische Konzern Disney verfilmte die Geschichte und brachte sie 1982 unter dem Titel Night Crossing (Mit dem Wind nach Westen) weltweit in die Kinos.

Bully Herbigs Fluchtballon vorm Reichstag: Eine unglaubliche Geschichte

Foto: Studiocanal GmbH / Marco Nagel

„Ich war damals noch sehr jung, hab´ mir aber gedacht: Wenn Hollywood mit US-Schauspielern eine Geschichte verfilmt, die in Deutschland passiert ist, dann muss das etwas ganz Aufregendes und Spektakuläres sein“, sagt Michael Bully Herbig, der 1968 in München zur Welt kam. „Viele Menschen haben versucht, aus der DDR zu fliehen. Sie haben sich im Kofferraum versteckt, Tunnel gegraben, wollten Flugzeuge entführen oder sind durch Flüsse geschwommen“, listet der Filmemacher auf, „aber einen riesigen Ballon zu nähen, sich zu acht in eine windige Gondel mit ein paar Seilen drumherum zu zwängen und damit auf 2000 Meter Höhe aufzusteigen, ist extrem waghalsig.“

Familien bis heute zerstritten

Die Idee zu einem neuen Film wurde erst 2011 konkret, als der Regisseur, Autor, Produzent und Schauspieler von der Deutschen Filmakademie gefragt wurde, ob er sich für ein sogenanntes Werkstattgespräch zur Verfügung stellen würde: „Ich saß vor etwa 20 Mitgliedern der Filmakademie, wir unterhielten uns über das Filmemachen, und irgendwann fragte mich jemand, ob ich mir auch mal ein anderes Genre als die Komödie vorstellen könnte, zum Beispiel einen Film wie Das Leben der Anderen. Ich sagte, es gibt in der Tat einen Stoff, der mich nicht loslässt, nämlich die Geschichte der beiden Familien, die mit einem Heißluftballon aus der DDR in den Westen geflohen sind. Auf einmal höre ich von links hinten eine Frauenstimme, die zweimal ruft: ‚Don’t touch it!‘ Das war Kit Hopkins, die Drehbuchautorin.“

Bully Herbigs Fluchtballon vorm Reichstag: Eine unglaubliche Geschichte

Regisseur Michael Bully Herbig (m.) und Thomas Kretschmann (Oberstleutnant Seidel, l.) am Set. Foto: Studiocanal GmbH / Marco Nagel

Hopkins erinnert sich: „Genau diese Story hatte ich schon seit Jahren gemeinsam mit Thilo Röscheisen entwickelt. Deshalb sprang ich auf und rief ‚Don’t touch it! It’s ours!‘ In der Pause kam ich dann mit Bully ins Gespräch. Er bat mich, ihm unser Material zu schicken.“ Das Autorenduo hatte ein Treatment für einen Fernsehzweiteiler geschrieben, der anderen dramaturgischen Gesetzen folgte als ein Kinofilm.

„Ich wollte den Film fürs Kino machen und unbedingt die echten Familien mit ins Boot holen“, sagt Michael Bully Herbig. „Für mich lag der Reiz darin, den wahren Ereignissen so nah wie möglich zu kommen und diesen Film den heutigen Sehgewohnheiten anzupassen. Also nahmen Kit Hopkins, Thilo Röscheisen und ich Kontakt zu den Familien Strelzyk und Wetzel auf.“

Bully Herbigs Fluchtballon vorm Reichstag: Eine unglaubliche Geschichte

Peter (Friedrich Mücke) und Frank Strelzyk (Jonas Holdenrieder). Foto: Studiocanal GmbH

Peter und Doris Strelzyk waren wenige Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung zurück in ihr früheres Haus im thüringischen Pößneck gezogen, Günter und Petra Wetzel wohnten im oberfränkischen Hof. „Aus Gründen, die mich nichts angehen, hatten beide Paare schon Jahre vorher jeden Kontakt zueinander abgebrochen, weshalb wir sie nicht gemeinsam an einen Tisch bekamen“, sagt Michael Bully Herbig, „aber keiner hat schlecht über den anderen geredet, als wir sie getrennt voneinander interviewt haben.“

Rechte an Disney verkauft

„Ich habe mich sehr über das Vertrauen beider Familien gefreut“, sagt Michael Bully Herbig im Pressematerial zum Film.. „Die Gespräche waren besonders aufschlussreich und haben dem Projekt einen Riesenschwung gegeben. Wir haben Beraterverträge mit beiden Familien abgeschlossen, damit wir bei der Drehbuchentwicklung und auch bei den späteren Dreharbeiten stets auf ihr Wissen zurückgreifen konnten.“ Doch dann kam es zu einem, Rückschlag.

Bully Herbigs Fluchtballon vorm Reichstag: Eine unglaubliche Geschichte

Foto: Studiocanal GmbH / Marco Nagel

„Im Laufe der Drehbuchentwicklung stellte sich dann leider heraus, dass die Familien Ende der 70er die kompletten Rechte ihrer Lebensgeschichte an den Disney-Konzern verkauft hatten“, beschreibt Kit Hopkins den Beginn einer drei Jahre dauernden Phase der Ungewissheit, die auch an Michael Bully Herbigs Nerven zerrte. Aber der Filmemacher ließ nicht locker und unternahm einen letzten Versuch. „Ich dachte mir: Jetzt will ich´s wissen und bin nach Los Angeles geflogen, um Kontakt zu Roland Emmerich aufzunehmen. Ich hatte ihn ein paar Jahre zuvor kennengelernt.

Also rief ich ihn an, durfte ihn besuchen und er verstand sofort, was für einen Film ich im Kopf hatte. Der Zufall wollte, dass zwei seiner früheren Produktionspartner von Sony und Warner gerade zu Disney gewechselt waren. Dann sagte Roland diesen unglaublich lässigen Satz: „Ich ruf die gleich mal an“. Eine Woche später hatte ich einen Termin bei Sam Dickerman von Disney. Um die Geschichte abzukürzen: Mit Roland Emmerichs Hilfe gelang es, die deutschsprachigen Remake-Rechte zu bekommen.“

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