14.10.2020 14:51 Uhr

Caspar David Friedrich und seine Antipoden

Er ist heute einer der berühmtesten Maler der Romantik. Kaum vorstellbar, dass Caspar David Friedrich zu Lebzeiten selbst bei Goethe in Ungnade fiel. Eine Ausstellung in Düsseldorf - im Frühjahr dann in Leipzig - spürt die Gründe für den Fall Friedrichs auf.

Roland Weihrauch/dpa

Es war bitter für Caspar David Friedrich, als sein Stern schon früh zu sinken begann. Da war er erst Mitte 30. Zu düster, zu weltfremd waren die Landschaften, nebelverhangenen Gebirge und Menschen allein in Andacht vor der Natur für den Zeitgeschmack.

Ausgerechnet Johann Wolfgang von Goethe verpasste dem sächsischen Maler schon um 1810 den künstlerischen Todesstoß: zu schwer, zu frostig, zu wenig lebensbejahend fand der große Dichter die Kunst Friedrichs. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts wurde Caspar David Friedrich (1774-1840) wiederentdeckt – und bis heute gilt er gerade wegen seiner Naturgemälde als der Malerstar der Romantik.

Einer der Gründe für den frühen Abstieg Friedrichs ist auch in Düsseldorf zu finden: Am Rhein stieg in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Düsseldorfer Malerschule mit ihren großformatigen, dramatischen und aktionsgeladenen Bildern zu Ruhm auf, während die mystifizierend religiösen Motive Friedrichs abgehängt wurden.

Die Ausstellung „Caspar David Friedrich und die Düsseldorfer Romantiker“ stellt ab Donnerstag (bis 7. Februar) im Museum Kunstpalast rund 50 Gemälde und Zeichnungen Friedrichs sowie Bilder seiner Dresdner Malerkollegen den Werken der Düsseldorfer Malerschule gegenüber. Die Ausstellung ist dann vom 3. März bis 6. Juni 2021 im Museum der Bildenden Künste Leipzig zu sehen.

Plakativ wird gleich zu Beginn deutlich gemacht, wie groß die Kluft zwischen dem menschenscheuen Sonderling aus Greifswald und den feierfreudigen Düsseldorfern war. Auf der einen Seite ein Gemälde des einsamen Malers Friedrich im Atelier, auf der anderen Seite das Bild der fröhlich zechenden jungen Maler vom Rhein in einem chaotischen Atelier.

Während Friedrich symbolisch die Lebensstufen des Menschen als Familienbild am Meer mit Segelschiffen auf spiegelglattem Wasser malt, lässt es der weitaus jüngere Düsseldorfer Malerstar Andreas Achenbach (1815-1910) richtig krachen. Auf dem monumentalen Gemälde eines Seesturms versinkt ein Schiff vor einem Felsenriff in der aufgepeitschten und grell erleuchteten See. Beide Bilder sind pointiert an gegenüberliegenden Wänden platziert.

Bescheiden hängt neben dem großen Achenbach-Katastrophenbild noch einer kleiner Friedrich. Ganz nah muss man herantreten, um vor schwarzem Himmel und dunkler See ein Fischerboot zwischen zwei Felsen zu erkennen. Fast abstrakt sind Friedrichs Landschaften, während etwa auf dem Bild „Das Wetterhorn“ des Düsseldorfer Malers Johann Wilhelm Schirmer mit Felsen und schneebedeckten Gipfeln richtig viel los ist.

Friedrichs Bilder werden immer düsterer, die Düsseldorfer feiern mit technischer Raffinesse die Ruinen- und Mittelalterromantik. „Autorenfilm trifft Hollywood“, beschreibt Kunstpalast-Direktor Felix Krämer den Gegensatz. Friedrich sei ernst und nachdenklich gewesen. „Bei den Düsseldorfern wird viel mehr geklotzt.“

Friedrichs Kunst habe eine religiöse Botschaft, sagt Kuratorin Bettina Baumgärtel. „Er wollte Mittler zwischen Himmel und Erde sein.“ Die Düsseldorfer Maler aber kämpften offen für demokratische Rechte. Bis heute werde Friedrich dagegen als einsames Künstlergenie stilisiert. „So wollen wir unseren Friedrich haben“, sagt Baumgärtel.

Zwar werden die bekanntesten Bilder Friedrichs wie der Kreidefelsen auf Rügen oder der Wanderer über dem Nebelmeer derzeit nicht verliehen. Dennoch ist die Düsseldorfer Schau laut Krämer eine der größten Ausstellungen zu Caspar David Friedrich seit etlichen Jahren – und „ein kleines Wunder“. Denn die Leihgaben kamen auch aus dem Louvre in Paris, Madrid und der Alten Nationalgalerie in Berlin. Wegen der Corona-Beschränkungen mussten die wertvollen Werke teils an den Grenzen übergeben werden.

„Der kurze Aufstieg und der lange Fall des Caspar David Friedrich – so hätte man die Ausstellung auch nennen können“, sagt der Leipziger Kurator Jan Nicolaisen. Auf noch längere Sicht aber hat Friedrich das Rennen gemacht. Heute sind Kreidefelsen und Nebelwanderer weltbekannt. Die Düsseldorfer Malerschule ist dagegen etwas für kunsthistorische Feinschmecker.

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